Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow ist zuversichtlich, dass auch der Weihnachtsmarkt in Erfurt stattfinden kann. Foto: Imago
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Temperaturkontrollen und Glühwein mit Abstand? Wie Weihnachtsmärkte trotz Corona funktionieren sollen

Die Zahl der Neuinfektionen steigt und trotzdem wird über Weihnachtsmärkte diskutiert. Das deutsche Meinungsbild ist klar – auch weil Existenzen daran hängen.

Die Stimmen, die sich für die Veranstaltung von Weihnachtsmärkten aussprechen, mehren sich in Deutschland. Auf der einen Seite Politiker, die den Menschen ein Stück Normalität geben wollen. Auf der anderen Seite Veranstalter und Schausteller, die ohne Weihnachtsmärkte um ihre Existenz fürchten müssen.

Der Zeitpunkt ist auf den ersten Blick unverständlich: Gerade jetzt, da die Zahl der Neuinfektionen auf einen Wert von mehr als 2500 gestiegen ist – so hoch war er zuletzt Ende April. Auf den zweiten Blick hingegen muss die Debatte jetzt geführt werden: In zwei Monaten würden normalerweise die ersten Märkte öffnen. Und bis dahin ist von Planung bis zu Hygienekonzepten noch einiges zu bewerkstelligen.

Geht es nach dem Deutschen Städte- und Gemeindebund ist eine Weihnachtsmarktsaison mit Maskenpflicht sehr gut möglich. „Mobile Temperaturkontrollen und Handdesinfektionsspender müssen dann, ebenso wie die Maske, zum Erscheinungsbild des Weihnachtsmarktes gehören“, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg der „Welt“.

Eine Absage der Märkte könnte er nicht nachvollziehen. Für Landsberg sei „ein behutsames und differenziertes Vorgehen statt genereller Absagen“ notwendig, damit die Akzeptanz der Menschen erhalten bleibe. Gleicher Meinung sind auch zahlreiche Politiker. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow kann sich eine „abgespeckte Version“ vorstellen, die wie eine Aneinanderreihung von Wochenmärkten gestaltet sei.

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Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hatte zuletzt für „kluge Konzepte“ plädiert, damit die Weihnachtsmärkte stattfinden können. So könnten beispielsweise Laufwege mit Eingang und Ausgang definiert werden. Auch müsse es eine Maskenpflicht geben, „und man wird den Alkoholkonsum stark reduzieren müssen“. Für Letzteres sprach sich auch der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans aus.

In ähnlicher Form sind auch seit Mitte September Spiele der Fußball-Bundesliga wieder mit bis zu 10.000 Zuschauern möglich. Söder betonte allerdings auch, die Öffnung von Weihnachtsmärkten sei vom jeweiligen regionalen Infektionsgeschehen abhängig. Passend dazu fordert Landkreistagspräsident Reinhard Sager, dass der dezentrale Ansatz in Deutschland „ein Erfolgsmodell“ sei und beibehalten werden müsse.

„Wenn wir den Menschen im dünn besiedelten Mecklenburg-Vorpommern verbieten, in der Öffentlichkeit ein Bier zu trinken, weil in München alle Signale auf Rot stehen, würde das die Akzeptanz drastisch schwächen“, so Sager. Auch aus seiner Sicht spreche nichts dagegen, „in kaum von Corona betroffenen Kreisen Weihnachtsmärkte zu erlauben, wenn vernünftige Hygienekonzepte vorliegen.“

Ein Vorteil der Weihnachtsmärkte ist, dass sie im Freien stattfinden. Deshalb setzen die Schausteller ihre ganzen Hoffnungen darauf, nachdem viele Feste in diesem Sommer ausgefallen sind oder im Herbst noch ausfallen werden. „Wenn die Innenstädte wieder öffnen und Reisen möglich sind, dann spricht auch nichts dagegen, Weihnachtsmärkte – natürlich unter Corona-Bedingungen– stattfinden zu lassen“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Schaustellerbunds, Frank Hakelberg, der „Rheinischen Post“.

