In den Zelten ist es kalt und feucht; für die bis zu 800 Migranten gibt es gerade einmal vier Toiletten. Foto: Emergency
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Moderne Sklaven auf Italiens Feldern Die Pandemie verschlechtert die ohnehin katastrophale Lage der Erntehelfer

Obst wird in Italien von Helfern aus Afrika geerntet, die wie Sklaven für die kalabrische Mafia arbeiten. Der Staat schaut weg.

Entlang der von Schlaglöchern übersäten Straße, die zur „tendopoli“, zur Zeltstadt der Migranten in San Ferdinando führt, türmen sich die Müllberge: Für die Entsorgung des Abfalls fühlt sich hier, in einem trostlosen Industriegebiet in der Nähe des Hafens von Gioia Tauro in Kalabrien, niemand zuständig.

Auch nicht für die afrikanischen Erntehelfer, die in dem Lager wohnen: Seit das Innenministerium im März seine Beitragszahlungen eingestellt hat, verfügt die Zeltstadt auch über keine Führung mehr. Die Mitarbeiter, die auf ihre Löhne warteten, zogen ab, die Migranten wurden sich selbst überlassen – mitten in der Pandemie. Die einzige staatliche Präsenz besteht aus einigen Polizeibeamten, die dafür sorgen, dass keine Außenstehenden das Lager betreten.

Dramatische Zustände

Die hygienischen Zustände in der „tendopoli“ spotten jeder Beschreibung: In den Zelten ist es kalt und feucht; für die bis zu 800 Migranten in dem für 450 Personen ausgelegten Lager gibt es gerade einmal vier Toiletten. „In den Monaten November bis März, auf dem Höhepunkt der Orangen- und Mandarinen-Ernte, lebten sechs bis acht Personen in einem Zelt zusammen“, sagt Mauro Destefano von der medizinischen Hilfsorganisation Emergency.

Emergency-Mitarbeiter im medizinischen Stützpunkt von Polistena in Kalabrien: Alessia Perrotti, Ousmane Thiam, Mauro Destefano, Sara Grandi (v.l.n.r.). Foto: Dominik Straub Vergrößern
Emergency-Mitarbeiter im medizinischen Stützpunkt von Polistena in Kalabrien: Alessia Perrotti, Ousmane Thiam, Mauro Destefano, Sara Grandi (v.l.n.r.). © Dominik Straub

Für die Bewohner gab es weder Aufklärung zur Prävention noch irgendwelche Protokolle, die zur Vermeidung einer Infektion hätten beitragen können. „Gesundheitspolitisch ist das Lager eine Zeitbombe“, betont Destefano.

Die Zeitbombe war bereits im vergangenen Oktober, zu Beginn der zweiten Welle, hochgegangen. Bei einem Screening im Barackenlager von Rosarno mit 200 Erntehelfern waren 14 von 30 Tests positiv ausgefallen; in der Zeltstadt von San Ferdinando war die Situation nicht viel besser. „Das Virus hat sich mit Lichtgeschwindigkeit ausgebreitet“, sagt Destefano.

Die Behörden erklärten in der Folge beide Lager zu roten Zonen; die Infizierten wurden von den anderen Bewohnern getrennt. „Aber sie mussten immer noch dieselben Toiletten benutzen – von einer echten Isolation konnte keine Rede sein.“ Die Migranten – auch die negativ getesteten – wurden faktisch in die Lager eingesperrt. „Dann vergaß man auch noch, ihnen wenigstens Lebensmittel zu bringen – das musste schließlich die Caritas erledigen.“ Während der dritten Welle im März wiederholte sich das Drama.

Die Mafia hat das Sagen

In der fruchtbaren Ebene von Gioia Tauro mit ihren großen Zitrus-, Oliven- und Kiwi-Plantagen hat sich der Staat seit Jahren abgemeldet. Weite Teile der Wirtschaft und der Politik sind von der ’Ndrangheta unterwandert; der Hafen gilt als größter Kokain-Umschlagplatz Europas. In diesem staatlichen Niemandsland springen private Hilfsorganisationen wie Emergency ein: Das vom italienischen Dritte-Welt-Arzt Gino Strada gegründete, weltweit tätige medizinische Hilfswerk betreibt in der Kleinstadt Polistena unweit von Rosarno und San Ferdinando einen Stützpunkt für allgemeine Medizin, Gynäkologie, erste Hilfe, psychologische Unterstützung und Präventionsberatung.

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Das „ambulatorio“ von Emergency wurde 2013 eröffnet in einem Gebäude, das der Staat vom dominierenden ’Ndrangheta-Clan der Gegend konfisziert hatte. „Damit setzen wir gleichzeitig ein Zeichen für die Legalität“, sagt Mauro Destefano, der den Stützpunkt leitet.

Die medizinischen Leistungen des Zentrums sind kostenlos und stehen allen Bevölkerungsschichten zur Verfügung, also auch den Einheimischen. Das ist in Kalabrien nicht ganz unwesentlich: Die öffentliche Gesundheitsversorgung in der ärmsten Region Italiens befindet sich in einem katastrophalen Zustand und ist wegen Unterwanderung durch die Mafia seit Jahren wechselnden – und nicht sehr erfolgreichen – Sonderkommissaren unterstellt.

Die Pandemie hat die sechs Mitarbeiter des Emergency-Stützpunkts an die Grenze ihrer Belastbarkeit gebracht – auch deshalb, weil es in der Region keinen funktionierenden öffentlichen Verkehr gibt. „Die kranken Migranten können nicht selber zu uns kommen; wir fahren deshalb zweimal täglich mit Kleinbussen von Elendssiedlung zu Elendssiedlung, um die Kranken abzuholen“, erklärt Destefano.

Seit Jahren ein Skandal

Weil es sich bei den Erntearbeitern fast ausschließlich um junge Männer handele, seien zwar die meisten Infizierten symptomfrei geblieben. Aber: „Auf den Plantagen müssen sie bis zu 50 Kilo schwere Kisten mit Orangen schleppen; viele haben deshalb Rückenprobleme.“ Wegen des schlechten Essens träten auch häufig Magen- und Darmkrankheiten auf. In schweren Fällen werden die Patienten von den Emergency-Mitarbeitern in ein Spital transportiert.

Die Lebensbedingungen der bis zu 3000 afrikanischen Erntehelfer in Rosarno und San Ferdinando, eine Art moderner Sklaven, sind seit Jahren ein Skandal. Auf den Feldern und in den Plantagen schuften die Migranten bei Kälte und Hitze bis zu 14 Stunden pro Tag für einen Stundenlohn, der zwei Euro nur in seltenen Fällen übersteigt, obwohl für Landarbeiter ein gesetzlicher Mindestlohn von 50 Euro pro Tag vorgeschrieben wäre.

„Und die Pandemie hat ihre Situation noch einmal dramatisch verschlechtert“, betont der Gewerkschaftler Celeste Logiacco in Gioia Tauro. „Einerseits haben die Migranten Angst davor, sich in den Lagern anzustecken – andererseits wollen sie sich nicht testen lassen, weil sie bei einem positiven Test Arbeit und ihre Lebensgrundlage verlieren.“

Sie würden dadurch für die Behörden noch „unsichtbarer“ – und noch leichter erpressbar durch ihre Ausbeuter. Und der Staat schaut immer noch weg, die Zeitbombe tickt weiter.

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