Besuch einer Schule in Nassau auf den Bahamas. Foto: imago
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Royals in der Karibik Viel Glamour - und manche Peinlichkeiten

Auf der Reise durch britische Ex-Kolonien wird das Herzogspaar William und Kate mit den Nachwirkungen der Vergangenheit konfrontiert.

 

Welches Bild wird bleiben von dieser royalen Tour in die Karibik? Die Szene, in der fröhliche schwarze Kinder dem hochgewachsenen weißen Besucherpaar ihre Hände entgegenstrecken – durch einen Maschendrahtzaun? Der Rückgriff auf die Ikonographie der Kolonialzeit, als Prinz William in prächtiger Paradeuniform eine Militärparade abnahm, kerzengerade auf einem mehr als 60 Jahre alten Landrover stehend, seine Frau Kate neben sich? Oder doch der Moment, als Jamaikas Premierminister den jungen Vertretern der britischen Monarchie live im Fernsehen die Kündigung aussprach?

 Eine fröhliche achttägige Reise sollte das Herzogspaar von Cambridge absolvieren aus Anlass des Platin-Thronjubiläums von Königin Elizabeth II, dabei die Bindungen zwischen dem Mutterland und den Ex-Kolonien stärken. Schließlich steckt London der Schreck darüber in den Knochen, dass nach knapp 30-jähriger Stabilität erstmals wieder ein Staat zur Republik geworden ist. Seit Barbados im vergangenen November die bisherige Generalgouverneurin zur Präsidentin machte, ist die Zahl der Nationen rund um den Globus, denen die britische Queen noch nominell als Staatsoberhaupt dient, auf 15 geschrumpft.

Herausgekommen ist eine Visite, die neben allerlei erfreulichen Begegnungen und Goodwill gegenüber den Besuchern aus Europa viele kuriose, peinliche, ja problematische Elemente enthielt. Die Planer hätten die Lage vor Ort „falsch eingeschätzt“, schrieb der Monarchie-kritische „Guardian“. Von „PR-Fehlern“ sprach streng die loyale BBC. Selbst der überaus loyale „Telegraph“ räumte ein, dass die Bilder vom Maschendrahtzaun und der Paradeuniform „nicht toll“ gewesen seien.

Elf Millionen verschleppte Schwarzafrikaner

Was sich als kleine Pannen abtun ließe, fügt sich in ein problematisches politisches Bild. Immer wieder waren der Zweite der Thronfolge und dessen ebenso kluge wie elegante Gattin – eigentlich die beste Image-Waffe der 95-jährigen Monarchin, die seit Jahren keine anstrengenden Übersee-Besuche mehr absolviert – mit Themen konfrontiert, welche die soft power Großbritanniens und seines Königshauses beeinträchtigen.

Protestkundgebungen in der jamaikanischen Hauptstadt Kingston und in Nassau auf den Bahamas erneuerten die Forderung nach umfangreichen Reparationen der Kolonialmacht, deren Jahrhunderte langer Reichtum auf Sklaverei und der brutalen Ausbeutung ihrer Übersee-Territorien beruht. Die Inseln in der Karibik von Kuba bis Barbados wurden zum Schauplatz eines millionenfachen Verbrechens – “ das Cockpit von Europa, Austragungsort heißer wie kalter Kriege”, wie der Historiker und spätere Regierungschef von Trinidad&Tobago, Eric Williams, schrieb. Vom frühen 17. Jahrhundert an spielte die aufstrebende Seemacht England und später Großbritannien dabei eine düstere Rolle.

Schätzungen sprechen von elf Millionen Schwarzafrikanern, die aus ihrer Heimat verschleppt und als Entrechtete über den Ozean gebracht wurden; viele weitere Millionen wurden schon in Afrika oder auf der Reise getötet. Das kaum vorstellbare Unrecht, Fundament des Reichtums der europäischen Kolonialreiche, dauerte bis weit ins 19. Jahrhundert hinein. Seit Jahren verfolgen 15 Länder der karibischen Gemeinschaft (Caricom) Milliarden-Ansprüche gegen die früheren Kolonialmächte, darunter auch Großbritannien. Die Rede ist von Schuldenerlaß, mehr Entwicklungshilfe sowie Ausbilder für Lehrer und Ärzte. London mag darüber nicht einmal diskutieren.

