Die Raubkatze Ruru lebt jetzt in einer polnischen Wildtierauffangstation. Foto: Privat
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Tierretterin aus der Ukraine „Ich beschloss, die Löwin einfach mitzunehmen“

Yulia Valova

Elena Lazutkina aus Kiew rettet Tiere in der Ukraine. Hier erzählt sie, warum sie das macht und wie es ist, eine Raubkatze per Lkw zu transportieren.

Der Krieg in der Ukraine hat viele Geschichten von Heldinnen und Helden hervorgebracht. Eine davon rankt sich um Elena Lazutkina (35 Jahre) aus Kiew. Sie ist mit Freundinnen geflüchtet, hat Haus- und Wildtieren das Überleben ermöglicht – zum Beispiel dem Tiger Shania und der Löwin Ruru. Heute wohnt die frühere Buchverlegerin und Direktorin des Lazutkina-Verlags in Berlin und baut hier ein internationales Netz für gegenseitige Hilfe von Freiwilligen auf.

Frau Lazutkina, haben Sie Haustiere?
Haustiere gehörten schon immer zur Familie. Ich selbst hatte immer ein paar Hunde und Katzen. Vor dem Krieg haben meine Eltern, Freunde und ich in einem Tierheim für obdachlose Tiere geholfen. Seit 15 Jahren unterstütze ich das „Sirius“- Heim für heimatlose Tiere in einem Dorf in der Nähe von Kiew. Ich habe zum Beispiel geholfen, Geld für den Bau von Gehegen für die Tiere zu sammeln.

Mit Ausbruch des Krieges flüchteten viele Ukrainer in sichere Länder. Warum sind Sie zunächst zurückgeblieben, um Tiere zu retten?
Mit taten die Tiere leid, die Menschen sich selbst überließen oder lassen mussten. Streunende Tiere waren in jedem Hof zu sehen – verhungernd, nicht in der Lage, sich vor den Bombenangriffen zu verstecken. Also beschlossen meine Freunde und ich, eine Rettungsaktion zu organisieren und Spenden zu sammeln, um das Nötigste zu kaufen: Lebensmittel und Medikamente. Ich habe auf Facebook einen Aufruf gestartet und Dutzende von Antworten erhalten. Mitfühlende Ukrainer schickten Geld. So haben wir in zwei Monaten mehreren Hundert Hunden und Katzen zum Überleben verholfen.

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Sie haben es aber dabei nicht belassen und Dutzende von Haustieren und Wildtieren aus der Ukraine in die Europäische Union gebracht und so gerettet – sogar eine Löwin. Wie haben Sie das geschafft?
Ich hatte auf meiner Facebook-Seite über die Aktionen für Tiere geschrieben, dann erhielt ich eine Anfrage, in der ich um Hilfe bei der Organisation der Evakuierung eines behinderten Tigers namens Shani aus einem von Granaten zerstörten Ökopark gebeten wurde. Das war der Beginn meiner engen Begegnung mit der Welt der Wildtiere.

Elena Lazutkina und die Löwin Ruru während des Transports. Foto: Elena Lazutkina Vergrößern
Elena Lazutkina und die Löwin Ruru während des Transports. © Elena Lazutkina

Gemeinsam mit Freiwilligen konnten wir nicht nur den Tiger, sondern auch Rentiere, dressierte Zierkaninchen, Erdmännchen, Yaks, Kamele, Wildziegen und Bisons retten. Ich selbst habe in einem gemieteten Fahrzeug – ein Lastentransporter mit Plane – fünf kleine Hunde, vier Katzen und die Löwin Ruru nach Europa und sie dann einer polnischen Wildtierauffangstation übergeben können. Viele andere gerettete Tiere leben jetzt bei deutschen Familien. Einen kranken Hund namens Monster habe ich behalten.

