Fassungslos schauen Menschen in Bozkurt in der Provinz Kastamonu auf die Zerstörungen, die die Flut angerichtet hat. Foto: imago images/Xinhua
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Überschwemmungen in der Türkei "Betet für uns" - dann riss die Flut das Haus weg

Den großflächigen Bränden folgt Starkregen – die Türkei wird innerhalb kürzester Zeit von zwei Katastrophen heimgesucht.

Im Süden der Türkei brennen die Wälder – im Norden zerstören Überschwemmungen ganze Städte. Das Extremwetter als Folge des Klimawandels trifft die Türkei derzeit hart. Nachdem große Teile des Landes in den vergangenen Monaten so wenig Niederschlag bekamen, dass in den Moscheen für Regen gebetet wurde und die trockenen Wälder an Mittelmeer und Ägäis brannten, löste Starkregen am Schwarzen Meer jetzt zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit schwere Überschwemmungen aus. Bis Freitag wurden 27 Todesopfer gezählt.

Besonders schwer betroffen ist die Kleinstadt Bozkurt in der Provinz Kastamonu am Schwarzen Meer. Nach heftigem Regen trat der Fluss Ezine am Donnerstag über die Ufer und riss Autos, Bäume und Häuser mit sich, wie Videos von Anwohnern im Internet zeigten.

Aus Bozkurt kämen „Bilder wie ein Alptraum“, kommentierte die Nachrichten-Website „ABCGazetesi“. Die Online-Ausgabe der Zeitung „Hürriyet“ meldete, unter den Vermissten in Bozkurt seien eine Frau mit ihrer kleinen Tochter und zwei Nichten. Die vier wurden in einem Haus von den steigenden Wassermassen eingeschlossen. „Betet für uns“, habe die Frau über den Kurznachrichtendienst WhatsApp noch an Verwandte geschrieben, meldete „Hürriyet“ – dann sei das Haus eingestürzt.

Allein in der Provinz Kastamonu starben 25 Menschen, aus der Nachbarprovinz Sinop meldeten die Behörden zwei Tote und bis zu 20 Vermisste. Nach Medienberichten wurden die Leichen von Flutopfern ins Meer gespült und später an den Stränden gefunden. Rund 1700 Menschen wurden aus ihren Häusern gerettet. Das Wasser riss mehrere Brücken ein und zerstörte Stromleitungen. Mehr als 300 Ortschaften im Unglücksgebiet waren am Freitag ohne Strom, und auch die Trinkwasserversorgung war mancherorts unterbrochen. Die Behörden setzten fast 10000 Helfer sowie Räumfahrzeuge und Militärhubschrauber ein.

Der türkische Präsident Erdogan besuchte am Freitag die Katastrophenregion in der Provinz Kastamonu am Schwarzen Meer. Foto: via REUTERS Vergrößern
Der türkische Präsident Erdogan besuchte am Freitag die Katastrophenregion in der Provinz Kastamonu am Schwarzen Meer. © via REUTERS

Innenminister Süleyman Soylu sprach von den schlimmsten Überschwemmungen, die er je gesehen habe. Das Ausmaß des Unglücks sei fünfmal so groß wie bei Überschwemmungen in der Gegend im vergangenen Jahr, sagte der Minister. Damals starben acht Menschen, mehr als 10000 Gebäude wurden zerstört.

Es ging das Gerücht um, ein Damm sei gebrochen

Die Schwarzmeerregion ist für häufigen Regen und grüne Wälder bekannt. In diesem Jahr fällt jedoch mehr Niederschlag als sonst. Schon im Juli hatten Überschwemmungen und Erdrutsche an der Schwarzmeerküste schwere Schäden angerichtet; sechs Menschen starben. Dennoch kam die Wucht des Starkregens vom Donnerstag für die Bevölkerung in der Gegend überraschend. Weil der Fluss Ezine im engen Tal von Bozkurt so schnell anschwoll, verbreitete sich das Gerücht, der Damm eines Wasserkraftwerks flussaufwärts sei gebrochen. Die Behörden dementierten das.

Die neuen Überschwemmungen begannen an dem Tag, an dem die Regierung die Brandkatastrophe der vergangenen Wochen für beendet erklärte. Nach Angaben von Landwirtschaftsminister Bekir Pakdemirli brachen seit Ende Juli an fast 300 Orten Waldbrände aus. Besonders an den Küsten von Mittelmeer und Ägäis wurden mehrere zehntausend Hektar Wald zerstört, acht Menschen kamen bei den Bränden ums Leben. In einigen Gegenden hatte es seit Monaten nicht mehr geregnet. Der Direktor des staatlichen Religionsamtes, Ali Erbas, reiste in der vergangenen Woche in das Waldbrandgebiet, um für Regen zu beten.

Erdogans Spendenaufruf stößt auf Kritik

Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte am Freitag bei einem Besuch im Überschwemmungsgebiet am Schwarzen Meer, das Land werde auch die neue Katastrophe überwinden. Seine Regierung startete eine Hilfskampagne für die Opfer von Waldbränden und Überschwemmungen und bat die Bürger um Spenden. Die Initiative traf auf scharfe Kritik von Oppositionspolitikern: Der Staat verschwende Steuergelder, die für die Katastrophenvorsorge fehlten, und bitte jetzt die Bevölkerung zur Kasse.

Die Türkei muss sich in den kommenden Jahren auf noch mehr Naturkatastrophen gefasst machen, meint die Umweltexpertin Meryem Kayan. Die Städte des Landes müssten darauf vorbereitet werden, forderte Kayan, die Vorsitzende der Istanbuler Kammer der Umweltingenieure ist, in der Zeitung „Evrensel“. Kritiker werfen den Behörden vor, die unregulierte Bebauung enger Flusstäler zuzulassen und damit die Gefahr von Überschwemmungen zu vergrößern.

Türkei hat Pariser Klimaabkommen nicht ratifiziert

Wegen der schnellen Folge von Bränden und Überschwemmungen kommt zudem eine Debatte über Erdogans Klimapolitik in Gang. Die Türkei ist der einzige Staat in der Gruppe der 20 größten Wirtschaftsnationen der Welt, der das Pariser Klimaabkommen nicht ratifiziert hat. „Wäre es nicht an der Zeit, dem Abkommen zuzustimmen?“ fragte die Wochenzeitung „Oksijen“ am Freitag auf ihrer Titelseite mit Hinweis auf die Waldbrände.

Die von Deutschland mitfinanzierte Internetseite „Climate Action Tracker“ (CAT) kritisiert, dass sich die Türkei weiterhin zu sehr auf fossile Energiequellen verlasse und keine „grüne“ Strategie habe: Ohne Gegenmaßnahmen könnten die CO2-Emissionen in der Türkei nach Berechnungen von CAT bis zum Jahr 2030 um bis zu 70 Prozent steigen.

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