Am Ende wartet Jagdgöttin Diana. Die fast vierhundert Meter lange Hauptallee ist gesäumt von 94 Linden. Foto: ASL Schlossbetriebe gGmbH/Sylvio Dietrich
© ASL Schlossbetriebe gGmbH/Sylvio Dietrich

Schloss Lichtenwalde in Sachsen Hinter Hecken verstecken

Wasserspiele, Lindenallee und Rhododendren: Besuch im Schloss und Park Lichtenwalde in Mittelsachsen.

„Muße ist der schönste Besitz von allen“, soll Sokrates gesagt haben. Doch wo kann man ihr frönen? Der Park von Schloss Lichtenwalde ist wie geschaffen für ruhesuchende Flaneure. Rund zehn Kilometer nordöstlich von Chemnitz befindet er sich und bildet mit dem Barockgebäude ein beeindruckendes Areal. Das Erstaunliche: Selbst an Wochenenden ist es hier selten überlaufen. Ein Grund mehr, die versteckte Schönheit zu besuchen.

Der größte Teil des Parks entstand in den Jahren 1730 bis 1737, spätere Umgestaltungen wurden zum großen Teil wieder rückgängig gemacht, sodass die Anlage nahezu original zu besichtigen ist. Anders als sonst bei barocken Schlossgärten üblich, finden sich hier keine Sicht- und Wegachsen hin zum Schloss. Stattdessen wurde das rund zehn Hektar große Areal genial eingepasst in das zum Fluss Zschopau abfallende Gelände. Immer wieder gibt es Aussichtspunkte, die einen Blick über weite, sanft gewellte Landschaft bieten.

Wasserspiele, wie diese "Sieben Künste", kann man an vielen Stellen im Park entdecken. Foto: ASL Schlossbetrieben gGmbH/Sylvio Dietrich Vergrößern
Wasserspiele, wie diese "Sieben Künste", kann man an vielen Stellen im Park entdecken. © ASL Schlossbetrieben gGmbH/Sylvio Dietrich

Gartenräume und Heckenquartiere sind angelegt, Bassins und Wasserspiele überraschen. Wäre dieser Park in Frankreich oder Italien, so würde er wohl viele Besucherinnen und Besucher locken, die mit Bussen angereist wären. Zahlreich würden Menschen über die fast vierhundert Meter lange Hauptallee schlendern, gesäumt von 94 Linden. Hier hat man den imposanten Weg meist für sich allein. Kann immer wieder abzweigen, in einen verspielten Rosengarten spazieren oder zum Rhododendrenhain, in dem sich lila- und pinkfarbene Blüten gerade aufs Herrlichste entfaltet haben. Vor langer Zeit gepflanzte Bäume zeigen sich sich in stolzer Größe. Wie es sich für einen schönen Park gehört, stehen auch immer wieder bequeme Bänke da, auf denen man lesen, träumen oder dösen könnte.

Eingebettet in Grün: Schloss Lichtenwalde. Im Innern ist heute ein Museum. Foto: ASL Schlossbetriebe gGmbH/Patrick Engert Vergrößern
Eingebettet in Grün: Schloss Lichtenwalde. Im Innern ist heute ein Museum. © ASL Schlossbetriebe gGmbH/Patrick Engert

Natürlich gibt es auch einen Konzertplatz. Ursprünglich wuchs an dieser Stelle sogenanntes Bowlinggreen, auf dem im frühen 18. Jahrhundert Ball- und Reigenspiele stattfanden. Nach dem die Grafen Vitzthum die Anlage 1772 übernommen hatten, öffneten sie den Park für die Bevölkerung. Blasmusikkonzerte sollen beim Volk besonders beliebt gewesen sein. Erst Jahrzehnte später allerdings wurde ein Musikpavillon erbaut, der 1947 durch einen Neubau ersetzt wurde, der heute noch genutzt wird. „Eigentlich bräuchte man für einen Park dieser Größe zehn Gärtner“, sagt Patrizia Meyn, Geschäftsführerin Augustusburg/Scharfenstein/Lichtenwalde Schlossbetriebe gGmbH. Und fügt hinzu: „Wir schaffen es mit fünf“, mehr gebe das Budget nicht her.

