Polizeiermittler an einem Tatort in Kongsberg Foto: dpa/AP/Torstein Bøe/NTB
© dpa/AP/Torstein Bøe/NTB

Update „Tat wirkt wie ein Terrorakt“ Motiv des Täters nach Angriff in Norwegen weiter unklar

In der norwegischen Kleinstadt Kongsberg tötet ein Mann fünf Menschen. Der 37-Jährige Däne soll sich vor der Tat radikalisiert haben.

Der Sicherheitsdienst der norwegischen Polizei ist mit seiner Einschätzung des tödlichen Angriffs in Kongsberg als Terrorhandlung am Donnerstag ein wenig zurückgerudert. In einer Pressekonferenz sagte der Chef des PST: „Die Tat wirkt wie ein Terrorakt, aber wir kennen die Beweggründe des Täters nicht.“

Der 37-jährige Däne, der beschuldigt wird, am Mittwochabend in der norwegischen Kleinstadt Kongsberg fünf Menschen getötet zu haben, sei im Gesundheitswesen ein- und ausgegangen. PST-Chef Hans Sverre Sjøvold betonte, dass die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen seien. Es sei aber richtig, dass der Mann dem PST bekannt gewesen sei.

Die Staatsanwältin teilte unterdessen mit, dass der Mann eine umfassende Erklärung abgegeben habe. Er habe sein Tun auch begründet, doch man wolle die Details nicht der Öffentlichkeit mitteilen. Bislang wurde der Mann nicht konkret des Terrors beschuldigt

Ein alter Jugendfreund des inhaftierten Mannes sagte in einem Interview mit der Internetzeitung „Nettavisen“, er habe die Polizei bereits 2017 informiert, dass er seinen Freund für gefährlich halte.

Norwegische Medien berichteten über Youtube-Videos, in denen ein Mann, bei dem es sich um den Verdächtigen handeln soll, sich als Muslim bezeichne und eine Handlung angekündige. Ein Sprecher des Sicherheitsdienstes sagte, er kenne das Video nicht und könne auch nicht bestätigen, dass es sich darin um den Inhaftierten handelt. Es sei aber sehr wahrscheinlich.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Zuvor hatten die Ermittler am Donnerstag nach vorläufigen Erkenntnissen von einem „Terrorakt“ gesprochen. Der Angriff in Kongsberg habe in diesem Stadium der Ermittlungen „den Anschein eines Terrorakts“, teilte der norwegische Geheimdienst PST am Donnerstag mit.

Die Polizei hatte demnach bereits vor der Tat Kontakt mit ihm wegen mutmaßlicher Radikalisierungstendenzen aufgenommen. „Es gab schon früher Befürchtungen einer Radikalisierung“, sagte der regionale Polizeichef Ole Bredrup Saeverud. Diesen sei im vergangenen Jahr und davor nachgegangen worden. In diesem Jahr habe es bei dem Mann aber keine Hinweise mehr auf Auffälligkeiten gegeben.

Polizei geht von Einzeltäter aus

Der Mann soll am Mittwochabend in der Innenstadt von Kongsberg zahlreiche Menschen mit mehreren Waffen, darunter auch Pfeil und Bogen, angegriffen haben. Fünf Menschen wurden getötet, vier Frauen und ein Mann. Nach Angaben der Polizei sind die Opfer im Alter zwischen 50 und 70 Jahren. Pfeil und Bogen gelten in Norwegen nicht als Waffe, sondern als Sportgerät und können deshalb von jedem frei erworben werden.

Außerdem wurden zwei Menschen verletzt, einer von ihnen ein Polizist, der in einem Supermarkt einkaufen war. Die Verletzten seien ins Krankenhaus gebracht worden, sagte der zuständige Polizeichef in Kongsberg, Øyvind Aas. Sie lägen auf der Intensivstation. Er habe jedoch keine Anzeichen, dass sie in Lebensgefahr schwebten. Die Kleinstadt Kongsberg liegt rund 80 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Oslo, in der gesamten Kommune Kongsberg leben rund 22.500 Menschen.

