Die Schauspieler Meret Becker als Hauptkommissarin Nina Rubin und Mark Waschke als Hauptkommissar Robert Karow am U-Bahnhof Zoologischer Garten. Foto: Britta Pedersen/dpa
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Von den Prinzen zu den „Tatort“-Stars Die großen und kleinen Träume nach dem Mauerfall

Meret Becker und Die Prinzen, Sebastian Urzendowsky und Sawsan Chebli: Hier erzählen sie von ihren Träumen, als die Mauer fiel, und ihren Wünschen für Berlin.

Die eine war mit einem Jongleur zusammen, als die Mauer fiel, andere verfielen dem Größenwahn. Eine kämpfte früher für die Wende in der DDR und heute gegen die AfD. Und noch einer, will die Seele Berlins bewahren.

„Wovon träumst du?“, haben wir gefragt. Viele Persönlichkeiten haben uns für unsere Sonderausgabe zum 30. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November geantwortet. Hier sind ihre Wünsche von einst und jetzt. Den Anfang machen Meret Becker und Mark Waschke. Seit 2015 spielen die beiden im „Tatort“ das Berliner Ermittlerteam Rubin und Karow.

Meret Becker: War's das?

Die Schauspielerin Meret Becker. Foto: imago/Horst Galuschka Vergrößern
Die Schauspielerin Meret Becker. © imago/Horst Galuschka

Meret Becker gehört zu den bekanntesten deutschen Schauspielerinnen. Neben Theaterengagements und zahlreichen Kinoproduktionen spielt sie im „Tatort“ – noch bis 2022. Becker ist auch als Sängerin aktiv.

1989 war ich mit Oliver Groszer, einem fabelhaften Jongleur, zusammen. Seine Mama, Franziska Groszer, wurde aus politischen Gründen zur Ausreise aus der DDR gedrängt, als er zehn war. Sie ist Schriftstellerin und hat ein sehr zu empfehlendes Jugendbuch über diesen Umstand geschrieben, „Rotz und Wasser“.

Oli und ich traten in der neu eröffneten „Scheinbar“ auf, dem kleinsten Varieté Europas – und dem ersten, das wieder aufmachte, nachdem die Nazis alle Vielfalt und wundervolle Kultur in Berlin niedergemetzelt hatten. Oli und ich traten auf, bereisten die Welt und lernten Stars des Varietés kennen, Kriss Kremo, Borra, Nathalie Enterline, Francis Brunn und viele andere. Mit den Clowns von „Nikelodeon“, Krissie Illing und Mark Britton, freundeten wir uns an. Als wir heiraten wollten, damit Olis Vater aus der DDR zu Besuch kommen könnte, fanden sie das wohl genauso unromantisch wie wir und fragten, ob denn die Mauer nicht eh irgendwann fallen würde. Wir verneinten vehement – nicht zu unseren Lebzeiten! Da war es Januar.

Am 9. November stellte sich ein junger Nachbar der „Scheinbar“ nach der Show auf die Bühne: „Die Mauer ist auf!“ Gerade würde das erste Pärchen an der Brücke an der Bornholmer Straße mit Champagner begrüßt. Wir sagten gelangweilt belustigt, er solle da runterkommen, die Show sei vorbei. „Bitte! Macht das Radio an!“ Es war großartig!

Ich fand aber die Wiedervereinigung ein Jahr später schade. Welch Chance! Ich hatte naiv gehofft, „die“ machen was Besseres. Aber der Kapitalismus ist verlockend, gefräßig und ewig hungrig. Neulich sagte jemand im Radio, auch die im Westen hätten ja die Chance nutzen können. Ja, stimmt!

Nun brennt es überall und der Kapitalismus zeigt seine Grausamkeit mit ganzer Wucht. Es ist Zeit für etwas Besseres. Jetzt!

Mark Waschke: Das war's!

