Als "Der Poet" gab Denis Licina reihenweise fremde Texte als seine eigenen aus. Foto: promo
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Plagiat-Autor Deno Licina Wie „Der Poet“ nach dem Skandal gegen Kritiker vorgeht

Als „Der Poet“ verkaufte er fremde Texte als seine eigenen. Doch statt sich zu entschuldigen, zieht Deno Licina vor Gericht - und plagiiert weiter.

Wäre diese Geschichte ein Roman, das Werk erhielte vermutlich miese Rezensionen. Zu unglaubwürdig die Hauptfigur. So dreist kann doch eigentlich keiner sein, oder?

Vor zwei Jahren wurde der Buchautor Deno Licina, Künstlername „Der Poet“, dabei erwischt, sich reihenweise bei anderen Schriftstellern bedient und deren Texte als seine eigenen ausgegeben zu haben. Amazon stoppte den Verkauf zweier Bestseller, auch sein Verlag distanzierte sich.

Doch anstatt sich öffentlich für die Plagiate zu entschuldigen, wählte Licina einen anderen Weg: Er geht juristisch gegen die Frau vor, die seinen Schwindel mitaufdeckte. Am Mittwoch entscheidet das Landgericht Köln über den Fall.

Bevor Licina aufflog, lobten ihn Fans für seine empfindsamen Texte. Der Mann aus dem bayrischen Thannhausen sinnierte über Liebeskummer, tiefe Leidenschaft, die Sehnsucht nach einer festen Bindung.

Die entsprechenden Texte hatte er allerdings unter anderem einer US-Webseite entnommen, auf der junge Frauen persönliche, oft autobiografische Prosa veröffentlichen. Auch fremde Twitter-Sprüche gab er als seine eigenen Gedanken aus - mehrere in seinen Büchern, hunderte über seine Onlineprofile, auf denen er die Bücher bewarb.

Falsche Behauptungen im Anwaltsschreiben

Eine derjenigen, die den Skandal aufdeckten, ist die in der Schweiz lebende Bloggerin Paula Deme. Licinas Anwalt Christopher Langlotz forderte sie zunächst auf, eine Unterlassungserklärung abzugeben und fortan nicht mehr zu behaupten, sein Mandant habe „Tweets geklaut und daraus ein Buch gebastelt“.

In seinem Schreiben beteuert der Anwalt fälschlicherweise, Licina habe zu keiner Zeit fremde Sprüche oder Tweets anderer Personen in seinen Büchern verwendet. Es ist derselbe Anwalt, der bereits 2018 gegenüber dem Tagesspiegel zu Unrecht behauptet hatte, die Inhalte der Bestseller-Bücher stammten komplett von Deno Licina.

Ob noch andere Kritiker des „Poeten“ mit derartigen Unterlassungsforderungen bedacht wurden, sagt Anwalt Langlotz dem Tagesspiegel nicht. Allerdings weist er darauf hin, dass er seine Informationen, die zu diesem Schreiben führten, naturgemäß von seinem Mandanten bezogen habe: „Ich bin weder Journalist noch Detektiv und stelle deswegen in der Regel keine eigenen Recherchen an.“

Nicht nur fremde Tweets, auch fremde Texte

Am Mittwoch kommt es zur Verhandlung. In der Klageschrift, die dem Tagesspiegel vorliegt, argumentiert der Anwalt nun nicht mehr, Licina habe nie „fremde Sprüche“ oder Tweets anderer Personen in seinen Büchern verwendet. Stattdessen beanstandet er, die Kritikerin suggeriere, dass das Buch ganz oder in wesentlichen Teilen aus Tweets bestehe.

So absurd es klingt: Deno Licina könnte damit durchkommen. Denn tatsächlich hat er sich in seinen Büchern eben nicht nur fremder Tweets bedient, sondern auch massenhaft längerer Texte anderer Autoren. Allein von den ersten 15 Seiten seines zweiten Bestsellers waren 14 betroffen, meist zog sich das Plagiat über die komplette Seite.

Bewertet der Richter den Anteil geklauter Tweets nun gegenüber dem Anteil geklauter Texte als zu gering, könnte er die Aussage Demes, Licina habe „dreist Tweets“ geklaut und sich ein daraus ein Buch gebastelt, für falsch halten. Korrekterweise hätte die Beklagte dann also behaupten müssen, Licina habe „dreist Tweets und längere Texte" geklaut und sich daraus ein Buch gebastelt.

"Der Poet" hat es schon wieder getan

Inzwischen hat Deno Licina ein Hörbuch veröffentlicht. Es trägt den Titel „Das Gedankenbuch. Band 1“. Und er bleibt seinem Erfolgskonzept treu. Erneut hat sich „Der Poet“ kräftig bei jungen Nachwuchsautorinnen aus den USA bedient, deren Texte über gebrochene Herzen und Beziehungsnöte als seine eigenen ausgegeben. Aus dem Original "To The Person Who Feels They’re At Their Breaking Point" wird dann "Das geht an den Menschen, der kurz davor ist, auseinander zu fallen", aus "You Deserve To Be With Someone Who Doesn't Need To Leave To Realize Your Worth" macht Licina "Du verdienst es, mit jemandem zusammen zu sein, der dich nicht erst verlassen muss, um deinen Wert zu begreifen". Und so weiter.

Eine Anfrage des Tagesspiegels zu diesen neuen Plagiatsfällen beantwortet Licinas Anwalt nicht.

Etliche Beispiele dafür, wie sich Der Poet alias Deno Licina alias Denis Licina bei fremden Texten bedient, sind hier dokumentiert.

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