Internes Exil. Im Buckingham-Palast spielt Prinz Andrew längst keine Rolle mehr. Foto: Chris Radburn/Reuters Foto: Chris Radburn/Reuters
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Missbrauchsvorwürfe gegen Queen-Sohn Andrew Es war einmal ein Prinz

Andrew, dem zweiten Sohn der Queen, droht ein Prozess wegen schwerer Missbrauchsvorwürfe. Die richterliche Entscheidung zieht sich hin – doch sein Ruf ist ruiniert.

Ausgerechnet zu Beginn jenes Jahres, in dem Queen Elizabeth ihr 70. Thronjubiläum feiert, spitzt sich die Situation um ihren Lieblingssohn zu. Angespannt warteten Prinz Andrew und seine Anwälte am Mittwoch auf Nachricht aus New York: Wird eine Zivilklage gegen den britischen Royal wegen sexuellen Mißbrauchs zum Prozess zugelassen? Oder führt eine zwölf Jahre alte Vereinbarung des angeblichen Opfers mit dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein zur Einstellung des Verfahrens? So oder so sei das dolce vita des Herzogs von York vorbei, glaubt Robert Lacey, Autor mehrerer royaler Biographien: „Sein Ruf ist irreparabel ruiniert.“

Neben dem mittlerweile in Kalifornien lebenden Queen-Enkel Harry gilt Andrew schon seit Jahren als Problemprinz der eigentlich hochpopulären Monarchie. Die Verurteilung seiner langjährigen Freundin Ghislaine Maxwell wegen Menschenhandels und sexuellen Mißbrauchs Minderjähriger hat den zweiten Sohn der Königin vergangene Woche erneut in die Schlagzeilen katapultiert. Denn Maxwell ist schon der zweite Mensch im Umfeld des heute 61-Jährigen, der wegen schwerster Sexualverbrechen angeklagt und verurteilt wurde.

Andrews früherer Freund, der New Yorker Finanzjongleur Jeffrey Epstein, starb im Sommer 2019 in der Untersuchungshaft. Dem glänzend vernetzten vielfachen Millionär – zu seinem Kreis zählten auch die Ex-Präsidenten Bill Clinton und Donald Trump – habe Maxwell über Jahre junge Mädchen und Frauen zugeführt, so das New Yorker Gericht.

Andrews Anwälte denunzierten die Klägerin

Zu den Profiteuren des kriminellen Menschenhandels habe auch der Herzog gehört, heißt es in der Klage der in Australien lebenden US-Bürgerin Virginia Giuffre. Vor zwanzig Jahren sei sie, damals 17 Jahre alt, von Epstein an Andrew zum Sex „ausgeliehen“ und mehrfach missbraucht worden. Kein Wort wahr, beteuert der Prinz. Seine Anwälte haben die heute 38-Jährige als Dauer-Prozessiererin und Abzockerin denunziert: Aus Geldgier strenge Giuffre immer neue Klagen gegen eine Reihe von Prominenten an und füge damit „vielen Unschuldigen irreparablen Schaden“ zu.

Für ihre neueste Offensive gegen Andrews Beschuldigerin berufen sich die Anwälte auf eine Vereinbarung zwischen dem Sexualverbrecher Epstein und einem seiner mutmaßlichen Opfer aus dem Jahr 2009: Giuffre verpflichtete sich darin, von weiteren Klagen gegen Epsteins Freunde abzusehen und erhielt für ihr Stillschweigen 500.000 Dollar. Zu den „potenziellen“ Zielen weiterer Klagen habe auch damals schon der Herzog gehört, argumentierte dessen Anwalt Andrew Brettler jetzt vor Gericht, Giuffre habe also ihr Wort gebrochen.

Ob diese Argumentation in MeToo-Zeiten öffentlich sonderlich gut ankommt? Richter Lewis Kaplan gab sich skeptisch. Auch in London sind die Reaktionen verheerend: Andrew werde die Vorwürfe nie wieder los, egal mit welcher Taktik, vertraute Buchautor Lacey der BBC an. Zu einem ähnlichen Schluß kommt der langjährige Königshaus-Beobachter Peter Hunt: Jegliche aktive Rolle für die Monarchie sei für Andrew Vergangenheit.

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Londoner Medienberichte gingen zuletzt noch weiter. Am Dienstsitz der Queen, dem Buckingham-Palast, werde über ein „internes Exil“ für den 61-Jährigen nachgedacht, falls dieser das Verfahren gegen Giuffre verliere. Seinen Herzogstitel solle Andrew auf jeden Fall ruhen lassen. Bei den umfangreichen Feierlichkeiten für das Thronjubiläum der Queen werde er ohnehin keinerlei Rolle spielen. Wenigstens finanziert die 95-Jährige einstweilen noch den Lebensstil und das teure Gerichtsverfahren ihres Lieblingssohnes. Sollte Richter Kaplan dem öffentlichen Prozess im kommenden Herbst zustimmen, dürften der Monarchin weitere Millionen verloren gehen.

Wenig Sympathie im Buckingham-Palast

Als die Anschuldigungen begannen, schien Andrew darauf zu vertrauen, er werde schon allein seines royalen Status wegen von unangenehmen Nachfragen verschont. Als Giuffre öffentlich präzise Angaben zu den vermeintlichen Begegnungen machte, suchte der bis dahin eisern schweigende Beschuldigte selbst die Öffentlichkeit. In einem BBC-Interview beteuerte er seine Unschuld: „Ich habe keinerlei Erinnerung an ein Treffen mit dieser Lady.“ Das Foto, das die beiden gemeinsam mit Maxwell zeigt, bezeichnete er als Fälschung.

Dass bei Epstein junge bis sehr junge Frauen ein und ausgingen, sei ihm nie aufgefallen, so der Prinz weiter. Warum er aber 2010 auch nach dessen Verurteilung und Strafhaft wegen Sexualdelikten nochmals tagelang Hausgast bei Epstein war? „Das liegt an meiner Tendenz, besonders ehrenhaft zu sein.“ Er habe seinem Buddy persönlich die Freundschaft aufkündigen wollen. Anders als von Andrew offenbar erhofft war der Tenor einhellig: Die Rechtfertigungen des Prinzen hatten seiner Sache mehr geschadet als genutzt.

Bei den Untergebenen der Queen im Buckingham-Palast hält sich die Sympathie mit dem Problemprinzen deshalb in engen Grenzen.

Dieser sei, „als er oben war, nicht sonderlich nett zu Leuten“ gewesen, berichtete eine Hofschranze mit gutem Gedächtnis der "Sunday Times". "Jetzt, da er fällt, ist umgekehrt auch niemand sonderlich freundlich zu ihm."

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