Schauspieler Mark Waschke. Foto: Thilo Rückeis Vergrößern
Schauspieler Mark Waschke. © Thilo Rückeis

Mark Waschke wurde in Wattenscheid geboren und wuchs im Saarland auf. Er lebt mit seiner Familie in Berlin, wo er auch auf vielen Theaterbühnen zu Hause ist.

Als ich die verwackelten Bilder auf dem Schwarzweißfernseher meiner WG flimmern sah, rutschte mir ein seufzendes „Tja, das war's dann wohl“ raus.

„Freust du dich gar nicht?“ – „Doch, klar freu ich mich für meine halbe Verwandtschaft, dass die mal was anderes sehen können, aber die werden vom Westen verschluckt.“ Die ersten Demonstranten wollten nicht „heim ins Reich“, die wollten eine andere Regierung. Doch die Bundesregierung hat ja schnell klargemacht, wie es läuft: Wiedervereinigung, keine neue Verfassung, wie es mal angedacht war mit dem Artikel 146 des Grundgesetzes, sondern Beitritt nach Artikel 23.

Man hat die Chance einer grundsätzlichen Verfassungsdiskussion vertan, es gab kein Innehalten, ob es nicht vielleicht zwei, drei Dinge im Osten gab, die erhaltenswert sein könnten, etwa auch die ökonomische Gleichstellung der Frauen.

Dafür, dass sie im Sozialismus mitgemacht haben, müssen sich viele heute noch erklären, aber für die Verbrechen des Kapitalismus muss sich keiner rechtfertigen. Ach, die Deutschen. Mindestens 150 Tote durch rechte Gewalt seit 1990, deutsche Soldaten im ersten Einsatz nach 1945 ohne UN-Mandat, der NSU-Skandal, Verflechtung von Verfassungsschutz und Nazistrukturen: Wie wärs denn mal mit einer Grundsatzdebatte?

Den Artikel 146 gibts noch, man könnte es tun. „Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut“, sagte Karl Valentin. Warum eigentlich nicht? Wir sind das Volk. Mark Waschke

Sawsan Chebli: Unterschiede machen stark

Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli. Foto: Fabian Sommer/dpa Vergrößern
Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli. © Fabian Sommer/dpa

Sawsan Chebli ist Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales in der Berliner Senatskanzlei. Sie wurde in West-Berlin geboren.

Als die Mauer fiel, war ich elf. Wir lebten in Moabit, in der Lehrter Straße, keine 500 Meter Luftlinie von der „Vorderlandmauer“ am Schifffahrtskanal entfernt. Aber dass es eine Mauer gab, wusste ich nur, weil mein Vater immer wieder erzählte, wie er als palästinensischer Flüchtling aus dem Libanon mit dem Flugzeug nach Berlin-Schönefeld gekommen und über die Friedrichstraße nach West-Berlin gelangt war. Das Schicksal meiner 15-köpfigen Familie – Vater, Mutter und 13 Kinder – war nicht von der deutschen Teilung, sondern von anderen weltpolitischen Verwerfungen geprägt.

Trotzdem saß am Tag des Mauerfalls die ganze Familie vor dem Fernseher. Wir waren sehr aufgeregt. Irgendwas würde sich auch für uns ändern, dachten wir. Tatsächlich brachte uns der Mauerfall ebenso wie den Ostdeutschen mehr Bewegungsfreiheit. Wir waren Flüchtlinge, staatenlos, Aufenthaltsstatus: Duldung. Das bedeutete, dass wir die Bundesrepublik nicht verlassen durften. Ein Schwager erzählte, man könne in Ost-Berlin günstig essen gehen, vor allem Steaks.

Also lud er uns in das Restaurant des Fernsehturms ein. Die Steaks schmeckten komisch. Aber ich war glücklich: Zum ersten Mal in meinem Leben in einem richtigen Restaurant zu essen. Und dieser Blick auf meine Stadt – ein unvergessliches Erlebnis, ein Abenteuer!