"Längst wäre eine Entschuldigung fällig"

Beim Abschiedsbesuch von Thronfolger Charles, 73, auf Barbados wurde das Thema im vergangenen Jahr noch diplomatisch ausgespart – zumal der Erste der Thronfolge vor Ort die Sklaverei immerhin klar verurteilte: „ein koloniales Erbe, das auf immer unsere Geschichte beschmutzt”. In Jamaika ging William, 39, über die Worte seines Vaters hinaus, sprach von „tiefer Reue“ für die „entsetzlichen Gräuel“. Aber reicht das? Längst wäre eine Entschuldigung im Namen des Königshauses fällig, glaubt Professor Trevor Burnard von der Universität Hull: „Die Royals sollten anerkennen, dass Könige von Charles II bis William IV in die Sklaverei verstrickt waren und sie unterstützten.“

Gewiss hat zudem die „Black Lives Matter“-Bewegung die Einstellung der früheren Kolonien gegenüber den Royals von der fernen europäischen Insel verändert. Dass Meghan Markle, die Herzogin von Sussex im vergangenen Jahr dem Thronfolger Rassismus unterstellte, ist bei Vielen hängengeblieben, obwohl der Palast die aus zweiter Hand stammenden Vorwürfe als „reine Fiktion“ kennzeichnete.

Keineswegs vergessen ist in der Karibik auch die beschämende Art, wie konservative Regierungen seit 2010 mit jenen Einwanderern umging, die seit 1948 meist ohne Papiere aus dem Empire auf die kalte Mutterinsel kamen. Viele wurden ins Gefängnis gesteckt oder sang- und klanglos in Herkunftsländer geschickt, die ihnen nach langen Jahrzehnten völlig entfremdet waren.

Dass beim „Windrush-Skandal“ – benannt nach dem ersten Schiff, das 1948 Einwanderer aus der Karibik brachte – schreiendes Unrecht geschah, hat London mittlerweile eingeräumt. Viele der mittlerweile betagten Betroffenen aber warten bisher vergeblich auf eine Entschädigung.

William reagiert mit einem gefrorenen Lächeln

Reparationen für die Sklaverei-Staaten, Entschädigungen für britische Bürger – beides fällt natürlich nicht in die Zuständigkeit der Royals, die sich ja gerade ihre Distanz zur Tagespolitik zugutehalten. Auf brutale Weise deutlich gemacht hat der Besuch aber die Erkenntnis: Im 21. Jahrhundert gilt der feine Unterschied zwischen der Politik der einstigen Kolonialmacht und dem royalen Glamour nicht mehr.

Insofern hätte den zuständigen Beamten im Foreign Office, die in Zusammenarbeit mit dem Buckingham-Palast royale Visiten minutiös planen, klar sein müssen, dass Andrew Holness seine Wiederwahl auf Jamaika 2020 mit dem Versprechen der Loslösung von London gewonnen hatte und daraus auch kein Hehl machen würde. Der Labour-Politiker umgarnte seine Besucher mit mancherlei Freundlichkeiten. Aber er schrieb ihnen auch ins Stammbuch, seine Insel sei dazu bestimmt, ein „unabhängiges, entwickeltes und wohlhabendes Land“ zu werden. Im 54 Mitglieder starken Commonwealth, dem Club britischer Ex-Kolonien, will Jamaika immerhin bleiben.

Vor Ort beließ es der Zweite der Thronfolge bei einem eingefrorenen Lächeln. Von den Bahamas aus sandte er am Wochenende eine versöhnliche Botschaft an all jene, die weder Charles‘ noch Williams Untertanen werden wollen: „Unsere Beziehungen entwickeln sich weiter, unsere Freundschaft bleibt bestehen.“

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