In dieser Schule starben 150 Kinder unter den Trümmern. Foto: Ingrid Müller
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Zehn Jahre nach dem Erdbeben Warum Haiti noch immer nicht zur Ruhe kommt

Am 12. Januar 2010 starben in Haiti in 60 Sekunden hunderttausende Menschen. Die Hilfsbereitschaft war riesig, die Erfolge aber sind bis heute mäßig.

Eigentlich hatten sie gehofft, dass es jetzt wieder ruhiger würde. Dass die tausende Kinder, für die sie nach dem verheerenden Beben vor zehn Jahren in Haiti wieder Schulen gebaut haben, endlich wieder ungestört lernen können. Immerhin sind seit Mitte Dezember die Schulen wieder offen. Doch dann traf den Landesdirektor der Kindernothilfe, Pierre-Hugue Augustin, die schlimmste Nachricht: Ein Junge wurde erschossen.

Direkt vor den Augen von Pastor Luckner-Guervil, der in einem der gefährlichsten Slums der Hauptstadt am Hafen eine ambitionierte Schule für 257 Kinder leitet, starb ein 16-Jähriger, berichtet Augustin leise am Telefon. Er wurde Opfer von Gangkämpfen. „Mehr hat Pastor Luckner noch gar nicht sagen können, der Schock sitzt zu tief.“

Der Junge gehörte zu denen, die am untersten Ende der Armen des insgesamt armen Landes stehen. Er war Restavek, eines von mehreren hunderttausend Sklavenkindern in dem Land, das 1804 Sklaven von den französischen Kolonialherren befreiten.

Die Sklavenkinder von heute leben bei fremden Familien in all den Armenvierteln, müssen dort den Haushalt machen und selbst oft auf dem Boden hausen. Auch diese Kinder versucht Luckner wenigstens zeitweise in die Schule zu lotsen. 68 Restavek lernen in dem kargen Raum in Wharf Jeremie, mehrere Klassen gleichzeitig.

Wo die Schwestern heute sind, ist nicht bekannt

Pastor Luckner und seine Crew erhielten damals schon ein paar Tage nach der Katastrophe Unterstützung. Kindernothilfe-Koordinator Jürgen Schübelin, der insgesamt 20 Jahre für die Region zuständig war, stand trotz der Warnung, die Gegend sei für Weiße zu gefährlich, rasch in den Trümmern. Alle hatten eine Gänsehaut, als die kleine Joanne, Restavek wie ihre Schwester Michelle-Ange, in der Trostlosigkeit ein Lied anstimmte. Eine Stimme der Hoffnung.

Pierre-Hugue Augustin nennt sich selbst einen Optimisten. In Wharf Jeremie bringen sie den Älteren einfache Schneider- und Schustertätigkeiten bei, damit sie etwas verdienen können. In diesem schwierigen Umfeld ist das ein Erfolg. Ob Joanne und ihre Schwester, die später in der ebenfalls mit Unterstützung der Kindernothilfe aufgebauten Schule der Heilsarme für fast 2000 Schüler im Viertel Delmas 2 mit dem klangvollen Namen College Verena gingen, es in einen Job geschafft haben, sie wissen es nicht.

Aber einige Absolventen seien an die Uni gegangen, erzählt Augustin mit einigem Stolz. Die Schwestern wären heute 20 und 22 Jahre, sie kamen nur selten zur Schule und klagten bei einem Besuch über Belästigungen durch Jungs, die dort draußen heute mehr denn je um die Macht im Viertel kämpfen.

Viele Banden, da sind Beobachter überzeugt, werden von Politikern mit Waffen ausgestattet, sie selbst könnten sich die nie leisten. Die Bewaffneten sichern diesen Politikern Wählerstimmen, entführen Menschen, brennen Häuser nieder. Auch die Familien von vier ihrer Schützlinge verloren so ihr Hab und Gut. „Wir unterstützen sie jetzt“, sagt Augustin.

Hunderttausende Tote nach einer Minute, in der der Boden bebte

Bei dem katastrophalen Beben am 12. Januar 2010 kamen nach Regierungsangaben in nur 60 Sekunden 316.000 Menschen ums Leben, andere schätzen die Toten auf immer noch unglaubliche 230.000, weitere 300.000 wurden verletzt, zwei Millionen Menschen verloren ihr Obdach, rund 80 Prozent aller Schulen stürzten ein. Auch das Team der UN-Mission starb unter Trümmern. Die Staaten der Welt und viele Prominente wie Sean Penn und die Clinton-Stiftung versprachen Milliarden.

