Ein Fischer im Irak fährt mit seinem Boot auf dem Fluss Schatt al-Arab. Dabei weht ein Sandsturm, der die gesamte Region seit Tagen erfasst hat. Foto: Nabil Al-Jurani/AP/dpa
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Rote Erde hoch am Himmel Im Nahen Osten wüten Sandstürme

Der Nahe Osten wird von Sandstürmen geplagt. Das war schon immer so. Aber die Dimension und Häufigkeit sind neu.

Eine riesige grau-orange Wand rollt auf Kuwait-Stadt zu. Schnell verschwinden Hochhäuser, Straßen und Autos hinter einem Schleier, die Sonne verdunkelt sich, der Himmel färbt sich rot. Das zeigten Videos vom Persischen Golf in den vergangenen Tagen.

Der Nahe Osten wird in den vergangenen Wochen von ungewöhnlich vielen Sandstürmen heimgesucht – allein der Irak verzeichnet derzeit fast einen Sturm pro Woche. Bisher waren es etwa zwei Stürme im ganzen Jahr. Wissenschaftler machen Klimawandel und Misswirtschaft für die Plage verantwortlich.

Im Frühjahr und Sommer sind Sandstürme im Nahen Osten nicht ungewöhnlich, doch treten sie nun häufiger auf. Betroffen ist ein riesiges Gebiet von Erbil im Norden des Irak bis zur saudischen Hauptstadt Riad etwa 1300 Kilometer weiter südlich. Die Stürme erreichen Geschwindigkeiten von 100 Stundenkilometern und verbreiten feine Staubpartikel, die Flugzeugmotoren außer Gefecht setzen und besonders für Alte und Kranke lebensgefährlich werden können.

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Im ost-syrischen Deir al-Sor forderten die Gesundheitsbehörden zusätzliche Sauerstoffflaschen zur Beatmung von Patienten an, nachdem bei einem Sturm drei Menschen erstickt waren. Im Irak gab es bisher mindestens ein Todesopfer.

Häufig ziehen die Stürme innerhalb einer halben Stunde weiter, doch sie können Schäden in Milliardenhöhe anrichten und das öffentliche Leben stoppen. In der iranischen Hauptstadt Teheran mussten innerhalb der vergangenen Wochen zweimal die Schulen geschlossen werden, in Dubai verschwand das höchste Gebäude der Welt kurzzeitig.

Der 830 Meter hohe Burj Khalifa stand hinter einem Vorhang aus Sand. Im Irak schickte Ministerpräsident Mustafa al-Kadhimi am Montag alle Staatsbedienstete außer den Mitarbeitern des Gesundheitssystems und der Sicherheitskräfte nach Hause.

Am stärksten vom Klimawandel betroffen

Der Nahe Osten zählt zu den Gegenden, die auf der Welt am stärksten vom Klimawandel betroffen sind. Wassermangel und steigende Temperaturen könnten Teile der Region in den kommenden Jahrzehnten unbewohnbar machen. Schon jetzt melden einige Länder Höchsttemperaturen von mehr als 50 Grad. Ein besonders großer Sandsturm, der im Jahr 2015 ein Gebiet vom Irak bis Zypern traf, galt damals noch als Jahrhundertereignis.

Und nun? Im Irak zogen seit März fast ein Dutzend Stürme über das Land hinweg. Jaafar Jotheri von der irakischen Al-Kadisija-Universität, sagte der „New York Times“, noch vor 20 Jahren habe es im Irak zwei Sandstürme pro Jahr gegeben – in diesem Jahr rechnet er mit 20.

Steigende Temperaturen und weniger Niederschlag führen zu Wüstenbildung, sagt Yoav Yair. Der Wissenschaftler von der israelischen Reichman-Universität sagte dem Sender France24, landwirtschaftliche Flächen im Nahen Osten würden immer trockener. Deshalb werde es für Winde immer einfacher, den Sand in die Luft zu schleudern und Hunderte Kilometer weit zu tragen. Die Landflucht von Bauern in Bürgerkriegsländern wie Syrien verstärkt die Bodenerosion, weil sie trockene Brachen zurücklässt, die leichter weggeweht werden können.

Im Irak befürchten die Behörden, dass 70 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen austrocknen könnten. Was sich dort abspielt, könnte bald auch in den anderen Teilen des Nahen Ostens geschehen. Die Entwicklung im Irak sollte als Zeichen für andere Länder verstanden werden, sagte der Klima-Experte Mohammed Mahmoud vom Nahost-Institut in Washington dem Sender CNN. Mahmoud hält die Staaten am Persischen Golf sowie Ägypten und Libyen für besonders gefährdet.

Politische Entscheidungen in den betroffenen Ländern machen alles noch schlimmer. Auch hier liefert der Irak abschreckende Beispiele. So ließ der damalige Diktator Saddam Hussein große Sumpfgebiete im Süden des Landes trockenlegen.

Die Behörden hätten zudem zugelassen, dass der Grundwasserspiegel in Teilen des Landes immer weiter falle, schrieb der Irak-Experte Ibrahim al-Marashi in einem Beitrag für die Nachrichtenseite Middle East Eye. Im Nachbarland Iran lässt Misswirtschaft der Behörden in einigen Regionen die Flüsse und das Ackerland austrocknen. Andere Probleme wie die Vernichtung von Waldgebieten und fallende Pegelstände bei den Flüssen Euphrat und Tigris kommen hinzu.

Ein Gegenmittel sind Bäume

Mohamed Tazrouti von Greenpeace schätzt, dass schwere Sandstürme in den kommenden Jahren im Nahen Osten zum Alltag werden. Die Stürme würden nicht nur häufiger, sondern auch intensiver, sagt er voraus. Außerdem breiten sie sich über größere Gebiete aus und die Windgeschwindigkeiten werden zunehmen.

Ein mögliches Gegenmittel gegen die Sandstürme sind Bäume. China konnte in den vergangenen Jahren mit einer Aufforstungs-Kampagne in der Inneren Mongolei die Zahl der Sandstürme dort verringern. Kuwait ließ nach chinesischem Vorbild Hunderttausende Bäume pflanzen, die mit einem nachhaltigen Bewässerungssystem versorgt werden.

Auch die irakische Regierung betrachtet Bäume als wirksame Waffe gegen die Stürme. Doch das Umsteuern kommt spät, die Unwetter gehen weiter. So erwartet Saudi-Arabien einen Sandsturm, der die Sichtweite auf den Straßen in der Hauptstadt Riad auf null reduzieren soll.

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