In Ostafrika mussten bereits eine Million Menschen wegen des Wassermangels fliehen. Foto: AFP
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Schlimmste Dürre seit 40 Jahren In Ostafrika droht eine humanitäre Katastrophe

Eric Matt

Am Horn von Afrika fliehen Menschen und Tiere auf der Suche nach Essen. Die Regenzeit lässt auf sich warten – und die Milliardenhilfe auch.

Als Florian Westphal über die ausgetrockneten Felder lief, hat es ihm bei jedem Schritt den Staub durchs Gesicht gewirbelt. „Am Wegesrand lagen neben den verdorrten Büschen Knochen und tote, verdurstete Tiere“, erzählt der Geschäftsführer von Save the Children über seinen Aufenthalt in Ostafrika diesen Monat. Mancherorts sei es menschenleer gewesen, da viele in größere Städte oder Flüchtlingslager fliehen mussten.

Die Dürre rund um das Horn von Afrika betrifft aktuell vor allem Somalia, Kenia und Äthiopien. Dort droht die schlimmste Dürreperiode seit dem Jahre 1981, da womöglich zum vierten Mal in Folge die Regenzeit ausbleibt. Schon jetzt mussten eine Million Menschen ihr Zuhause verlassen und laut dem Welternährungsprogramm (WFP) haben 15 Millionen nicht genug zu essen - darunter zwei Millionen Kinder. Darüber hinaus sind bereits drei Millionen Nutztiere verendet.

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Die Zahl der Hungernden könnte im Laufe des Jahres sogar auf bis zu 26 Millionen ansteigen. Die Menschen, die ihr Zuhause auf der Suche nach Essen und Trinken verlassen haben, treffen aber auch in den Flüchtlingslagern auf desaströse Zustände. „Die Familien leben in winzigen Hütten, die aus Holzstöcken zusammengebaut wurden. Das Dach besteht nur aus Tüchern, Stoffresten oder herumliegendem Plastik“, erklärt Westphal, der kürzlich in Äthiopien und Kenia war.

Finanzielle Unterstützung bleibt lange aus

Für die Dürre in Ostafrika interessierten sich bis zuletzt aber nur wenige wohlhabende Staaten - andere Krisen und Kriege überschatten sie zu sehr. Doch vergangenen Dienstag kam Bewegung in die Sache: In Genf fand ein hochrangiges Gebertreffen zum Horn von Afrika mit Vertretern der Vereinten Nationen und der Europäischen Union statt.

Dort sicherte die internationale Staatengemeinschaft 1,29 Milliarden Euro an Hilfsgeldern zu. Dadurch sollen beispielsweise Nahrungsmittel, Medikamente oder auch Tierfutter gekauft werden. Die finanzielle Unterstützung kann die schlimmste Not lindern und ist mehr als nur ein Tropfen auf den heißen Stein - aber dennoch nicht genug. Denn beispielsweise benötigt allein der Somalia Humanitarian Response Plan 1,34 Milliarden Euro, wovon bis dato nur 4,6 Prozent finanziert sind.

Neben der finanziellen Hilfe ist vor allem schnellstmögliches Handeln erforderlich, da es ansonsten zu spät sein könnte. „Wir müssen heute die bittere Wahrheit akzeptieren, dass wir uns in einem Wettlauf gegen die Zeit befinden“, erklärt UN-Nothilfekoordinator Martin Griffiths bei der UN-Geberkonferenz.

Wegen der Dürre starben bislang drei Millionen Nutztiere, weshalb die Menschen ihre Lebensgrundlage verloren. Foto: dpa Vergrößern
Wegen der Dürre starben bislang drei Millionen Nutztiere, weshalb die Menschen ihre Lebensgrundlage verloren. © dpa

Doch überraschend kommt dieser Wettlauf nicht, im Gegenteil; die Entwicklung bahnte sich lange an. „Humanitäre Organisationen haben seit letztem Jahr gewarnt, dass die Dürre katastrophale Folgen haben könnte, wenn wir nicht sofort handeln“, beklagt Michael Dunford, der WFP-Regionaldirektor für Ostafrika.