Die Hilfe startete chaotisch – auch moderne Glücksritter fielen in dem Karibikstaat ein. Manchem Möchtegern-Helfer musste selbst geholfen werden. Mit dem Run auf Haiti kamen Organisationen verschiedenster Größe und Seriosität. Auch die Minustah-Friedenstruppe der UN, die bis 2017 im Land war, spielte mit sexuellen Übergriffen und bei einer Cholerakatastrophe eine unrühmliche Rolle.

In Zelten startete mitten im Schutt der Unterricht  

Die Kindernothilfe engagiert sich seit 1973 in Haiti, hatte deshalb einheimische Partner. Aber mit dem Beben „war uns der Teppich unter den Füßen weggezogen. Neun von zehn unserer Schulen waren eingestürzt“, erinnert sich Schübelin. Sie fingen von vorne an, zunächst in Zelten. Die Lehrer entwickelten eine „unglaubliche Kreativität, um aus dem Nichts Unterricht zu gestalten“, freut Schübelin sich noch heute.

Schwester Gisele, Schwester Evanette und Pierre-Hugue Augustin von der Kindernothilfe. Foto: Jürgen Schübelin Vergrößern
Schwester Gisele, Schwester Evanette und Pierre-Hugue Augustin von der Kindernothilfe. © Jürgen Schübelin

Inzwischen stehen die neun Schulen wieder und es gibt vier neue Bildungszentren, bebensicher. 17,9 Millionen Euro investierten sie in Haiti, so die Duisburger.

Auch viele Tagesspiegel-Leser halfen – etwa über das rasch vom Tagesspiegel mitorganisierte Benefizkonzert „Berlin hilft Haiti“ in der Philharmonie, dessen Erlös an das „Bündnis Entwicklung Hilft“ ging, zu dem die Kindernothilfe gehört. Die Duisburger bilden auch Lehrer fort, sie arbeiten mit Familien, auch um die verbreitete Gewalt einzudämmen.

Ihr erfolgreichstes Engagement nennt Schübelin die gut 6000 Frauen in Selbsthilfegruppen, die auch ein Kreditsystem aufgebaut haben. Diese selbstbewussten Frauen machen ihm Hoffnung.

Kindernothilfe-Koordinator: Die staatlichen Strukturen hätten gestärkt werden müssen

Nicht zuletzt mit Blick auf viele zähe Gespräche über Baugenehmigungen zu horrenden Gebühren wünschte er sich im Rückblick, dass die internationale Hilfe auch die Stärkung der noch vorhandenen staatlichen Strukturen im Blick gehabt hätte. Das sei „völlig falsch“ gelaufen. Es gab auf vielen Ebenen Probleme. Heute nennt mancher sogar den damals als überfordert geltenden Präsidenten Preval den letzten echten Politiker an der Spitze des gebeutelten Landes.

Der Weg vieler Hilfsgelder lässt sich schwer verfolgen. Einige Summen wurden nie gezahlt, andere flossen in Projekte, die schon bald keinen Nutzen mehr hatten.

Nicht zuletzt der heutige Präsident, Jovenal Moise, ein Unternehmer, der seit 2017 amtiert, soll sich bereichert haben. Ein Rechnungshofbericht brachte ihn im Herbst mit einem Korruptionsskandal um einen vier Milliarden Dollar schweren venezolanischen Solidaritätsfonds in Verbindung. Über Moise-Firmen sollen Bauprojekte doppelt und zu überhöhten Preisen abgerechnet und diese auch nur zum Teil ausgeführt worden sein.

Das Land kennt viele solche Geschichten, doch der Bericht traf als Funke ein Fass voll Pulver. Es gab Massendemonstrationen, vielerorts eskalierte die Gewalt. Junge, gut ausgebildete Haitianer versuchten, gewaltfrei ein Gegengewicht zur korrupten Elite einzufordern.

