Michael Schumacher erlitt bei einem Ski-Unfall ein Schädel-Hirn-Trauma. Foto: Jose Luis Roca, AFP
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Michael Schumacher wird 50. "Es beginnt ein zweites Leben"

Der Formel-1-Pilot hat ein Schädel-Hirn-Trauma. Was bedeuten solche Verletzungen für die Angehörigen? Ein Gespräch mit einer Sozialpädagogin.

Vor fünf Jahren erlitt Formal-1-Weltmeister Michael Schumacher, der am 3. Januar seinen 50. Geburtstag feiert, bei einem Ski-Unfall ein Schädel-Hirntrauma. Seither ist er ein Pflegefall. Über die Auswirkungen eines solchen Schicksalsschlags sprach der Tagesspiegel mit der Sozialpädagogin Amrei Neißner. Sie ist im Beratungsdienst der ZNS-Hannelore-Kohl-Stiftung tätig, die auf Beratung und Hilfe von Menschen mit unfallbedingten Schädelhirntraumata spezialisiert ist.

Frau Neißner, welchen Belastungen sind Familien ausgesetzt, wenn ein Angehöriger ein Schädelhirntrauma erleidet?

Zunächst ist das natürlich ein großer Schock für die Familie, alles verändert sich von einem Tag auf den nächsten - es beginnt sozusagen ein zweites Leben. Man muss viel klären, zum Beispiel die finanzielle Situation. Zu welchen Ämtern muss ich gehen, welche Leistungen bekomme ich aus dem Sozialsystem? Bei diesen und weiteren Fragen, die mit der Hirnschädigung zusammenhängen, kann der bundesweit zur Verfügung stehende Beratungs- und Informationsdienst unserer Stiftung weiterhelfen. Viele Familien sind existenziell bedroht, weil sie zum Teil ihr ganzes Erspartes für die Pflege des Angehörigen aufbrauchen. Unsere Stiftung hat dafür einen Fonds eingerichtet, der betroffenen Familien hilft. Aber die psychologische Verarbeitung des Geschehens ist mindestens ebenso wichtig.

Wie verarbeitet man so ein Ereignis am besten?

Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Man sollte unbedingt versuchen, seine Kontakte zu halten. Unsere Erfahrung ist leider, dass in vielen Fällen das Umfeld wegbricht und betroffene Familien häufig in die soziale Isolation abrutschen. Außerdem sind Angehörige nach Jahren der Pflege häufig psychisch und körperlich sehr belastet. Man muss da als Angehöriger an sich denken und sich Ausgleiche schaffen – ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben.

Welche Betreuungsangebote gibt es für Familien denn darüber hinaus?

Wir selbst vermitteln vor allem Nachsorgeangebote in der Umgebung von Betroffenen – das reicht von Wohnangeboten für junge Betroffene bis hin zur psychologischen Betreuung Angehöriger. Präsent sind hier vor allem die Werkstätten für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen (WfMeH), die versuchen, die unterschiedlichen Lebenssituationen der Betroffenen zu verbessern.

Auf welche Veränderungen müsse sich denn die Angehörigen bei Geschädigten selbst einstellen?

Ein unfallbedingtes Schädelhirntrauma kann unterschiedliche Folgen haben. Es gibt sichtbare und unsichtbare Einschränkungen. Bei den sichtbaren Einschränkungen ist die Sprechfähigkeit betroffen, zudem können Lähmungen auftreten. Bei den unsichtbaren, den sogenannten neuropsychologischen Einschränkungen verändert sich das Verhalten, die Aufmerksamkeit bis hin zur Persönlichkeit des Betroffenen.

Kann man Prognosen für die Heilung abgeben?

Nein und deswegen versuchen wir selbst in der Beratung eine optimistische Grundhaltung zu vermitteln. Es können immer Veränderungen zum Positiven eintreten, auch wenn ein Angehöriger beispielsweise lange Zeit im Koma gelegen hat. Es kommt auch hier immer auf die Schwere der Schädigung an.

Welche Maßnahmen zur Prävention gibt es?

Zunächst den Schutz des Kopfes durch das Tragen eines Helms, zum Beispiel beim Fahrradfahren. Wichtig ist uns dabei die Arbeit in den Schulen. Wenn man den Schülern suggeriert, dass Helm tragen cool ist, hat man schon viel erreicht. Dadurch werden Unfälle zwar nicht verhindert, aber die Schwere der Unfallfolgen kann beeinflusst werden. Auch die Aufklärung über den Umgang mit Gehirnerschütterungen im Sport sind von großer Bedeutung.

Amrei Neißner ist Sozialpädagogin und im Beratungsdienst der Hannelore-Kohl-Stiftung tätig, die auf Beratung und Hilfe von Menschen mit unfallbedingten Schädelhirntraumata spezialisiert ist.

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