Echte Reisefreiheit kam für mich aber erst vier Jahre nach dem Mauerfall, als wir eingebürgert und damit endlich echte Deutsche wurden. Heute bin ich als Staatssekretärin im Berliner Senat unter anderem für das Protokoll und die internationalen Gäste rund um die Jubiläumsfeier verantwortlich. Ich bin viel rumgekommen, auch als Sprecherin des deutschen Außenministers. Doch keine Stadt verzaubert mich so sehr wie meine Heimatstadt. Berlin ist heute nicht nur ein Symbol für Freiheit, sondern auch dafür, dass man überwinden kann, was lange als unumstößliche Tatsache galt: die Teilung unserer Stadt.

Ich bin West-Berlinerin und überzeugte Charlottenburgerin. Das Bewusstsein für die Geschichte und die verschiedenen Biografien und Identitäten in meiner Stadt ist mir bis heute sehr präsent. Aber Berlin beweist, wie eine Stadt zusammenwachsen kann, trotz – oder gerade wegen – dieser verschiedenen Identitäten.

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Unsere Unterschiede trennen uns nicht mehr, sie machen uns sogar stärker. In Zeiten extremer gesellschaftlicher Polarisierung und spalterischer Freund-Feind-Rhetorik im ganzen Land macht mir das sehr viel Mut und Hoffnung. Und im Fernsehturm, der am 2. Oktober sein 50-jähriges Jubiläum gefeiert hat, bin ich noch einige Male gewesen und habe köstlich gegessen. Die Aussicht berührt mich noch immer. Sawsan Chebli

Die Prinzen: Man muss nicht mehr heimlich träumen

Die Prinzen sind (von rechts) Sebastian Krumbiegel, Tobias Künzel, Wolfgang Lenk, Jens Sembdner, Henri Schmidt und Mathias Dietrich. Foto: Sven Darmer Vergrößern
Die Prinzen sind (von rechts) Sebastian Krumbiegel, Tobias Künzel, Wolfgang Lenk, Jens Sembdner, Henri Schmidt und Mathias Dietrich. © Sven Darmer

Die Prinzen stammen aus Leipzig und sind eine der erfolgreichsten deutschen Musikgruppen, mit Hits wie „Alles nur geklaut“, „Du musst ein Schwein sein“ und „Deutschland“. Sie erfüllten sich ihren Traum – obwohl er größenwahnsinnig war.

Aufgezeichnet von Robert Ide.

Sebastian Krumbiegel: Gerade waren wir als Band am Brandenburger Tor, sind gemeinsam hindurchspaziert. Früher stand ich als Kind oft davor und habe gesehen, dass es nicht weitergeht. Und das Schöne ist: Das Leben geht immer anders weiter, als man denkt.

Henri Schmidt: Endlich alles von der Welt zu sehen, frei zu sein – das war mein Traum vor 30 Jahren. Was mich heute überrascht: Inzwischen bin ich länger Bundesbürger als DDR-Einwohner. So alt bin ich geworden.

Sebastian Krumbiegel: Mein Traum war immer, Musik zu machen für möglichst viele Leute. Als die Mauer fiel, waren wir als Band so größenwahnsinnig zu sagen: Dann werden wir eben gesamtdeutsche Popstars. Was wir im Osten angefangen haben, machen wir im Westen weiter. Dass es am Ende tatsächlich so gekommen ist, hing natürlich mit vielen Zufällen zusammen – und mit Menschen, die uns geholfen haben. Und hey, wir haben den Zeitgeist getroffen damals: die Freude, die Euphorie – alle lagen sich weinend in den Armen und haben gesungen. Aber dann ist es gekippt. Heute würde ich mir schon wünschen, dass wir mehr aufeinander zugehen – dass Osten und Westen nach dem Gemeinsamen suchen. Ossi und Wessi – das kommt zurück. Ich finde das sehr schade.

Tobias Künzel: Das liegt eben an der Herkunft. Die Kinder bekommen die Erfahrungen, auch die mancher Zurücksetzung durch den Westen, von ihren Eltern mit. Ich glaube, das dauert noch 50, 60, 70, ach was, 100 Jahre, bis sich das wirklich verwachsen hat. Das klingt für manche jetzt sicher wie ein Albtraum.