Im Herbst 2019 kollabierte Haiti – quasi unbeachtet von der Welt

Doch zunächst kollabierte quasi das ganze Land, weitgehend unbeachtet. „Wir konnten nicht mehr rausgehen“, beschreibt Augustin die vergangenen Monate, als Bewaffnete Straßen blockierten. Niemand wisse, wer genau die Blockaden kontrolliere. Wenn man überfallen werde, sei man „allein“, so Augustin. „Einmal haben Leute auf unser Auto geschlagen. Vier Polizisten haben das gesehen, aber sie blieben in ihrem Auto.“

Er und sein Team haben dann von zu Hause aus gearbeitet. „Manchmal gab es keinen Strom. Dann ging gar nichts.“ Es war schwer, etwas zu essen zu organisieren. „Die Kinder sollten nicht den Preis zahlen“. sagte er. Dass sie nicht zur Schule konnten, habe das Ministerium aber nicht interessiert. Jetzt ist es etwas besser. Sie gehen ins Büro, fahren wieder in ihre Projekte, die Kinder gehen zur Schule. Aber sie bleiben auf der Hut.

Bei den Ordensschwestern lernen wieder Kinder

Auch auf dem Weg zu den Kleinen Schwestern in Carrefour. Dort, eine Stunde mit dem Auto von Port-au-Prince, lernen und essen rund 1300 Schüler zwischen drei und 17 Jahren in ihrer neuen Schule. Am 12. Januar 2010 wurden auf dem Hügel 150 Kinder, vier Lehrer und drei Ordensschwestern von den Decken ihrer Klassenräume erdrückt. Viele Leichen konnten nie geborgen werden. Der chilenische Architekt Alvaro Arriagada entwarf und baute eine neue Schule am Steilhang, die künftigen Beben standhalten soll.

Heute haben sie einen Schulgarten und einen Brunnen, damit alle Wasser haben. Das muss sonst mit Tankwagen auf den Berg gebracht werden. Jede Woche üben sie das Verhalten bei einem Beben. Selbst für seine erst sechsjährige Tochter sei das Beben ständig präsent, sagt Augustin.

Auch in Carrefour müssen viele Menschen ihr Leben als Kleinsthändler finanzieren, ein festes Einkommen haben die Wenigsten. Für manche ist schon das Schulgeld zu viel, diese Familien versuchen sie zu unterstützen. „Jedes Kind, das eine Ausbildung macht, ist eine Hoffnung“, sagt Augustin.

Lernen in der Vorschulklasse. Foto: Jürgen Schübelin Vergrößern
Lernen in der Vorschulklasse. © Jürgen Schübelin

Pierre-Hugue Augustin wünscht sich endlich einen funktionierenden Staat

Er wünscht sich eine kraftvolle Stimme der Hoffnung für sein Land. Und das kann kein kleines Mädchen sein, das in den Trümmern singt, in denen das Land heute im übertragenen Sinn liegt, obwohl neue Schulen stehen. „Die Sicherheitslage ist weiterhin nicht gut.“ Doch aufgeben ist für den Haitianer keine Option. „Wir sollten in zehn Jahren weiter sein, wir müssen in die Bildung investieren“, sagt Augustin. Sie bräuchten auch gute öffentliche Krankenhäuser.

Er sagt mit Bedacht „sollten“. Denn, „heute ist es schlimmer als vor zehn Jahren“. Damals seien sie arm gewesen, heute arm und nicht sicher. Haiti sollte „nicht mehr alle zwei, drei Jahre die Regierung wechseln“. Sein Land brauche „dringend einen funktionierenden, engagierten Staat“. Augustin hofft, dass „die Zivilgesellschaft aktiv wird und ein Dialog über die Prioritäten“ in Gang kommt, um eine neue Grundlage für sein Land zu schaffen.

Deutsches Bündnis warnt vor akuter Nahrungsmittelkrise

Derzeit, rechnet der haitianische Ökonom Alrich Nicolas vor, gibt Haiti rund 70 Prozent seiner Devisen für Lebensmittel- und Ölimporte aus. Mit den subventionieren US-Reispreisen könnten Haitis Bauern nicht konkurrieren. Das Bündnis „Aktion Deutschland Hilft“ warnt sogar vor einer akuten Nahrungsmittelkrise.

Augustin wird am Jahrestag zu den Kleinen Schwestern fahren, wo damals so viele Kinder verschüttet wurden. Und über weitere Lehren aus dem Beben nachdenken. Sie müssten auch mehr auf ihre Umwelt achten, findet Augustin.

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