Autos müssen umkehren. Die Polizei in Madrid lässt niemanden raus oder rein. Foto: AFP
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Madrid im Corona-Ausnahmezustand Eine Stadt wird abgeriegelt

Madrid hat die höchsten Infektionsraten Europas. Jetzt hat die Zentralregierung verfügt: Niemand darf die Stadt verlassen, keiner darf einreisen.

Polizeikontrollen an allen Zufahrtsstraßen. Millionen Bürger, die ihre Stadt nicht mehr verlassen dürfen. Zugleich gilt ein Einreiseverbot für auswärtige Spanier sowie Touristen. Und eine frühzeitige Sperrstunde für Kneipen und Restaurants, welche nun zur besten abendlichen Ausgehzeit die Türen verrammeln müssen. Die drastischen Corona-Beschränkungen, die seit dem Wochenende in ganz Madrid gelten, versetzen Spaniens Hauptstadt und neun umliegende Vorstädte erneut in eine Art Ausnahmezustand.

„Die Situation in Madrid ist außerordentlich schlimm“, warnt Spaniens sozialistischer Premier Pedro Sánchez. Tagelang hatten Sánchez und sein Gesundheitsminister Salvador Illa an die konservative Regionalregierung des Großraums Madrid appelliert, endlich entschlossene Maßnahmen gegen den neuen heftigen Virus-Ausbruch im gesamten Hauptstadtgebiet zu beschließen.

Doch die rechtsbürgerliche Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso lehnte ab. Sie wollte den Lockdown auf den Süden der Stadt beschränken, wo die höchsten Infektionsraten gemeldet werden und wo vor allem Arbeiter und Einwanderer leben.

Da aber auch im Norden der Stadt bedenklich hohe Fallzahlen registriert werden, platzte der Sánchez-Regierung der Kragen. Sie erklärte ganz Madrid, seit Wochen mit erschreckenden Ansteckungsspitzenwerten die Corona-Hauptstadt Europas, zum Sperrgebiet.

Die 3,3 Millionen Hauptstadtbewohner können zwar noch ihre Häuser verlassen und sich in ihrer Stadt frei bewegen. Es wurde also keine Ausgangssperre verhängt. Aber die Madrilenen dürfen das Stadtgebiet nur noch mit triftigem Grund verlassen – etwa, um außerhalb der Stadt zu arbeiten.

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Dem Nachtleben wird der Zapfhahn zugedreht

Zudem wird dem berühmten Madrider Nachtleben der Zapfhahn zugedreht. Bars und Restaurants dürfen nun abends ab zehn Uhr keine Gäste mehr einlassen. Um elf Uhr muss der Rollladen heruntergelassen werden. Madrids legendäre Ausgehszene wird sich somit radikal umgewöhnen müssen.

Denn um zehn Uhr beginnt in Spanien, wo sehr viel später als im Rest Europas getafelt wird, die traditionelle Abendbrotzeit. Die Restaurants sowie Bars füllen sich somit zu einer Uhrzeit, in der viele nordeuropäische Nationen schon ins Bett gehen.

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Die Madrider Wirte, die schon seit Monaten über Einbußen klagen, appellierten an ihre Stammbesucher, die Gastronomie jetzt nicht im Stich zu lassen: „Wir brauchen euch. Wir bitten unsere Gäste, ihre Gewohnheiten ein kleines bisschen zu ändern und mit dem Abendessen schon um acht zu beginnen.“ Diese Botschaft schickte zum Beispiel der Madrider Speisetempel „La Tasquita de Enfrente“ per Twitter an seine Kunden.

Doch es gibt noch mehr Beschränkungen, die den Gastronomen Sorgen bereiten: Die Personenkapazität ihrer Lokale wird halbiert. Somit darf nur noch jeder zweite Tisch gedeckt werden. Noch schlechter sind die vielen kleinen Kneipen dran, die nur einen Tresen mit Barhockern und keine Tische haben. Sie müssen jetzt ganz schließen, weil der Tresenbetrieb, wo üblicherweise viel Gedränge und kein Sicherheitsabstand vorherrschen, als besonders großes Risiko gilt.

Die hohen Ansteckungszahlen in der Region Madrid lösen inzwischen in ganz Europa Besorgnis aus. Im Einzugsgebiet der Hauptstadt lag die 7-Tage-Inzidenz nach den neusten verfügbaren Zahlen bei 234 Fällen pro 100 000 Einwohner, in einigen Brennpunktvierteln sogar bei mehr als 600 Fällen pro 100 000 Bewohner. Zum Vergleich: In Berlin liegt der Wert momentan bei etwa 38.

Ist die konservative Regionalregierung schuld?

In einer Woche wurden im Großraum Madrid zuletzt annähernd 27 000 neue durch Tests bestätigte Infektionen erfasst. Das sind rund doppelt so viele Fälle wie in ganz Deutschland. Etwa 3600 Menschen liegen derzeit mit Covid-19 in Krankenhäusern in der Hauptstadt.

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Davon kämpfen mehr als 500 auf den Intensivstationen um ihr Leben – etwa 60 Prozent dieser kritischen Fälle überleben erfahrungsgemäß, berichtet ein Intensivmediziner. Die Zahl der Toten wächst stark: Innerhalb einer Woche wurden in Madrid 260 Todesfälle im Zusammenhang mit Corona gemeldet – Tendenz steigend.

Spaniens einflussreichste Zeitung „El País“ warf der konservativen Madrider Regionalregierung in einem harten Leitartikel vor, das Leben der Bürger aufs Spiel zu setzten. Die Zeitung wies darauf hin, dass in anderen europäischen Städten mit sehr viel geringeren Infektionswerten erheblich früher reagiert worden sei.

„El País“ beschuldigt die erzkonservative Regionalpräsidentin Ayuso, sich aus ideologischen Gründen gegen eine wissenschaftlich abgesicherte Anti-Corona-Politik zu sperren und stattdessen der Wirtschaft Vorrang vor der Gesundheit einzuräumen. Dieses Vorgehen habe verhängnisvolle Folgen für Madrid: „Immer mehr Infektionen, mehr Menschen im Krankenhaus und mehr Tote.“

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