In dieser Pension begingen drei Menschen gemeinsamen Suizid. Foto: Lino Mirgeler/dpa
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Psychologe über Armbrust-Suizid von Passau „Gezielte Schüsse sprechen für absoluten Tötungswillen“

Sebastian Krüger

In Passau gingen drei Menschen gemeinsam in den Tod. Wie kommt es zu solchen Vorfällen und warum war eine Armbrust im Spiel? Ein Psychologe gibt Antworten.

Rudolf Egg (70) ist Psychologe mit dem Schwerpunkt Kriminalpsychologie. Von 1997 bis 2014 leitete er die Kriminologische Zentralstelle des Bundes und der Länder (KrimZ) in Wiesbaden.

Herr Egg, die Ermittler gehen bisher von einem gemeinsamen Suizid bzw. von Tötung auf Verlangen aus. Was geschieht im Vorfeld solcher Taten?

Rudolf Egg: Ein Suizid betrifft meist nur einzelne Personen. Es sind Menschen, die sich in einer verzweifelten, hoffnungslosen Situation befinden und irgendwann den Entschluss fassen, aus dem Leben zu scheiden. Der Grund dafür kann eine unheilbare Krankheit sein, aber auch finanzielle oder familiäre Probleme oder eine Kombination aus allem können eine Rolle spielen. Dass sich mehrere Personen gemeinsam zu einem Suizid entschließen, etwa in der Form, dass jemand erst einen anderen tötet und dann sich selber, kommt zwar manchmal vor, ist aber wesentlich seltener. Dazu müssen die beteiligten Personen eine ähnlich negative, verzweifelte Sichtweise auf sich und ihr Leben haben.

Welche Rolle spielen Gruppendynamiken dabei?
Die Gruppendynamik, also das Wechselspiel zwischen verschiedenen Meinungen und Einstellungen innerhalb einer Gruppe, spielt bei einem sogenannten erweiterten Suizid eine große, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle. Neben dem individuellen Abwägen, ob man der als unerträglich empfundenen Lebenssituation durch einen Suizid ein Ende setzen möchte oder es doch noch einmal versuchen will, kommen hier auch die Einschätzungen anderer Personen zum Tragen.

Der tote Mann in Passau scheint ersten Erkenntnissen nach der Anführer der Gruppe gewesen zu sein. In Medienberichten ist von einer Sekte voll Dominanz und Gehorsam die Rede. Wie laufen die Entscheidungsprozesse in solchen Gruppen ab?

Je nachdem, welche Rolle oder Position man in einer Gruppe einnimmt, kann dann ein Einzelner auf die Entscheidungen anderer Einfluss nehmen, sich einer Mehrheitsmeinung anschließen oder sich dem Entschluss einer dominanten, bestimmenden Person innerhalb der Gruppe unterordnen.

Kann es sein, dass der gemeinsame Suizid einzig die Idee des Anführers ist?

In solchen Gruppen kann es ein Hörigkeitsgefälle geben wie bei Jüngern, die ihrem Guru bedingungslos Folge leisten. Das ist alles denkbar und hat es auch schon gegeben. Auch in einer Zweierbeziehung ist so ein Gefälle möglich, wenn die Lebensgemeinschaft als Schicksalsgemeinschaft aufgefasst wird.

Welche Rolle spielen sexuelle Beziehungen innerhalb der Gruppe?

Sexualität ist das stärkste Band, das Menschen zueinander knöpfen können. Sexualität ist ein Geben und Nehmen, man muss sich ergänzen. Das kann auch der Fall sein, wenn der eine Partner Hilfe sucht und der andere totale Unterwerfung fordert. Bei einer Sekte genügt aber schon der soziale Druck: Wer so einer Gruppe beitritt, sucht häufig Anschluss, Wärme und Schutz. Sich daraus zu lösen, ist sehr schwer – die anderen Gruppenmitglieder folgen dem Anführer ja auch.​

Es wurden zwei Testamente in der Pension gefunden. Sind solche Taten lange im Voraus geplant oder eher spontan?

Manche Suizide geschehen relativ spontan, etwa als unmittelbare Reaktion auf ein dramatisches Ereignis, aber gerade in diesem Fall würde ich eher von einer längeren Vorausplanung ausgehen. Allein die Wahl der Waffe zeigt, dass es keine spontanen Handlungen gewesen sein können. Mit einer Schusswaffe etwa kann man mehrere Schüsse hintereinander abgeben. In eine Armbrust kann man dagegen immer nur einen einzigen Pfeil einlegen, bevor man damit schießt. Für jemanden im Affekt, der spontan handelt, ist das im Grunde eine ungeeignete Waffe.

Ersten Erkenntnissen nach hat 30-Jährige erst die anderen beiden getötet, dann sich selbst. Foto: Lino Mirgeler/dpa/AFP Vergrößern
Ersten Erkenntnissen nach hat 30-Jährige erst die anderen beiden getötet, dann sich selbst. © Lino Mirgeler/dpa/AFP

Eine Armbrust als Mord- oder Suizidwaffe kommt nur selten vor. Warum entscheidet sich jemand dafür?

Menschen nehmen bei einem Suizid das, was ihnen zur Verfügung steht und das, was ihnen als geeignet oder wirksam erscheint. Viele Suizide geschehen mit Gift, aber dazu muss man einen Zugang haben und wissen, wie das Gift wirkt. Die Armbrust könnte auch eine gewisse Symbolik bedeuten. Ich wüsste aber nicht welche, weil das doch eine recht ungewöhnliche Methode ist. Als Laie würde ich sogar vermuten, dass man gar nicht sicher sein kann, ob ein Treffer tödlich ist oder nur eine schwere Verletzung verursacht.

