Lauert hier Gefahr? Das Monster im Storsjön-See ist seit Jahrhunderten Legendenstoff in Östersund. Foto: imago/Bildbyran
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Östersund Ein Seemonster soll Schwedens Tourismus ankurbeln

Nessie im Norden? Im See bei Östersund haust angeblich das Ungeheuer Storsjöodjuret. Das soll nun Touristen anlocken – was längst nicht jedem gefällt.

Storsjöodjuret ist für ein Monster erschreckend wenig erschreckend. Es hat lange Wimpern und schaut aus großen Augen freundlich drein, ist grün und gelb und violett geschuppt. Kinder, die durch seinen Schlund stürzen, kommen unten mit Gejohle wieder heraus. Das Seemonster ist im Jamtli-Museum eine Rutsche. Und überhaupt ist es die tollste Attraktion der Ausstellung. „Es ist ein freundliches Monster“, sagt die Museumsmitarbeiterin Anna Engman. Ein Monster, mit dem sie kräftig werben hier in Östersund.

Storsjöodjuret – wörtlich übersetzt das Tier des Storsjön, des großen Sees – ziert in Östersund allerlei Hauswände und Gärten als Schaukelpferd. Die Touristinfo führt Plüschtiere, Kerzenständer, Kartenspiele und Malbücher. Es ist so etwas wie die schwedische Variante von Nessie. In Skandinavien ist es weit bekannt. Nur international warten und hoffen sie noch auf den Hype um das Seemonster. Die Biathlon-Weltmeisterschaft in diesen Tagen soll den entscheidenden Anschub geben.Wintersportfans aus der ganzen Welt können vom Seemonster berichten – und kommen hoffentlich im Sommer mit noch mehr Touristen wieder. In Östersund jedenfalls setzen sie darauf.

Der Storsjön ist 450 Quadratkilometer groß und der fünftgrößte See Schwedens. Die Legende vom Seemonster Storsjöodjuret geht bis ins Jahr 1635 zurück. Zwei Trolle sollen demnach am Seeufer eine Suppe gebraut haben. Es zuckte und brodelte. Aus dem Kessel sprang ein schlangenartiges Wesen mit Hundskopf ins Wasser. So schreibt es der Priester Mogens Pedersen damals, sagt Anna Engman.

Seitdem berichten Bewohner der umliegenden Orte immer wieder vom Monster. Die einen sagen, es ist graubraun oder grün. Für die anderen ist es schwarz und bucklig, wie in der 50.000 Seelenstadt die Straßen vom Schnee und Splitt zurzeit holprig sind. Aber in der Stadt dreht sich in diesen Tagen vieles um Birger, den Sohn des Seemonsters. Birger kommt als Plüschmaskottchen daher. Grün und mit weißen Flecken, hat es bei der WM sogar Interviews gegeben, mit Kindern gespaßt – und die Verwandtschaftsverhältnisse zu Nessie offenbart.

Östersund hofft auf einen Touristen-Hype

Der Verweis auf Schottland liegt nahe. Auch das Ungeheuer vom Loch Ness soll ein Saurier sein. Regional ist der Mythos in Schottland eine wichtige Einnahmequelle. Er zieht Touristen an. Auch Filme wurden schon dutzende über das Monster im See gedreht.

Etwas Ähnliches würden sie sich auch für Östersund wünschen. Die Stadt lebt bislang vor allem vom Wintersport, von der Natur und der Mittuniversitetet mit 14.000 Studenten. Ein Seemonster könnte da nicht schaden, um den Tourismus noch etwas zu befeuern.

Acht Monsterbeobachtungspunkte mit Videokameras und Ferngläsern haben sie rund um den See aufgestellt. An manchen Stellen gibt es auch Fußstapfen im Boden, Knochen am Ufer verteilt. Jetzt im Winter, bei deftigen Minusgraden und unter 90 Zentimetern Schneeschicht, sind die nur kaum zu finden. Der See ist zugefroren. Also muss Birger, das Plüschmonster, die Leute begeistern.