Sehenswert in der Nähe: Schloss Augustusburg und Burg Scharfenstein

Denn es geht eben nicht nur um Lichtenwalde, sondern noch ums nahegelegene Schloss Augustusburg und die Burg Scharfenstein. Vermarktet werden sie unter dem Begriff „Die sehenswerten Drei“. Rund 350 000 Besucher pro Jahr werden für alle zusammen gezählt. 70 Prozent der Gäste kommen aus der näheren Umgebung (im Umkreis von 50 Kilometern). Da ist noch viel Luft nach oben. Woran liegt es, dass Touristen aus dem Bundesgebiet so selten sind? „Franken kennt jeder“, sagt Meyn, „aber Mittelsachsen?“ Das habe einfach niemand auf dem Schirm. Dabei macht die versteckte Lage eben auch den Reiz aus.

Schloss Lichtenwalde präsentiert sich innen als Museum, das zum Beispiel Kostbarkeiten aus China und Japan zeigt, oder auch Scherenschnitte aus drei Jahrhunderten. Privatsammlungen sind hier untergekommen, denn alles Originale wurde 1945 geraubt oder vernichtet. In der einstigen umfangreich bestückten gräflichen Bibliothek befindet sich nun der sogenannte Grüne Salon, in dem Vorträge oder Hochzeiten stattfinden. Die wenigen Möbel im Roten Salon sind Leihgaben.

Am Ende des 2. Weltkriegs zerschossen russische Soldaten die Kunstwerke

Während die ehemaligen Schlossherrn rechtzeitig fliehen konnten, gab es für die Kunst keinen Schutz. Auf traurig-beeindruckende Weise wird dies in der Ausstellung dokumentiert. Dort – unter Glas – hängt eine graubraune, teilweise durchlöcherte Leinwand. Daneben ist die Abbildung eines „Vergleichsstücks“ zu sehen: Ein Werk von Louis de Silvestre: „Bildnis des Johann Georg Chevalier“, Öl auf Leinwand, Dresden um 1744. Russische Soldaten, so heißt es, hätten 1945 zahlreiche Bilder herausgeschleppt, auf einen Haufen geworfen und dann solange darauf geschossen, bis nichts mehr übrig war.

Wer Lichtenwalde gesehen hat, sollte unbedingt weiterfahren zum Schloss Augustusburg, das gerade sein 450 jähriges Jubiläum begeht. Mit einer Ausstellung wird dort der Erbauer und Besitzer, Kurfürst August von Sachsen gefeiert. Das riesige Renaissanceschloss thront weithin sichtbar auf einer Bergkuppe, und ist dennoch außerhalb des Freistaates kaum bekannt. Dabei präsentieren sie in den zahlreichen Nebengebäuden noch eine bedeutende Kutschensammlung sowie im Motorradmuseum mit 175 Exponaten eine der umfangreichsten Zweiradsammlungen Europas. Schloss Augustusburg ist eine Welt für sich, der man viele Stunden widmen sollte. Der Kurfürst und seine Frau Anna legten – wie man am liebevoll angelegten Küchengarten sehen kann – viel Wert auf Kräuter. Die Kurfürstin soll über eine umfangreiche Rezeptsammlung verfügt und diese auch an Bekannte verschickt haben.

Warum das Riesenschloss keinen Park hat, ist erstaunlich. Schöne Aussichten hat man hier auch – aber das Flanieren durchs Grün gelingt nur in Lichtenwalde. Familien mit Kindern dürfen Burg Scharfenstein nicht missen. Ein weißes Gebäude mit kleinen Fenstern und einem trutzig aufragenden Wehrturm. Der perfekte Ort für alle kleinen Ritter und verträumten Ritterfräulein.

Tipps zu Schloss Lichtenwalde

Die Anreise zu den drei Schlössern ist ohne Auto kompliziert. Direkt neben barocken Ensemble Lichtenwalde logiert man im modernen Hotel am Schlosspark, Doppelzimmer mit Frühstück rund 120 Euro.

Mehr zu den drei Schlössern im Internet: die-sehenswerten-drei.de

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