Ein Raubtier im Lkw-Planentransporter – dazu müssen Sie uns bitte mehr erzählen. Hatten Sie keine Angst?
Ruru lebte schon vor dem Krieg unter dramatischen Umständen. Das Tier war in Privatbesitz und diente dem Besitzer zur Unterhaltung. Die Löwin lebte unter schrecklichen Bedingungen und hungerte. Schon vor dem Krieg hatten Freiwillige wiederholt versucht, sie zu retten. Aber der Besitzer hat einflussreiche Freunde. Diesmal haben wir zusammen mit dem ukrainischen Tierschutzfonds Ursa beschlossen, Ruru aus der Ukraine nach Polen zu evakuieren. Es gab bereits eine Vereinbarung, dass die Löwin dort leben sollte. Da ich auf meinem Weg nach Deutschland ohnehin polnisches Gebiet durchqueren musste, beschloss ich, die Löwin einfach mitzunehmen. Das machten wir mit Hilfe eines Fünftonners, den ich und zwei andere Frauen auf der Flucht aus Kiew gefahren haben.

Wie haben sie das Raubtier ins Auto bekommen, wie wurde es gefüttert?
Wir haben eine Pause während des feindlichen Beschusses genutzt, um den Ort zu erreichen, wo die Löwin gehalten wurde – eine baufällige Scheune in einem Dorf in der Nähe von Kiew. Der Besitzer war schon lange geflohen. Die Raubkatze befand sich in einem kritischen Zustand, sie fraß Abfälle, die Einheimische vorbeibrachten. Einer meiner Kollegen, ein Tierarzt, gab ihr eine Beruhigungsspritze. Als die Löwin betäubt war, konnten wir das abgemagerte Tier im Käfig auf den Lkw hinter eine Plane tragen. Auf dem Weg nach Polen verhielt sich die Löwin dort hinten anständig. Vielleicht fühlte das Tier etwas und war sogar dankbar für seine Rettung.

Unsere Route führte von Kiew nach Lemberg durch einen von ukrainischen Truppen kontrollierten Korridor. Ich erinnere mich, dass uns ukrainische Soldaten an Kontrollpunkten fragten, ob wir Angst haben, durch das Gebiet zu fahren, das von den Besatzern beschossen wurde. Ich habe immer geantwortet: Warum sollten wir Angst haben, wenn wir Ruru bei uns haben! So haben wir mehr als 600 Kilometer bis zur ukrainisch- polnischen Grenze zurückgelegt. Wir haben dann 17 Stunden gebraucht, um die Grenze zu überqueren. Es war anstrengend für mich – und auch für die Löwin.

Als sie dann aus der Narkose erwachte, brauchte sie dringend etwas zu trinken. Ich habe ihr deshalb durch die Käfigstreben Wasser aus einer Schale geben. Die Löwin trank gierig. Ich hatte keine Angst, das Tier sah mich mit flehenden Augen an. In Warschau haben wir dann die Löwin unseren polnischen Kollegen für den Weitertransport übergeben und somit in ihr neues Leben entlassen.

Elene Lazutkina (2.v.r.) inmitten anderer Freiwilliger von der Ursa Foundation. Foto: Elena Lazutkina Vergrößern
Elene Lazutkina (2.v.r.) inmitten anderer Freiwilliger von der Ursa Foundation. © Elena Lazutkina

Sie selbst sind weiter bis nach Deutschland, warum?
Weil ich das Land, nach all dem, was ich über es wusste, schon immer geliebt habe und dorthin wollte. Außerdem wartete meine Freundin Marina in Berlin auf mich, die schon im März aus Kiew geflohen war.

Wollen Sie von hier aus jetzt weiter Tieren in der Ukraine helfen?
Zurzeit stehe ich in ständigem Kontakt mit der Ukraine und anderen Freiwilligen der Ursa Foundation. Wir helfen den Tieren weiterhin, indem wir sie aus der Gefahrenzone bringen und neue Betreuer für sie finden. In Deutschland haben wir eine Kooperation mit der Partner- und Freiwilligenorganisation Vichy Animal Care Foundation begonnen, die sich um die Einsammlung von Tieren der vom Krieg betroffenen Menschen kümmert.

Die Autorin des Interviews arbeitete vor Kriegsbeginn als Chefredakteurin des Politik- und Wirtschaftsmagazins „Intelmag“. Sie gehört zum Team des ukrainischen Journalistenprojektes des Tagesspiegels.

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