Gabby Petito auf einem Polizeivideo vom 12. August 2021 Foto: AFP/Moab City Police Department
© AFP/Moab City Police Department

Wie das Netz Gabby Petitos Mörder jagt Die Hobby-Detektive von Tiktok

Hunderttausende beteiligen sich in den USA an der Suche nach dem Mörder von Gabby Petito – die Macht der sozialen Medien zeigt bereits Wirkung.

Sie teilte ihr Leben, ihre Abenteuer und die guten Seiten ihrer Beziehung auf Social Media. Hashtag: #VanLife. Nun hilft das Netz das Verschwinden der 22-Jährigen Gabby Petito aufzuklären. Und Jagd zu machen auf ihren mutmaßlichen Mörder: ihren Verlobter und Reisepartner Brian Laundrie, von dem weiter jede Spur fehlt.

Mehrere hunderttausend Personen werden jährlich in den USA als vermisst gemeldet. Doch kein Fall hat das Land in letzter Zeit so aufgerüttelt wie dieser Fall. Und in den USA ist längst eine Debatte darüber entbrannt: warum eigentlich? Der Fall: Das Paar war von New York aus zu einem Roadtrip quer durch die USA aufgebrochen. Regelmäßig postete Gabby Fotos ihrer Reise. Etliche konnten in den sozialen Netzwerken ihre Reise mitverfolgen. Video von trauter Zweisamkeit von den Campingplätzen der US-Westküste und traumhaften Nationalparks. Doch all das stoppte an einem Tag Ende August.

Der entscheidende Hinweis kommt von einem Youtuber-Paar

Gabby Petitos Verlobter Brian Laundrie kehrte am 1. September allein nach Florida zurück. Zehn Tage später meldeten Petitos Eltern ihre Tochter als vermisst. Mit der Polizei wollte Laundrie nicht über die Geschehnisse sprechen. Stattdessen brach er am Dienstag vergangener Woche angeblich zu einem Ausflug in eine Naturschutzgebiet in Florida auf. Die Polizei war zunächst ratlos, wo sie anfangen sollte nach Gabby Petito zu suchen.

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Im Netz formierte sich da schon unverhoffte Unterstützung. Der mysteriöse Vermisstenfall ist zum Renner auf diversen Social Media Plattformen geworden. Etliche Nutzer betätigen sich als Hobby-Detektive, stellten Thesen auf, verbreiten Videos der von der Polizei zur Verfügung gestellten Informationen und kommentierten sie. Eine von ihnen ist die Komikerin Paris Campbell, die am 13. September von Petitos Verschwinden gelesen hat und ihre mehr als einhunderttausend Follower auf der Video-Plattform Tiktok nutzen wollte, um sie zu finden, wie sie der „New York Times“ jetzt berichtete. In den darauffolgenden Tagen postete sie mehr als 40 Videos, analysierte darin Petitos Instagram-Feed und unterrichtete ihre Follower über die neuesten Entwicklungen.

Autopsie muss die Umstände des Todes noch klären

Mit Wirkung. Denn auch die Youtuber Kyle und Jenn Bethune, die mit ihren Kindern seit Jahren in einem Bus leben und durchs Land reisen, wurden auf die Videos aufmerksam. Sie bekamen mit, dass Petito und ihr Verlobter zur gleichen Zeit in der gleichen Gegend im Bridger-Teton National Forest gewesen sein könnten wie sie. Beide durchsuchten Fotos und Videos, fanden tatsächlich ein Bild vom weißen Van des gesuchten Paares – und informierten das FBI. Für die Behörden war das der entscheidende Hinweis. Am vergangenen Sonntag fanden sie die Leiche der vermissten Gabby Petito unweit der Stelle, an der die Familie den Van zufällig aufgenommen hatte. Eine Autopsie muss jetzt die Umstände des Todes der Frau klären. Dass sie Opfer eines Gewaltverbrechens wurde, ist mittlerweile aber sicher.

[Mehr über den Mord an Gabby Petito können Abonnenten von T+ hier lesen: Die sieben Rätsel im Fall Gabby Petito]

Die Suche nach dem Täter geht weiter und gestaltet sich schwierig. Die Ermittler durchsuchen seit Tagen des Carlton Reservat, ein Naturschutzgebiet unweit des Elternhauses von Brian Laundrie. Doch das Areal ist weitläufig, mehr als 100 Quadratkilometer. „Eine Person in der Wildnis zu finden, die gefunden werden möchte, ist bereits sehr schwer“, sagt Chris Boyer, Chef der National Association of Search and Rescue CNN.

Weil das Opfer weiß ist? US-Medien berichten über jeden Ermittlungsschritt

Doch Laundrie will nicht gefunden werden. Und hat einige Tage Vorsprung, weil die Polizei ihn erst spät als echten Verdächtigen in dem Fall führte und aktiv nach ihm suchte. Für die Ermittler ist die Suche nicht nur wenig aussichtsreich, sondern auch extrem gefährlich. In einer Stellungnahme der Polizei heißt es: „Das Carlton Reservat ist ein unerbittlicher Ort. Im Moment stehen viele Areale unter Wasser. Für die Suchteams ist das gefährlich, weil sie durch die Sümpfe waten müssen, in denen es vor Alligatoren und Schlangen nur so wimmelt, viele Pfade sind überflutet.“

Im Netz sind einige Aktivisten mittlerweile regelrecht davon besessen, Gabby Petitos Mörder zu finden, jeder Schritt der Ermittlungen wird von US-Medien berichtet. Von anderen Fällen hört man derweil wenig, wie am Montag auch die bekannte MSNBC-Moderatorin Joy Reid anprangerte. „Man fragt sich, warum die Medien nicht genauso berichten, wenn People of Color vermisst werden“, sagt sie. Und: „Es gibt einen Namen dafür: ,Vermisste-weiße-Frau-Syndrom“. Viele ihrer Kollegen stimmen ihr zu. Darunter Martin G. Reynolds, Direktor des Maynard Instituts für Journalismus. Der „New York Times“ sagt er, die Berichterstattung sei in den USA weit überdurchschnittlich höher, wenn eine weiße Frau vermisst werde.

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