Schatten von Händen einer erwachsenen Person und dem Kopf eines Kindes an einer Wand eines Zimmers. Foto: Patrick Pleul/picture alliance/dpa
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Staatlich finanzierter Missbrauch Deutsche Kinder zur Sklavenarbeit nach Rumänien

Valerie Barsig

In Rumänien sollen deutsche Kinder und Jugendliche in einem Sozialprogramm misshandelt worden sein. In Deutschland hat das Programm seinen Sitz in Babelsberg.

Es geht um einen Skandal, der Kreise bis nach Potsdam zieht: Wegen der Misshandlung deutscher Kinder und Jugendlicher in einem Sozialprogramm in Rumänien ermitteln die rumänischen Behörden gegen acht Verdächtige, darunter ein deutsches Paar. Acht Häuser wurden am Dienstag in Rumänien durchsucht, wie die Staatsanwaltschaft in Bukarest mitteilte.

Es geht demnach um den Vorwurf, dass deutsche Teenager im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren zu „übermäßiger körperlicher Arbeit“ in zahlreichen Haushalten gezwungen und „sklavenartig“ behandelt worden seien. Das Programm hat auch einen Sitz in Deutschland – in der Medienstadt Babelsberg.

Auch seien die Kinder und Jugendlichen in „erniedrigender und entwürdigender“ Weise behandelt worden, lautet ein weiterer Vorwurf. Alle acht Verdächtigen hätten mit dem „Projekt Maramures“ zu tun, einem „sogenannten Sozialprogramm“, das nach der nordrumänischen Region benannt ist, in der die Organisation arbeitet.

Das Projekt werde von staatlichen Stellen in Deutschland finanziert und sei von einem der deutschen Verdächtigen gegründet und koordiniert worden, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Das rumänische Arbeitsministerium habe für fünf Jahre die Genehmigung für das Projekt erteilt. Die Laufzeit war noch bis Februar 2021 geplant.

Das geht aus einer öffentlichen Stellungnahme der Direktion für Ermittlungen gegen das organisierte Verbrechen und den Terrorismus (DIICOT) hervor, die der rumänischen Generalstaatsanwaltschaft untersteht. In Babelsberg war zunächst niemand für eine Stellungnahme zu den Vorwürfen erreichbar, Anrufe blieben erfolglos. Laut DIICOT gehe aus den Ermittlungen hervor, dass das Geld aus Deutschland zur Finanzierung des Projektes weitgehend vom eigentlichen Zweck abweiche.

Das Projekt verspricht die „Rehabilitierung“ von sozial auffälligen, schwierigen oder straffällig gewordenen Kindern und Teenagern mithilfe von Aktivitäten und mit psychologischer Unterstützung. Das Herz des Projekts sei demnach ein abgeschiedener weitläufiger Bauernhof mit fünf Hektar Land, wie es auf der „Maramures“-Internetseite heißt.

An den Vormittagen finde Schulunterricht statt, an den Nachmittagen „Arbeiten der Tierpflege und der Instandhaltung der Gebäude und Wege und sonstige landwirtschaftliche Arbeiten“. Man helfe aber auch bei „Gemeinschaftsaufgaben“ in einem nahen Dorf.

Bürgermeister nimmt die Projektbetreiber in Schutz

Doch der Staatsanwaltschaft zufolge durften die Jugendlichen nicht zur Schule gehen oder ihre verschriebenen Medikamente nehmen. Sie hatten demnach keinen Kontakt zur Außenwelt und wurden zum Opfer „harter und brutaler Methoden einer sogenannten Umerziehung“. Laut der DIICOT wurden auch die Ausweispapiere und sämtliche Kommunikationsmittel der Kinder und Jugendlichen eingezogen.

Sie seien geschlagen worden und mit Nahrungsentzug bestraft. Schwere psychische Leiden bei den Teilnehmern seien die Folge der Maßnahmen gewesen, so das DIICOT.

Die Staatsanwaltschaft teilte nicht mit, wie viele Kinder betroffen seien. Auf der Homepage des „Projekt Maramures“ ist aber von 61 Kindern seit der Gründung die Rede. Vier von ihnen seien nach den Vorwürfen dem rumänischen Kinderschutzamt zur Betreuung übergeben worden, sagte Vasile Coman, Bürgermeister von Viseul de Sus, der rumänischen Nachrichtenagentur Mediafax.

Der Bürgermeister nahm die Projektbetreiber gegen die Vorwürfe in Schutz. Er habe mit einigen dieser Jugendlichen gesprochen. Sie hätten Rumänisch gelernt und würden sich dort wohlfühlen.

Die mutmaßlichen Misshandlungen sollen von 2014 bis August 2019 stattgefunden haben. Misshandlungsvorwürfe gegen das Programm hatte es in rumänischen und auch deutschen Medien bereits gegeben, doch war bisher nicht gegen das Projekt vorgegangen worden. Auf dessen Internetseite wird geworben, man sei eine gute Alternative zur Unterbringung in einer geschlossenen Jugendhilfeeinrichtung. (mit AFP/dpa)

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