Polizisten im Zentrum von Kongsberg Foto: dpa/Håkon Mosvold Larsen/NTB Vergrößern
Polizisten im Zentrum von Kongsberg © dpa/Håkon Mosvold Larsen/NTB

Den Angaben zufolge ist der Mann in Norwegen aufgewachsen und hat dort über die Jahre in verschiedenen Wohnungen gelebt. Einem Bericht des schwedischen Senders SVT zufolge ist der Mann bereits wegen Verbrechen verurteilt. Im vergangenen Jahr soll gegen ihn ein Besuchsverbot für zwei nahe Familienmitgliedern ausgesprochen worden sein, nachdem er gedroht hatte, einen der Verwandten umzubringen. Demnach war er in die Wohnung eingedrungen und hatte die Angehörigen mit einem Revolver bedroht.

Staatsanwältin: Mann hat die Tat gestanden

Die zuständige Staatsanwältin Ann Irén Svane Mathiassen sagte dem norwegischen Sender TV2, der Mann habe die Taten zugegeben. Weitere Angaben wollte sie dazu nicht machen. Der Angreifer hatte einem SVT-Bericht zufolge in der Nacht einen Pflichtverteidiger erhalten.

„Ich habe mit meinem Mandanten gesprochen und er ist verhört worden. Er arbeitet mit der Polizei zusammen und sagt im Detail zu den Geschehnissen aus“, sagte der Anwalt Fredrik Neumann demnach am frühen Donnerstagmorgen der norwegischen Zeitung „Verdens Gang“. Demnach sollte er am Donnerstag oder Freitag einem Haftrichter vorgeführt werden.

Täter schoss Pfeile auf Polizisten

Die Angriffe ereigneten sich an mehreren Orten in der Innenstadt von Kongsberg. Der Täter habe sich über ein größeres Gebiet hinweg bewegt, teilten die Ermittler mit. Das Zentrum der Stadt war deshalb weiträumig abgeriegelt worden.

Der Polizei war um 18.13 Uhr von mehreren Personen gemeldet worden, dass sich ein Bewaffneter durch die Stadt bewege und mit Pfeil und Bogen auf Menschen schieße. Nur fünf Minuten später wurde er von einer Polizeipatrouille gesichtet. Die Beamten wurden jedoch mit Pfeilen beschossen und der Mann konnte fliehen. Sæverud sagte, es sei wahrscheinlich, dass die Opfer erst danach getötet wurden.

„Ich kann bestätigen, dass es zu einer direkten Konfrontation zwischen dem Attentäter und Polizeibeamten kam. Dann entschied er sich, wieder zu verschwinden und war eine Weile nicht unter unserer Kontrolle, bis wir ihn wieder entdeckten und festnehmen konnten“, hatte zuvor Polizeichef Aas in Kongsberg gesagt. Wie die schwedische Zeitung „Dagens Nyheter“ (DN) online schreibt, habe der Mann aufgegeben, nachdem Polizisten Warnschüsse abgefeuert hätten.

Polizei stoppte Täter offenbar durch Warnschüsse

Wegen des Vorfalls wurde die Polizei vorübergehend bewaffnet, wie das Polizeidirektorat am späten Abend mitteilte. Normalerweise sind die norwegischen Polizistinnen und Polizisten mehrheitlich nicht bewaffnet. Es handele sich um eine Bereitschaftsmaßnahme – vorläufig gebe es keine Hinweise für eine Änderung der Bedrohungslage im Land.

Der regionale Polizeichef Ole Bredrup Saeverud stellte die bisherigen Erkenntnisse vor. Foto: Terje Pedersen/AFP Vergrößern
Der regionale Polizeichef Ole Bredrup Saeverud stellte die bisherigen Erkenntnisse vor. © Terje Pedersen/AFP

Die Tat ereignete sich am Vorabend des Regierungsantritts des neuen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre. Der Sozialdemokrat zeigte sich schockiert. „Das, was wir heute Abend aus Kongsberg hören mussten, zeugt davon, dass eine grausame und brutale Tat begangen worden ist“, sagte er am späten Abend der Nachrichtenagentur NTB. Am Donnerstag übernahm Støre die Regierungsgeschäfte. In seinem Kabinett sind zwei Überlebende des Terrorangriffs auf Utøya im Jahr 2011.

