Die „Cholitas“. Brenda, Daniela und Daisy, 26, 25 und 24 Jahre alt, skaten in traditionellen Outfits. Foto: Sandra Weiss
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Skaten mit Botschaft Wie drei Frauen in Tracht in Bolivien gegen Stereotype rebellieren

„Cholitas“ sind für viele Bolivianer rückständige Bauernmädchen – drei junge Frauen nehmen das sportlich.

Konzentrierte Stille herrscht auf dem Skateplatz von Cochabamba, unterbrochen nur vom Rollen und Klackern der Boards bei Sprüngen und Drehungen. Ein Dutzend Jungs, vom Grundschulknirps bis zum Studenten im fortgeschrittenen Semester, haben sich am Spätnachmittag vor dem Kulturzentrum der bolivianischen Stadt eingefunden. Plötzlich kommt Unruhe auf: Brenda, Daniela und Daisy rollen auf den Platz, 26, 25 und 24 Jahre alt, die eine Psychologin, die andere Grafikdesignerin, die dritte angehende Sportstudentin.

Gerade noch ganz normale junge Frauen in Jeans und T-Shirts, haben sie sich im Hinterzimmer des anliegenden Skateshops in „Cholitas“ verwandelt: Sie tragen jetzt ausgestellte, mehrlagige Röcke und bestickte Blusen, dazu lange schwarze Zöpfe und einen steifen, weißen Hut. Es ist die traditionelle Tracht der einheimischen indigenen Frauen – und zugleich ein Stigma. „Cholita“, das ist für viele Bolivianer gleichbedeutend mit Bauernmädchen, etwas provinziell, etwas rückständig.

Gegen das Klischee

Dem Klischee wollen die Mädchen der Gruppe Imilla Skate etwas entgegen setzen. „Urbane Kultur und Tradition schließen sich nicht aus“, sagt Daniela Santibañez, die Grafikdesignerin. „Wir alle sind Enkelinnen und Töchter von Cholitas, aber wegen der Stigmatisierung trugen wir immer nur westliche Kleidung.

Dass unsere Kultur auszusterben droht, fand ich irgendwann schade“, fügt Daisy López hinzu, die angehende Sportstudentin, die die gewagtesten Sprünge auf der Bahn hinlegt und dafür von den Jungs anerkennende Pfiffe erntet. „Vorwärts Cholita!“ ruft einer vorwitzig. Was für López’ Großmutter abwertend gemeint war, ist für ihre Enkelin nun Lob und Ansporn zugleich.

Spontaner Gag wird zum Erfolg

Im Juni 2019, beim städtischen Kulturfestival, beschlossen die Mädchen erstmals, die Tracht anzulegen. Der spontane Gag war ein durchschlagender Erfolg. Sie bekamen stehenden Applaus, die Presse rannte ihnen die Türen ein. Als dann noch Freunde ein professionelles Video in die sozialen Netzwerke stellten, kamen Hunderte von Botschaften, in Cochabamba wuchs die Gruppe auf elf Teilnehmerinnen, in La Paz bildete sich ein Ableger.

Skaten in Tracht. Foto: Sandra Weiss Vergrößern
Skaten in Tracht. © Sandra Weiss

„Die meisten Reaktionen waren positiv, nur ein paar kritisierten, wir würden die Traditionen verunglimpfen“, erzählt Santibañez. Manchmal rollen sie einfach nur zum Spaß so durch die Stadt – und der eine oder andere Autofahrer tritt dann ungläubig auf die Bremse. Auch in der Seitenstraße neben dem Skateplatz verlangsamt der eine oder andere das Tempo beim Anblick der Mädels.

Die Stars auf der Piste

Skaten im Rock war anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, sagt Brenda Tinta, die Psychologin. „Er ist etwas schwer, aber dafür ist er luftig und schwingt schön“, sagt sie und lacht. Das schwierigste aber ist, den Hut nicht zu verlieren bei den gewagten Sprüngen. Eine Hutschnur hilft dabei.

„Ich finde die Mädchen super“, sagt Alejandro Callejas, einer der Skaterjungs. „Sie fusionieren urbane US-Skatekultur und unsere Traditionen und machen damit Bolivien international bekannt“, fügt der Tourismusstudent anerkennend hinzu. Seit es Imilla gibt, sind die Frauen die Stars der Piste – auch wenn die Jungs höher und akrobatischer springen.

Frauen haben Botschafterfunktion übernommen

Ihnen geht es längst nicht mehr nur um Sport – die Frauen haben eine Botschafterfunktion übernommen. Mit ihrem Outfit, gepaart mit Selbstbewusstsein, rebellieren sie gegen Stereotype einer sehr konservativen Gesellschaft. Die Frauenrechtlerin Fanny Guzmán zollt ihnen dafür Respekt: „Rassismus und Machismo und eine vertikale, patriarchale Kultur, sind in Bolivien noch stark verwurzelt“, sagt die Psychologin der NGO Interteam.

Frauen haben auf dem Land nichts zu sagen, machistische Sprüche hört man sogar aus dem Mund von Politikern der angeblich so progressiven, linken Bewegung zum Sozialismus (MAS). Gewalt gegen Frauen ist noch immer Alltag. Neun von zehn bolivianischen Frauen und Mädchen, so Guzmán, wurden einer Umfragen zufolge schon einmal sexuell belästigt. Gegen all das rebelliert Imilla. „Das muss aufhören. Wir wollen Respekt!“ fordert Daniela selbstbewusst. „Und den anderen zeigen, wie cool es ist, eine skatende Cholita zu sein.“

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