Birger feuert an. Bei der Biathlon-WM war der Sohn des Seeungeheuers allgegenwärtig. Foto: dpa Vergrößern
Birger feuert an. Bei der Biathlon-WM war der Sohn des Seeungeheuers allgegenwärtig. © dpa

„Früher hatten die Leute Angst vor dem Monster“, sagt Anna Engman. Jahrhundertelang hätte sich kaum einer getraut, im See schwimmen zu gehen oder Wäsche zu waschen. Dabei ist die Stadt Östersund direkt am Seeufer. Sie haben dann versucht, den Storsjöodjuret mit einer riesigen Bärenfalle zu fangen. Sie haben auch einen norwegischen Waljäger angeheuert, ein Loch in den See gebohrt, mit Futter gelockt und mit Harpunen gewartet. „Alles vergeblich“, sagt Engman und zuckt mit den Schultern. Heute hängen die Jagdgeräte neben der Rutsche im Museum und gruseln die Kinder weit mehr als die Erzählung vom Seemonster selbst.

Zumal das Monster ja der Sage nach lieb ist, sagt Anna Engman. Ein Magier habe vor über zweihundert Jahren einen Bann über das Monster gelegt. „Es kann den See nicht mehr verlassen und ist seither freundlich gesinnt“, sagt sie.

Ein Runenstein liefert Anlass zu Spekulationen

Die Deutung geht auf einen Runenstein zurück, den die Bewohner auf der Insel Frösön im See gefunden haben. Die Runen konnten sie damals nicht deuten. Abgebildet war aber eindeutig eine schlangenähnliche Kreatur, die sich selbst in den Schwanz beißt. „Für die Bewohner war damals klar, dass Storsjöodjuret gemeint sein muss“, sagt Anna Engman. Heute ist klar, dass der Stein schon aus dem 11. Jahrhundert stammt und an die Christianisierung Jämtlands erinnert.

Aber sei es drum. In Östersund und Umgebung brauchen sie keine Runen als Zeugnis. Seit der ersten Erwähnung des Storsjöodjuret haben über 2000 Menschen die Sichtung bezeugt. Einige von ihnen haben 1894 die Gesellschaft zur Erkundung des Sees und zum Schutz des Monsters gegründet. Sie sammeln jeden Hinweis. Und sie geben das Wissen um Storsjöodjuret weiter. 50 Mitglieder sind sie heute. Sie waren mal über hundert, sagt der Vorsitzende, Göte Norlander. „Aber wir Alten sterben weg, und Nachwuchs gibt es nicht“, sagt der 74-Jährige.

Auch deshalb nutzen sie jede Gelegenheit, um von dem Monster zu erzählen. Im Sommer richten sie in Östersund ein Musikfest aus. Das Storsjöyran ist Schwedens ältestes Stadtfest und mit 300.000 Besuchern eines der größten Musikfestivals in ganz Skandinavien. Auch hier berichten sie von Storsjöodjuret. Sie besuchen Schulen. Und, natürlich, jetzt die Biathlon-Weltmeisterschaft.

„Wir nehmen das sehr Ernst“, sagt Göte Norlander. Es geht ihnen um das kulturelle Erbe, sagt er. Einige der Mitglieder seien deshalb nicht glücklich gewesen über die Erfindung von Birger, dem Plüschmonster. „Die Leute nehmen das heute als Scherz oder wollen nur Geld damit machen. Aber da steckt doch Kultur und Geschichte dahinter“, sagt er.

Storsjöodjuret stand sogar unter Artenschutz

Norlander selbst freut sich, dass es den Kindern gefällt, hofft auf Aufmerksamkeit. Und die hat er sicher. Fast jeder Auswärtige fragt, was das mit dem Schlangentier ist, das sich überall in der Stadt findet. Das Jamtli-Museum mit der Ausstellung ist laut Anna Engman aktuell um ein Vielfaches so gut besucht wie sonst in der Wintersaison. „Storsjöodjuret hat daran sicherlich seinen Anteil.“

Die Einnahmequelle Seemonster wissen sie auch in der schwedischen Politik zu wertschätzen. 1986 stellte die Provinzregierung Jämtlands den Storsjöodjuret sogar ganz amtlich unter Artenschutz. „Niemand durfte Storsjöodjuret jagen – auch wenn nicht einmal klar war, ob das Ungeheuer überhaupt existierte“, erzählt Anna Engman. Das Gesetz hielt nicht lang. 2004 wurde es wieder einkassiert.

„Aber Storsjöodjuret genießt noch immer den Schutz, den alle Wildtiere in Schweden haben“, sagt Anna Engman vom Jamtli-Museum. Mit dem Unterschied, dass Elche und Rentiere auch tatsächlich während der WM schon gesehen wurden. Und das ist für die Besucher ja auch nicht das Schlechteste.

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