Tat am Vorabend des Regierungswechsels in Norwegen

Auch die scheidende konservative Ministerpräsidentin Erna Solberg zeigte sich „erschüttert“ von der Tat. „Unsere Gedanken gehen zuallererst an die Betroffenen und ihre Angehörigen“, sagte Solberg am späten Mittwochabend auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz in Oslo.

„Die Meldungen, die heute Abend aus Kongsberg kommen, sind grauenvoll“, sagte Solberg, die acht Jahre Lang regiert hatte. „Der Täter hat furchtbare Handlungen gegen mehrere Menschen begangen. Das ist eine sehr dramatische Situation, die die Gemeinschaft in Kongsberg hart trifft.“ Es sei wichtig, zu unterstreichen, dass man noch nichts Genaueres zu dem Vorfall wisse.

Auch Kongsbergs Bürgermeisterin Kari Anne Sand hatte sich fassungslos gezeigt. „Das ist eine Tragödie für alle Betroffenen. Mir fehlen die Worte“, sagte sie der norwegischen Zeitung „Verdens Gang“.

Norwegens König Harald schrieb nach Angaben der schwedischen Zeitung der DN am Donnerstagmorgen in einem Brief an den Vorsitzenden des Gemeinderats von Kongsberg, dass die königliche Familie „über den tragischen Vorfall entsetzt ist“.

Norwegens König Harald zeigt sich entsetzt

Weiter heißt es in dem Brief: „Wir haben Mitgefühl mit den Hinterbliebenen und Verletzten in ihrer Trauer und Verzweiflung. Und wir denken an alle Betroffenen in Kongsberg, die erlebt haben, dass ihre sichere Nachbarschaft plötzlich zu einem gefährlichen Ort wurde“, heißt es in der Erklärung. „Norwegen ist ein kleines Land. Wenn Kongsberg als Gemeinde so hart getroffen wird, steht der Rest der Nation an Ihrer Seite.“

Der Regierungschef im benachbarten Schweden, Stefan Löfven, schrieb auf Twitter, seine Gedanken seien bei den Opfern und ihren Angehörigen. Es handele sich um einen „furchtbaren Angriff“.

Ermittler der Polizei suchen am Morgen in Kongsberg nach Spuren. Foto: Terje Bendiksby / NTB / AFP Vergrößern
Ermittler der Polizei suchen am Morgen in Kongsberg nach Spuren. © Terje Bendiksby / NTB / AFP

Der Vorfall weckt schlimme Erinnerungen: Vor zehn Jahren erlebte Norwegen den schwersten Terroranschlag seiner modernen Geschichte. Am 22. Juli 2011 zündete der Rechtsterrorist Anders Behring Breivik zunächst im Osloer Regierungsviertel eine in einem weißen Transporter versteckte Bombe und tötete dabei acht Menschen.

Erinnerung an Utøya-Attentat von Breivik

Danach fuhr er zur etwa 30 Kilometer entfernten Insel Utøya, wo er sich als Polizist ausgab und das Feuer auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des jährlichen Sommerlagers der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei eröffnete.

[Lesen Sie auch: Zehn Jahre nach dem Anschlag auf Utøya: „Als Breivik zu nah kam, beschlossen wir zu schwimmen“ (T+)]

69 Menschen, vor allem Jugendliche und junge Erwachsene, kamen auf Utøya ums Leben. Breivik nannte rechtsextreme und islamfeindliche Motive für seine Taten. Er wurde im August 2012 zu der damaligen Höchststrafe von 21 Jahren mit einer Mindesthaftzeit von zehn Jahren verurteilt.

Eine weitere Attacke sorgte im August 2019 für Schlagzeilen. Damals verübte der Rassist Philip Manshaus einen Anschlag auf eine Moschee am Stadtrand von Oslo. Manshaus hatte zuvor seine asiatischstämmige Stiefschwester getötet. (AFP, dpa, lem)

Zur Startseite