Als „Kathedrale“ wird die neue Station Hauptbahnhof bereits bezeichnet. Foto: Gemeente Amsterdam
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Neue Linie in Amsterdam Die U-Bahn als unterirdisches Gesamtkunstwerk

Wo Verkehrsprojekte funktionieren: Nach 15 Jahren Planungs- und Bauzeit feiert Amsterdam seine neue U-Bahnlinie. Ein Besuch.

Fünf Minuten dauert die Überfahrt zwischen Hauptbahnhof und dem nördlichen Ufer des Ij, der Amsterdam mit dem offenen Meer verbindet. Jedes Fährschiff ist vollbesetzt, mit Fußgängern und Fahrradfahrern. Kraftfahrzeuge müssen einen Straßentunnel weiter östlich benutzen.

Den Fährbetrieb wird es auch weiterhin geben, aber ein Großteil der Pendler aus den Wohnsiedlungen im Norden Amsterdams wird künftig die U-Bahn benutzen. Nach 15 Jahren Planungs- und Bauzeit ist die endlich fertig, die Nord-Süd-Linie, die zwischen dem neuen Bahnhof Nord und dem von älteren Metrolinien bedienten Bahnhof Süd unter dem Ij und unter der Altstadt hindurch verläuft. Am heutigen Montag erlebt sie ihre Bewährungsprobe im Berufsalltag.

Die Eröffnung verlief so, wie man das in den egalitären Niederlanden erwarten darf. Ein paar Grußworte vor geladenen Gästen in der größten Station unterhalb des mächtigen Hauptbahnhofs, und danach freie Fahrt für jedermann. Wovon die Amsterdamer reichlich Gebrauch machten.

Geradezu bedächtig verläuft das Ein- und Aussteigen

Geradezu bedächtig verliefen das Ein- und Aussteigen der Erstbenutzer, das andächtige Staunen und die Inbesitznahme der sieben neuen Stationen. Die an gelben Westen kenntlichen Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe mussten ein ums andere Mal mit aufs Selfie. Jede Station ist in Zusammenarbeit von Architekten und Künstlern als ein unterirdisches Gesamtkunstwerk gestaltet worden.

3,1 Milliarden Euro hat der Bau der zehn Kilometer langen Strecke gekostet, die im Wesentlichen dem einstigen Verlauf des Flusses Amstel folgt. Der ist im Bereich des ältesten Stadtkerns vor mehr als 100 Jahren zugeschüttet worden. Nun kamen beim Bau der U-Bahnhöfe zahllose Dinge ans Tageslicht, die einst achtlos in den Fluss geworfen wurden oder zufällig darin versunken waren.

Die Streckentunnel wurden durch den Untergrund gebohrt. Den beim Bau der ersten U-Bahnlinie in den 70-er Jahren gemachten Fehler, ganze historische Straßenzüge abzureißen, wurde diesmal bewusst vermieden. Die Erinnerung an die Proteste, die die U-Bahn damals hervorrief, sind noch deutlich in Erinnerung.

Amsterdam ist eine wachsende Metropole

Diesmal verlief der U-Bahnbau einvernehmlich, und an Sinn und Zweck insbesondere der Ij-Unterquerung bestand kein Zweifel. Amsterdam ist eine wachsende und auch immer teurer werdende Metropole. Die Notwendigkeit, neue Wohngebiete besser an die Stadt anzubinden, ist politischer Konsens.

Wohl auch deshalb haben die Amsterdamer ihre neue Linie am Wochenende so gelassen, ja fröhlich in Besitz genommen. Die von dem renommierten Architekturbüro Benthem Crouwel, das sich unter anderem mit der Erweiterung der Amsterdamer Centraal Station oder der rasant geschwungenen Empfangshalle des Rotterdamer Hauptbahnhofs ausgewiesen hat, eher nüchtern-funktional gestalteten Stationen erhalten durch die integrierte Kunst ihr individuelles Gesicht.

Die Idee war, jeder Station eine Kunstinstallation zu geben, die im weitesten Sinne an die Besonderheit des Ortes anknüpft. In Station Nord sind dies die in den dunklen Steinboden eingelassenen, weißen Umrisse von Zugvögeln, die, wie die Metro, von Nord nach Süd ziehen; in der Station Hauptbahnhof zwei Mosaiken, die an die weltumspannende Schifffahrtsgeschichte des Landes erinnern: Den auf Sumatra gebräuchlichen Schiffsverkleidungen nachgebildet, sind sie eine Arbeit der Künstlerin malaysischen Ursprungs Jennifer Tee.

Hunderte Fundstücke werden gezeigt

Praktisch, wie Holländer sind, hat die verantwortliche Kommission für die haushohen Bahnsteighalle zusätzlich eine sehr hilfreiche Arbeit ausgewählt: Der Belgier David Claerbout hat für eine langgestreckte LED-Wand ein Video ersonnen, das das vorhergesagte Wetter als Landschaftsbild darstellt – zum Auftakt also eitel Sonnenschein.

Von den Fundstücken der Station Rokin werden Hunderte an Ort und Stelle in Vitrinen gezeigt, vom Kochtopf bis zum ausgewachsenen Anker. Daraus hat das Künstlerduo Dewar und Giquel einige ausgewählt und zeigt sie in ihrer ursprünglichen, vollständigen Gestalt als großflächige Mosaiken aus Naturstein. Die Kunstwerke sollen mindestens 30 Jahre lang reparaturfrei halten.

Auch die jüngst gewählte Bürgermeisterin Femke Halsema testete die neue Linie. Foto: Jasper Juinen/AFP Vergrößern
Auch die jüngst gewählte Bürgermeisterin Femke Halsema testete die neue Linie. © Jasper Juinen/AFP

Also wurde auch auf den Schutz vor Beschädigung und auch Graffiti geachtet: Wo die Fahrgäste mit den Wandflächen in Berührung kommen, wurden die Motive zumeist aufwändig auf die Rückseiten von großflächigen Glastafeln aufgebracht. Die Vorderseiten sind geriffelt und resistent gegen Schmierereien. Schlimmstenfalls lassen sich die Glastafeln einzeln austauschen: Jedes einzelne Feld ist reproduzierbar im Computer gespeichert.

Die Kunst in der Metro hat 5,5 Millionen Euro beansprucht

Die in der Berliner U-Bahn so häufigen Graffiti sind in Amsterdam kaum zu finden. Stattdessen entsteht für eigens geschaffene Gemälde internationaler Graffiti-Künstlern derzeit ein Museum. Es soll eine riesige Werkhalle füllen, auf dem nach einer früheren Schiffbaufirma benannten „NDSM Eiland", dem derzeit angesagten Abenteuerspielplatz der Stadt.

Auftrieb bekam die Graffiti-Fraktion durch die Wiederentdeckung einer haushohen Wandmalerei des berühmten, 1990 verstorbenen Keith Haring auf einem Kühlhaus, für dessen Erhaltung Sponsoren gesucht werden.

Was die Metro anbetrifft, so sind die Stationen mit zahlreichen Kameras ausgestattet, und der Zugang zu den Bahnsteigen ist durch elektronische Schranken gesichert. So ungezwungen das quirlige Leben „oben“ zugeht – Toleranz bedeutet in Amsterdam nicht Gleichgültigkeit und Vernachlässigung. Und die Kunst in der Metro, die zur Identifikation der Nutzer mit ihrem Verkehrsmittel beiträgt, hat lediglich 5,5 Millionen Euro beansprucht – weniger als zwei Promille der Gesamtkosten, dafür aber sichtbar gut angelegt.

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