Sebastian Krumbiegel: Unterschiede gibt es immer, das ist nicht schlimm. Selbst Leipzig und Dresden sind sich nicht gleich. Es geht auch nicht um Gleichmacherei, sondern um gleiche Chancen. Darum, dass man den Osten nicht aufgibt, ihn nicht einfach abtut: Da drüben ist die AfD-Kacke am Dampfen, lasst uns mal schnell die Mauer wieder hochziehen. Nein, wichtig ist, die Abwanderung der jungen Leute zu stoppen. Und mehr Austausch zu haben.

Wolfgang Lenk: Wenn wir in Ostdeutschland als Band unterwegs sind, merken wir, was für ein Glück wir hatten. Für uns als Musiker ging es nach dem Umbruch erfolgreich weiter, für viele war das nicht selbstverständlich. Auch viele Musiker mussten sich durchkämpfen.

Jens Sembder: Unterschiede gab und gibt es eben auch im Osten. Das sollte keiner vergessen.

Tobias Künzel: Das Schönste heute ist, dass man über alles reden kann. Man muss nicht mehr heimlich träumen.

Katrin Budde: Demokratie, nicht Schlaraffenland

Die SPD-Abgeordnete Katrin Budde im Bundestag. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa Vergrößern
Die SPD-Abgeordnete Katrin Budde im Bundestag. © Bernd von Jutrczenka/dpa

Katrin Budde war von 2009 bis 2016 SPD-Chefin in Sachsen-Anhalt, seit 2017 sitzt im Deutschen Bundestag und wehrt sich dort immer wieder gegen eine Instrumentalisierung der friedlichen Revolution in der DDR durch die AfD.

In diesen Monaten reise ich oft in Gedanken zurück in den Herbst 1989. Das tue ich, weil ich bei vielen Veranstaltungen rede, aber auch weil 30 Jahre Friedliche Revolution oft Anlass sind, Fragen zu stellen. Fragen, wie: Wie war das, als IHR Staat zusammenbrach, waren Sie da nicht erschrocken? Das erste Mal als die Frage kam, erschienen vor und hinter der Stirn bei mir Fragezeichen .... mein Staat? Daran habe ich keine Sekunde gedacht, denn es war nicht MEIN Staat. Ich war in ihn hineingeboren, bin in ihm aufgewachsen und bin auch an die Grenzen des Möglichen gestoßen.

Das war zum Beispiel so, als ich beim Thema „Schwerter zu Pflugscharen“ nicht von der richtigen, der offiziellen Meinung, zu überzeugen war. Oder wenn ich meine Kette mit Kreuz offen getragen habe, weil ich katholisch bin. Aber wir hatten ja gelernt zwischen den Zeilen zu lesen und zu hören, hatten gelernt, in Gleichnissen zu reden. Und der Herbst 1989 brachte Hoffnung, Hoffnung auf eine offenere Gesellschaft, auf demokratische Wahlen, darauf, nicht mehr in Gleichnissen reden zu müssen.

Ich trat in die SDP (Sozialdemokratische Partei in der DDR) ein und hatte die Hoffnung, dass es sich jetzt lohnt, sich politisch zu engagieren, auch in einer Partei. Die Gedanken an die deutsche Einheit kamen erst sehr viel später. Wer glaubte denn im Herbst 1989, auch nach dem 9. Oktober 1989, daran, dass der Kalte Krieg enden und die beiden politischen Blöcke aufhören würden zu existieren. Dann nahm alles Fahrt auf und nach dem Eindrücken der Mauer, dem Öffnen der Grenzen, kamen die Rufe nach der Wiedervereinigung. Ich glaube, dass die Träume sehr vieler Menschen sich ab einem bestimmten Zeitpunkt am westdeutschen Wohlstand orientierten, den sie so gerne auch erreichen wollten.