Die Situation der Schausteller sei dramatisch. Einige hätten seit Herbst 2019 gar keine Einnahmen mehr und hielten sich nur mit Überbrückungshilfen über Wasser. „90 Prozent der Unternehmer, die sonst im Sommer auf Volksfesten im Einsatz sind, beschicken auch die Weihnachtsmärkte. Was früher einmal ein Zubrot war, ist inzwischen wirtschaftlich extrem wichtig.“

Ein Alkoholverbot auf Weihnachtsmärkten lehnt der Schaustellerbund deshalb ab. Das Glühweintrinken sei „ritualisiert“, sagt Hakelberg. „Niemand geht nur auf den Weihnachtsmarkt, um eine Wollmütze zu kaufen.“

Für Schausteller sind Weihnachtsmärkte zu einer Haupteinnahmequelle geworden – dazu gehört auch der Glühwein-Verkauf. Foto: Jens Kalaene/dpa Vergrößern
Für Schausteller sind Weihnachtsmärkte zu einer Haupteinnahmequelle geworden – dazu gehört auch der Glühwein-Verkauf. © Jens Kalaene/dpa

Aus einer Umfrage des Evangelischen Pressedienstes geht hervor, dass die meisten deutschen Städte sich unter strengen Auflagen auf Weihnachtsmärkte vorbereiten.

„Weihnachtsmärkte gehören zu Veranstaltungen im Freien, bei denen nach geltender Infektionsschutzverordnung bis zu 5000 Personen zugelassen sind“, sagte beispielsweise ein Sprecher der Berliner Senatsgesundheitsverwaltung. Veranstalter hätten dabei ein entsprechendes Schutz- und Hygienekonzept vorzulegen. Wesentliches Ziel sei die Reduzierung von Kontakten und die Sicherstellung der Kontaktnachverfolgung durch geeignete Maßnahmen, hieß es.

Auch der Nürnberger Christkindlesmarkt soll stattfinden, aber er soll dezentraler gestaltet werden: Die Stände werden nach Angaben des Marktamtes in größeren Abständen und an diversen Plätzen in der Altstadt aufgestellt. Auch Dresden will am traditionellen Striezelmarkt festhalten. Dort soll die Veranstaltungsfläche auf dem Altmarkt vergrößert werden, damit Händler und Gäste mehr Platz haben, wie ein Sprecher der Stadtverwaltung erklärte. Es sei „eine sehr große Herausforderung“.

Weihnachtsmarkt am Kölner Dom fällt definitiv aus

In Frankfurt am Main ist nach Auskunft der zuständigen Tourismus und Congress GmbH lediglich die Grundsatzentscheidung gefallen, dass es einen Weihnachtsmarkt geben soll. Allerdings sei auch klar, dass dieser nicht in gewohnter Weise auf dem Römerberg stattfinden könne.

Lediglich in Köln ist bereits eine endgültige Entscheidung gefallen. Und zwar wird der beliebten Weihnachtsmarkt am Kölner Dom ausfallen. „Wir haben den Markt abgesagt und die Mieter mit einem Schreiben darüber informiert“, sagte die Geschäftsführerin der Kölner Weihnachtsgesellschaft, Monika Flocke.

„Wir haben wochenlang überlegt, ob wir den Markt so gestalten könnten, dass es nicht zu Ansteckungen kommt. Aber letztlich haben wir keine Lösung gefunden“, sagte Flocke. Auch bei begrenztem Zugang könne es vor dem Eingang sicherlich „zu einer Riesen-Stausituation“ kommen. Darum sei die Verantwortung einfach zu groß, sagte die Veranstalterin. Andere Weihnachtsmärkte in Köln könnte hingegen stattfinden. Auf dem Rudolfplatz beispielsweise sei ein Markt in Planung, erklärte die Stadt. (mit Agentur)

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