Auf diesem Aufklärungsfoto der peruanischen Regierung wird symbolisch ein Teddybär geimpft. Foto: picture alliance/dpa/Minsa
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Prominente und Politiker zuerst Der skandalöse Impfstart hält Lateinamerika den Spiegel vor

Von Skandalen begleitet beginnt die Impfkampagne in Mittel- und Südamerika. Reiche drängeln sich vor, ärmere Regionen werden vernachlässigt.

Zuerst das Gesundheitspersonal, dann die Alten – so lautet die Impfreihenfolge in den meisten Ländern Lateinamerikas. Offiziell zumindest. Denn wer gute Beziehungen hat, kommt schon mal eher dran. In Peru zum Beispiel.

Dort deckte der Journalist Carlos Paredes eine geheime Impfung gegen das Coronavirus auf, die im Oktober der damalige Präsident Martin Vizcarra und seine Frau bekommen hätten. „Impfgate“ wurde der Skandal getauft.

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Der seither aus anderen Gründen zurückgetretene Vizcarra gab die Impfung mit dem chinesischen Impfstoff Sinopharm zu und versuchte sich damit herauszureden, er sei ein Versuchskaninchen gewesen – was die Sache aber nicht besser machte, weil Sinopharm dementierte.

Weitere Recherchen ergaben dann, dass nicht nur er bevorzugt geimpft worden war, sondern auch über 400 Promis – darunter Rektoren der für die klinische Studie zuständigen Universität und acht Funktionäre, die mit Sinopharm verhandelt hatten.

Leere Spritzen verwendet

Wenig später folgte Argentinien. Auch dort war es ein Journalist, der die Vorzugsimpfungen aufdeckte – allerdings wohl eher aus Schusseligkeit oder um einer Enthüllung zuvorzukommen. Der 79-jährige Horacio Verbitsky erzählte in einem Radiointerview, er habe sich nun entgegen seiner anfänglichen Skepsis doch impfen lassen – allerdings nicht wie Otto Normalverbraucher in einem Hospital, verbunden mit tagelangem Ringen mit der elektronischen Registrierung und langen Warteschlangen.

Nein, ihm genügte ein Anruf beim befreundeten Gesundheitsminister. „Komm doch ins Ministerium, da geht es gleich los“, hieß es – und Verbitsky folgte dem Rat und erhielt dort den russischen Impfstoff. VIP-Impfung für die Kumpels der Macht, titelten die Medien; das Gesundheitspersonal war empört. 3000 Dosen soll der inzwischen zurückgetretene Gesundheitsminister Gines González für Freunde abgezweigt haben.

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In Brasilien hingegen sorgten „Luftimpfungen“ für Aufruhr. Dort filmten Angehörige von Senioren den Impfvorgang, in dem offenbar leere Spritzen verwendet und die Impfung nur simuliert wurde. Ein Fall wurde in Petrópolis bekannt, einer in Niteroi, einer in Copacabana, alle in dem für seine Korruption bekannten Bundesstaat Rio de Janeiro. Eine Krankenschwester erklärte, es habe sich um einen Irrtum gehandelt, den sie sofort korrigiert habe.

Politiker und Militärs zuerst

In Ecuador impfte der Gesundheitsminister gleich seine Familie mit, in Mexiko verfuhr ein Krankenhausdirektor ähnlich. Wenig Rücksicht auf Kritik hingegen nehmen die venezolanischen Machthaber. Dort stehen ganz oben auf der Prioritätenliste Minister, Politiker und Militärangehörige.

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Unter den ersten, die am Montag geimpft wurden, war auch eine 21 Jahre alte Abgeordnete der Regierungsanhänger.

„Die Gesundheitskrise hat uns den Spiegel vorgehalten, und der Anblick wird immer schlimmer“, schrieb der Journalist Mael Vallejo in der mexikanischen Zeitung „Milenio“. „Korruption, Nepotismus, Ungleichheit und eine egoistische, feige Politikerkaste, die nur ihre eigenen Interessen verfolgt.“ Kolumbien habe keinen Impfstoff in die arme, dünn besiedelte Amazonasregion schicken wollen, Chile habe zunächst abgelehnt, Migranten zu impfen, kritisierte er.

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Regierungen versuchen, Schuld auf reiche Länder abzuschieben

Die Skandale tragen nicht dazu bei, das ohnehin schon angeschlagene Image der Regierungen zu verbessern. In Lateinamerika starben bislang über 615 000 Menschen am Coronavirus; in zahlreichen Ländern hat die Impfung noch nicht einmal begonnen, in anderen geht sie aufgrund zu wenig Impfstoffen und schlechter Logistik nur sehr schleppend voran.

Die mexikanische Regierung machte dafür die Industrieländer verantwortlich, die sich die Bestände gesichert hätten. Argentinien kritisierte die Vertragsbedingungen von Pfizer-BioNtec. Die Firma verlangt von den Staaten, sie von jeglichen Schadensersatzklagen wegen Impfschäden freizustellen – auch im Falle von Liefer- und Produktionsfehlern und Betrug.

Zum Teil habe die Firma sogar als Garantie staatliche Gebäude wie Botschaften und Militärbasen verlangt, schrieb das Bureau of Investigative Journalism. Brasilianische Funktionäre berichteten Ähnliches. „Wir fühlten uns wie Geiseln“, wurde ein lateinamerikanischer Unterhändler zitiert.

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