Ich finde das auch heute noch verständlich. Und natürlich war auch das Teil meiner Träume. Ich war frisch gebackene Diplomingenieurin und überlegte mir, was ich denn jetzt alles machen könnte, wenn ich nicht mehr vom Staat in einen Arbeitsplatz vermittelt würde. Aber es gab auch den Teil in mir, der wachsam war und mich immer wieder darüber nachdenken ließ, wie schaffen wir den Übergang. Wir wussten um den Zustand unserer Betriebe. Wir wussten um die Abhängigkeit von den osteuropäischen Märkten. Wir wussten mehr über „den Westen“ als der durchschnittliche Bundesbürger über den Osten. Wir sahen ja täglich Westfernsehen und mit Vorliebe die politischen Sendungen. Ok, auch „Dallas“ und den „Denver-Clan“.

Und deshalb organisierte ich mit anderen Kolleg*innen die ersten freien Betriebsratswahlen in unserem Betrieb. Welch eine Freude, als es gelang und wir sahen, wie es auch in den anderen Betrieben so funktionierte.

Was also ist aus meinen Träumen geworden? Da ich in der Bundesrepublik nie das Schlaraffenland gesehen habe sondern eine Demokratie, sind die meisten meiner Träume aufgegangen. Aber Demokratie heißt eben auch Eigenverantwortung, heißt auch, nicht immer nur die eigene Auffassung durchsetzen zu können. Demokratie heißt Kompromisse schließen müssen, andere Meinungen zu respektieren. Ich finde es gefährlich, wenn der Diskurs um Kompromisse nicht mehr als der richtige Weg angesehen würde.

Und der Traum, dass meine Kinder einmal in Freiheit und Demokratie ihren eigenen Weg selbst entscheiden können, auch der ist aufgegangen. Sie konnten Abitur machen ohne politische Anpassung und Beurteilung als Voraussetzung dafür. Sie konnten ihr Studienfach und den Ort frei wählen. Sie können Freiwilligendienste überall in der Welt machen. Und sie tun dies mit Freude.

Ich weiß, dass die Träume vieler Menschen nicht aufgegangen sind. Das Gute an der Demokratie ist, man kann immer wieder einen neuen Anlauf zu ihrer Verwirklichung nehmen. Und deshalb lohnt es, für sie, die Demokratie und die Träume, zu kämpfen.

Sebastian Urzendowsky: Unverschämt leben

Sebastian Urzendowsky bei der Berlin-Premiere Films „Systemsprenger“ in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg. Foto: imago images / snapshot Vergrößern
Sebastian Urzendowsky bei der Berlin-Premiere Films „Systemsprenger“ in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg. © imago images / snapshot

Sebastian Urzendowsky, 34, lebt als Schauspieler in Berlin. Für die Hauptrolle in der Verfilmung von Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ erhielt er im Jahr 2013 den Grimme-Preis.

Was wünsche ich mir für die Zukunft Berlins? Von was für einer Stadt träume ich? Ich kann auf diese Frage nicht antworten, ohne einen Blick zurück und etwas Nostalgie. Solange ich mich erinnern kann, hat schon immer jemand gesagt, Berlin sei nicht mehr das, was es mal war.

Das echte, wahre Berlin sei untergegangen, vielleicht gerade noch erkennbar in der einen oder anderen Bar. Dem einen oder anderen Club. Vor fünf oder zehn Jahren, da sei alles noch ganz anders gewesen. Und ich bin mir sicher, vor fünf oder zehn Jahren hat man schon das gleiche zu hören bekommen. Schließlich sind wir alle Pioniere in dieser Stadt, Menschen der ersten Stunde, die sie erschlossen haben und misstrauisch auf die Neuen äugen, die nachkommen und von unseren Leistungen profitieren.

Aber was wäre das Gegenteil? Eine Stadt im Stillstand? Der Wandel ist eine der wenigen Konstanten, und die vielen Schichten der Geschichte Berlins werden zur DNA unserer Stadt. Wir berufen uns noch heute auf die Goldenen Zwanziger und den Goldrausch der Neunziger. Es sind Erzählungen vom großen Erbe, das wir weitertragen, stolz auf die Momente größter Kreativität und Energie. Aber die entstehen nur in der Veränderung und diese schafft ihrerseits neue Veränderung.

