Zwei Jungen vor einem Haus, das bei dem Erbeben zerstört wurde. Foto: dpa/AP/Uncredited
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Update Mindestens 1000 Tote und 15000 Verletzte Bergiges Terrrain erschwert Rettungsarbeiten nach Erdbeben in Afghanistan

Am Mittwochmorgen erschüttert ein Erdbeben die abgelegene Grenzregion zwischen Afghanistan und Pakistan. Die Zahl der Opfer steigt weiter.

Nach dem verheerenden Erdbeben in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion dauern die Rettungsarbeiten an. Mindestens 1000 Tote und 1500 Verletzte beklagten die Behörden, wie die afghanische staatliche Nachrichtenagentur Bakhtar am Mittwoch meldete. In den Unglücksgebieten gruben Helfer unterdessen Massengräber aus. Das gewaltige Beben hatte zahlreiche Bewohner am frühen Mittwochmorgen aufgeschreckt.

Mehrere Hilfsorganisationen sicherten dem Land unterdessen Unterstützung zu. „Es wird erwartet, dass die Zahl der Opfer noch steigen wird, da die Such- und Rettungsmaßnahmen noch andauern“, teilte das UN-Nothilfebüro (OCHA) mit. UN-Generalsekretär António Guterres sprach den Opfern sein Beileid aus.

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Keine Opfer in Pakistan?

Das Beben erschütterte die Grenzregion zwischen Afghanistan und Pakistan. Obwohl Erdstöße keine Grenzen kennen, ist aus Islamabad bisher nicht von Opfern die Rede. Es gebe bisher keine Informationen über Opfer oder Schäden aus der Grenzregion in Pakistan, sagte die Sprecherin der pakistanischen Botschaft in Berlin, Hina Malik, dem Tagesspiegel am Donnerstagmittag.

Internationale medizinische Teams sind bereits vor Ort

„Das Erdbeben in Afghanistan erschüttert ein Land, in dem rund 20 Millionen Menschen nicht mehr wissen, wie sie sich ernähren sollen“, sagte der Welthungerhilfe-Landesdirektor in Kabul, Thomas ten Boer. „Die lokalen Behörden haben bereits signalisiert, dass Hilfe von außen willkommen sei. Das zeigt, dass aus eigener Kraft die Katastrophe, deren Ausmaß noch nicht genau bekannt ist, kaum zu bewältigen ist“, so ten Boer.

Gegenüber dem Tagesspiegel sagte ten Boer am Donnerstag, dass bereits zahlreiche internationale medizinische Teams vor Ort seien. Sie selbst benötigten jetzt erst einmal „eine Menge Informationen“, um adäquate Hilfe organisieren zu können. Dazu gehöre auch die Klärung, wie schwer Häuser, Straßen und auch Ackerflächen beschädigt sind.

Große Teile seiner Mitarbeiter seien gerade in der Nangarhar-Provinz unterwegs, um rund 10.000 Haushalte mit Essen und Geld zu unterstützen. Dieses Programm habe die Welthungerhilfe erst dieser Tage gestartet. Die humanitäre Lage in Afghanistan ist fast überall schlimm – auch ohne Erdbeben und Fluten.

„Alles, was in Afghanistan medizinisch helfen kann, ist im Moment dorthin unterwegs“, sagte der Koordinator der Kaufbeurer Hilfsorganisation Humedica, Andreas Dürr, dem Tagesspiegel am Donnerstag. Er sei in ständigem Austausch auch mit ihrer afghanischen Partnerorganisation „Area“.

„Es gibt kein Krankenhaus in der Nähe“

Das große Problem: „Es gibt kein Krankenhaus in der Nähe“ – und den afghanischen Kliniken fehle oft Ausstattung. Immerhin ein wenig hoffnungsvoll klingt, dass der Erfahrung von „Area“ nach unter den Taliban Ärztinnen weiterhin arbeiten dürfen, wenn sie „nur ein ‚normales‘ Kopftuch“ tragen.

In Notsituationen dürfen auch Mediziner des jeweils anderen Geschlechts Opfer versorgen. Wie die Situation der Frauen in der Bebenregion derzeit ist, konnte Dürr noch nicht sagen.

Die Taliban-Führung sprach den Opfern ihr Mitgefühl und Beileid aus. Nach Angaben von OCHA wurden bis zu 1800 Häuser in den betroffenen Provinzen zerstört. Afghanische Medien berichteten, ein Dorf sei komplett zerstört worden. Die Bauweise in der armen und wirtschaftlich schwachen Region ist aus Kostengründen nicht erdbebensicher, viele Familien leben dicht zusammen.

Erschwert wurden die Rettungsarbeiten durch den Zugang zur abgelegenen Bergregion. Die militant-islamistischen Taliban, die seit August 2021 wieder in Afghanistan herrschen, riefen eine Notsitzung des Kabinetts zusammen. Mehrere Hubschrauber wurden in die Unglücksregion geschickt, um den Menschen vor Ort zu helfen. Ein Regierungssprecher rief Hilfsorganisationen zur Unterstützung auf. Einige Hilfsorganisationen trafen bereits am Mittwoch vor Ort ein.

Die US-Erdbebenwarte (USGS) vermeldete für das Beben die Stärke 5.9 sowie ein etwas schwächeres Nachbeben. Demnach befand sich das Zentrum des Bebens rund 50 Kilometer südwestlich der Stadt Chost nahe der Grenze zu Pakistan in rund zehn Kilometern Tiefe. Pakistanische Behörden hatten das Beben mit einer Stärke von 6.1 registriert.

Zerstörte Häuser nach dem Erdbeben in Afghanistan Foto: AFP/Uncredited Vergrößern
Zerstörte Häuser nach dem Erdbeben in Afghanistan © AFP/Uncredited

Immer wieder kommt es zu schweren Erdbeben in der Region am Hindukusch und den Nachbarländern, wo die Arabische, die Indische und die Eurasische Platte aufeinander treffen. 1998 erschütterte ein Beben den Norden Afghanistans, mehrere Tausend Menschen starben. In Pakistan starben 2005 bei einem gewaltigen Erdbeben mehr als 75.000 Menschen, über 3,5 Millionen Menschen wurden obdachlos. Im Nachbarland Iran starben 2003 bei einem Beben mehr als 40.000 Menschen, die historische Stadt Bam wurde größtenteils zerstört. (mit dpa)

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