Die Dürre erinnert an die Katastrophe 2011

Das anfängliche Abwarten weckt Erinnerungen an die Katastrophe 2011: Auch dort gab es am Horn von Afrika eine verheerende Dürre, die Millionen zur Flucht zwang und allein in Somalia rund 250 000 Todesopfer forderte. Damals wurde ebenfalls kritisiert, dass die internationale Gemeinschaft - trotz aller Warnungen - nicht schnell genug reagiert habe und die Hilfe so zu spät kam.

Dieses Zögern könnte unter anderem daran liegen, dass nur wenige Menschen aus Ostafrika in westliche Länder fliehen - und es somit leichter fällt, die Augen zu verschließen. „Zwischen Europa und der Dürre in Ostafrika gibt es keinen offensichtlichen Zusammenhang. Dies ist der Unterschied zu Afghanistan oder dem Krieg in der Ukraine, wo wir selbst direkter betroffen sind“, erklärt Westphal im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Die reichen Industrienationen aber sind indirekt dennoch beteiligt: durch den Klimawandel, der Extremwetterereignisse verstärkt. Westphal beklagt, dass ärmere Länder zur „globalen Klimakrise absolut nichts beigetragen haben, die dort lebenden Menschen jetzt aber deren erste Opfer sind“. Dies bestätigt auch die Wissenschaft: Die reichsten zehn Prozent der Welt verursachen zwischen 34 und 45 Prozent aller Treibhausgasemissionen. Die am wenigsten entwickelten Länder hingegen waren in den Jahren 1850 bis 2019 für gerade einmal 0,4 Prozent der Emissionen verantwortlich.

„Klimawandel wird durch fossile Industrie geleugnet“

Klimagerechtigkeitsforscher Darrel Moellendorf hält dies für ethisch fragwürdig. „Es ist unsere moralische Verpflichtung, weltweite Armut zu bekämpfen. Wir müssen die Gewinnung, Produktion und den Verbrauch fossiler Brennstoffe einstellen und die Leidtragenden des Klimawandels endlich entschädigen“, sagt Moellendorf dieser Zeitung. Dies aber sei schwer umzusetzen, da „der Klimawandel seit Jahrzehnten durch systematische und gut finanzierte Bemühungen der fossilen Industrie geleugnet wird“.

Ein schwer unterernährtes Kind wird in einem Stabilisierungszentrum in Äthiopien behandelt. Foto: dpa Vergrößern
Ein schwer unterernährtes Kind wird in einem Stabilisierungszentrum in Äthiopien behandelt. © dpa

Leugnen aber hilft am Horn von Afrika nichts mehr, die Menschen dort spüren die Erderwärmung tagtäglich am eigenen Leib. In der Region gibt es daher spezielle Stabilisierungszentren, die unterernährten Kindern das Leben retten sollen. „Es ist todtraurig, zu sehen, wie 15 Monate alte, spindeldürre Kinder apathisch im Arm ihrer Mütter liegen“, sagt Westphal nach seinem Krankenhausbesuch.

Die Menschen am Horn von Afrika sind Kämpfer

Noch handelt es sich für den Westen um Geschichten aus weiter Ferne - die zukünftig aber die gesamte Menschheit betreffen könnten. „Wenn wir nicht anfangen, international gegen den Klimawandel zusammenzuarbeiten, dann ist eines sicher: Die Auswirkungen werden keinem Kontinent, keiner Region und keinem einzigen Land erspart bleiben“, prophezeit Gerechtigkeitsforscher Moellendorf.

Falls die zugesicherten Hilfsgelder bald ausgezahlt werden sollten, könnte eine historische Hungersnot in Ostafrika wohl noch abgewendet werden. Den Klimaflüchtlingen aber hilft letztlich nur eines: dass die sehnsüchtig erwartete Regenzeit sie bald erlöst. Doch egal, wie sehr es den Staub noch durch die Luft wirbelt, die Menschen verlieren ihre Hoffnung nicht: „Sie sind echte Kämpfer. Egal, wie knochentrocken die Umwelt und wie hart das Leben ist, die Menschen in diesen Regionen geben nicht auf“, sagt Westphal.

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