Trotzdem ist mein erster Reflex auf die Frage, was ich mir für die Zukunft Berlins wünsche, festhalten zu wollen, was für mich die Seele unserer Stadt ausmacht. Ihre Freiheit und Kreativität. Vielleicht ist das ein Widerspruch, vielleicht aber auch gar nicht so sehr. Denn es geht mir dabei um Freiräume, die ich bewahrt wissen möchte, die es bisher gab – und die gefüllt werden konnten von Menschen mit Ideen von etwas anderem als Profit.

Dazu gehört für mich die Unverschämtheit, mit der man hier leben durfte, weil noch der absurdeste Lebensentwurf nur ein Schulterzucken hervorrief. Ich meine die Unbekümmertheit, mit der man hier leben konnte, weil noch der grandioseste Spinner es sich leisten konnte. Das Zentrum Berlins war offen für diese Leute, und deshalb schlug in der Mitte der Stadt auch wirklich ihr Herz.

Das sehe ich zum ersten Mal in Gefahr. Immer wenn ich mit der U5 durch den Bahnhof Weberwiese fahre, sehe ich die Abdrucke von den „notes of Berlin“. Eine davon lautet: „Berlin, ich liebe Dich. Aber bald kann ich mir Dich nicht mehr leisten. Wenn ich gehe, gehst Du auch.“ Jedes Mal gibt mir das einen Stich.

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An der Stelle nun der nostalgische Blick zurück. Konkret in unsere WG-Küche in der Dunckerstraße in Prenzlauer Berg. Es sind die Nullerjahre. Frisch Zugezogene schimpfen schon auf die Schwaben im Bezirk, rätseln, ob der Wedding jetzt kommt und gehen dann doch lieber nach Neukölln. Ich wohne zusammen mit Barry, einem irischen Philosophieprofessor und Musiker, und Berlin kommt mir vor wie ein internationales Dorf. Mick aus London schneit oft bei uns rein mit seiner Gitarre und seiner Stimme wie Velours. Auch Noni, der aus Dublin kommt, aber sonst zwischen Indien, Ruanda und Australien pendelt. Jaime, die Bassklarinettistin aus Nebraska, ist oft bei uns, und mein bester Freund Jonathan bewohnt mit großer Regelmäßigkeit unser Sofa.

Wowereits Spruch vom Berlin, das „arm, aber sexy“ sei, war sicher ein geschicktes Branding, mit dem all die chronischen Pleiten umgemünzt wurden. Aber es war auch ein Versprechen. Und Barry, Noni, Jaime, Mick und so viele andere haben es gehört. Sie haben Dublin, London und New York hinter sich gelassen, weil sie dort nicht mehr den Freiraum gefunden haben, den Berlin ihnen bot, um als Künstler oder Kreative zu leben. Drei oder vier Alben sind in unserer Küche entstanden. Zwei von den Bands, die sich gebildet haben, gibt es noch immer. Aber die Leute ziehen langsam weiter.

Das ist ein persönlicher Abschied, den ich nicht verwechseln will mit einer generellen Entwicklung. Ich will keiner von denen sein, die sagen: „Früher war alles besser.“ Einfach weil sie früher jünger waren und alles für sie neu. Menschen gehen. Das ist normal. Nur schmerzt es mich, wenn der Grund dafür ist, dass sie sich ein Leben hier nicht mehr leisten können.

Eine Stadt, deren Reichtum sich im Besitz von Investoren ausdrückt, ist auf andere Art arm, aber definitiv nicht sexy. Was wünsche ich mir also für Berlin? Dass es in seiner Entwicklung offen bleibt für jeden mürrischen Ur-Berliner, jeden zugezogenen Sonderling und grandiosen Spinner. Solange Raum für sie bleibt im Herz der Stadt, wird Berlin nicht pleite sein. Ach, und grüner darf es sehr gerne werden!

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