Die drei Toten in Passau starben durch Treffer in Herz und Hals.

Für einen Schuss ins Herz muss man wissen, wo genau sich das Herz befindet und wie man es sicher treffen kann. Das kann man ja vorher nicht an einem anderen Menschen üben. Dafür bedarf es anatomischer Kenntnisse. Gezielte Schüsse in Herz und Hals sprechen übrigens für einen absoluten Tötungswillen. Die Personen wollten sich also nicht nur verletzen in der Hoffnung, doch noch gefunden und gerettet zu werden, so wie das manche verzweifelte Menschen machen. Es sieht dann so aus, als wollten sie sterben, aber in Wirklichkeit ist es ein Hilfeschrei.

Vielerorts liest man vom mutmaßlichen Hintergrund der Toten in der Mittelalterszene. Manch einer hält diese nun für gefährlich. Was halten Sie davon?

Davon halte ich gar nichts. Diese Mittelalterszene ist lediglich ein Freizeitvergnügen. Manche Menschen lassen gerne Drachen steigen, andere interessieren sich für Motorräder, und andere spielen eben das Mittelalter nach. Das ist per se nichts Problematisches oder Gefährliches. Etwa ein Prozent der Bevölkerung ist mit schweren psychischen Störungen belastet. Ich würde in dieser Szene keinen größeren Anteil vermuten als in der Allgemeinheit.

Sind Menschen eher suizidgefährdet, wenn sie sich in psychischen Notsituationen befinden?

Ich wäre sehr vorsichtig damit, Suizidalität generell auf Krankheit zu reduzieren. Es gibt selbstverständlich Personen, die psychisch krank sind, schon etliche Jahre in psychologischer Behandlung waren und schließlich einen Suizid begehen. Allerdings kann auch jemand, der eigentlich psychisch gesund ist, durch besondere Lebensumstände an gewisse Grenzen stoßen und keinen anderen Ausweg mehr sehen.

Im niedersächsischen Wittingen wurden zwei Leichen gefunden, die in Verbindung stehen sollen zu den Todesfällen in Passau. Foto: Christophe Gateau/dpa/AFP Vergrößern
Im niedersächsischen Wittingen wurden zwei Leichen gefunden, die in Verbindung stehen sollen zu den Todesfällen in Passau. © Christophe Gateau/dpa/AFP

Der Fall sorgt auch im Ausland für Schlagzeilen. Warum interessieren sich so viele Menschen für solche Taten?

So sonderbar das klingen mag: Das kann auch Trost spenden. Bekanntlich ist ja das Unglück anderer oft besonders interessant. Menschen fasziniert ein großes Feuer, ein Unglück, eine Katastrophe oder eben einen besonders spektakulärer Gruppensuizid. Man sagt sich: Ja, die haben das gemacht, aber zum Glück ist das nicht mein Schicksal. Man sieht etwas Bizarres, Grausames und vergleicht es mit sich selber. Dann erkennt man, dass es einem eigentlich ganz gut geht. Das große Interesse an solchen Ereignissen heißt also nicht, dass alle Menschen Freude am Grausamen haben oder sadistisch veranlagt sind.

Inwiefern ist Berichterstattung über Suizide problematisch?

Es ist etwas anderes, als wenn man über eine Naturkatastrophe berichtet. Bei einem Suizid muss man in der Berichterstattung immer einen Nachahmungseffekt bedenken. Man spricht in der Kriminologie von dem Werther-Effekt. Der Begriff geht zurück auf Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“, der damals im 18. Jahrhundert zu einer ganzen Reihe von Suiziden geführt haben soll. Fast jeder Mensch kommt ja in seinem Leben ein- oder zweimal an eine Grenze und weiß nicht mehr, wie es weitergehen soll. Manche sehen dann den einzigen Ausweg darin, sich umzubringen. Das sollte man natürlich nicht befördern. Glückliche Menschen werden zwar durch den Bericht über einen Selbstmord nicht plötzlich selbst suizidal. Aber diejenigen, die vorher schon eine depressive Phase hatten, könnten dadurch in ihren negativen Gedanken verstärkt werden. Das könnte dann der berühmte Tropfen werden, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Wie sollen Medien dann über Suizide berichten?

Gar nicht mehr über Fälle wie in Passau zu berichten, ist sicherlich keine Lösung. Aber man sollte dabei nicht reißerisch vorgehen, sondern aufklärerisch – am besten versehen mit dem Hinweis auf Unterstützungsangebote wie die Telefonseelsorge. Medien sollten solche Meldungen also sachlich und vorsichtig bringen und nicht zu dramatisch oder blutrünstig darstellen. Sie sollten eher die Probleme der Menschen zeigen und auf mögliche Hilfen hinweisen. Dann, denke ich, kann man schon darüber berichten.

Hier gibt es Hilfe

Haben Sie dunkle Gedanken? Wenn es Ihnen nicht gut geht oder Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie sich melden können.

Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.

Weiterhin gibt es von der Telefonseelsorge das Angebot eines Hilfe-Chats. Außerdem gibt es die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung. Die Anmeldung erfolgt – ebenfalls anonym und kostenlos – auf der Webseite. Informationen finden Sie unter: www.telefonseelsorge.de

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