Reicher Untergrund. Archäologen verweisen darauf, dass weitere Funde im Boden der Region möglich sind. Foto: Toby Melville/Reuters
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„Kultureller Vandalismus“ Unter Stonehenge soll ein Tunnel gebaut werden

Der Bau droht die Kulturlandschaft unwiderbringlich zu zerstören. Fachleute sind entsetzt und wollen die Stätte schützen.

25 Jahre lang wurde um Stonehenge gestritten. Nun steht fest: Ein vierspuriger Tunnel soll unter dem Weltkulturerbe verlaufen, um die benachbarte, viel befahrene Landstraße A303 überflüssig zu machen. Dies entschied der konservative Verkehrsminister Grant Shapps am 12. November und setzte sich damit über den 560-seitigen Bericht seiner eigenen Planungsbehörde hinweg, die von diesem Projekt abriet.

Die A303 ist eine zweispurige Straße, die für den Südwesten Englands wichtig und deshalb chronisch überlastet ist. Nach den Plänen der Regierung soll sie zurückgebaut werden und als Pfad für Fußgänger und Radfahrer durch das Gebiet der Weltkulturerbestätte führen.

Die Organisation Heritage England, die Stonehenge betreibt, und der National Trust sind zufrieden über diese Entscheidung, da sie eine Entlastung der unmittelbaren Nachbarschaft des weltberühmten Kulturdenkmals vom lästigen Frachtverkehr bietet und das Gelände vereint.

„Ich bin absolut ekstatisch“, sagte Sprecherin Janice Hassett von der Stonehenge Traffic Action Group. „Wir leiden sehr unter diesem immensen Verkehr, und die einzige Möglichkeit, ihn zu beheben, besteht darin, etwas gegen die A303 zu unternehmen, die längst ihre Kapazitätsgrenze überschritten hat“, sagte Hassett der BBC.

Status als Weltkulturerbe gefährdet

Blankes Entsetzen herrscht dagegen in der archäologischen Fachwelt über den Plan der Regierung, den zwei Meilen langen vierspurigen Tunnel einschließlich der sechs Meilen Straße genau durch die Welterbestätte zu führen. Die beiden Tunneleingänge würden mitten im Weltkulturerbegebiet liegen und erhebliche Eingriffe in die Kulturlandschaft mit sich bringen.

Stonehenge ist mehr als der weltberühmte sichtbare Steinkreis. Gerade das Projekt „Stonehenge Hidden Landscape Project“, das von 2010 bis 2016 das ganze Gebiet des Welterbes geophysikalisch erschloss, ermöglicht weitere spektakuläre Entdeckungen wie etwa die von Durrington Walls im Sommer 2020. Nach dieser Entdeckung, die weltweit Schlagzeilen gemacht hatte, hoffte man auf ein Einsehen der Regierung – allerdings vergeblich.

Der Tunnel wäre ein irreparabler Eingriff in die Kulturlanschaft, kritisieren Experten. Foto: Simulation: Highways England[ Vergrößern
Der Tunnel wäre ein irreparabler Eingriff in die Kulturlanschaft, kritisieren Experten. © Simulation: Highways England[

„Die tiefen Einschnitte für das Graben der Tunneleingänge auf beiden Seiten würden die Landschaft total verändern und künftige Fundzusammenhänge unwiederbringlich zerstören“, sagt die Archäologin Kate Fielden vom Bündnis Stonehenge Alliance dem Tagesspiegel. „Eine Straße wie die A303 kann man entfernen, ohne große Schäden anzurichten, aber die tiefen Gräben zerstören die Umgebung unwiderruflich.“

Die Kulturlandschaft von Stonehenge ist einzigartig in der Welt und noch längst nicht erschlossen. Sie ist wie ein dickes Geschichtsbuch, aus dem man nun Seiten herausreißen würde, ohne sie vorher gelesen zu haben. Den Vorschlag, den Tunnel erheblich zu verlängern, um die Eingänge jenseits des Welterbe-Gebietes zu legen, habe die Regierung abgelehnt, sagt Fielden, denn allein dieser kurze Tunnel mit seinen beiden großen Kreuzungen an den Enden kostet schon 1,7 Milliarden Pfund. Eine Umleitung nach Norden würde durch Militärgelände führen, eine Umfahrung im Süden würde keine Zeitersparnis bringen.

Nach Angaben der unabhängigen Expertenkommission des Transportministeriums „wäre der Schnitt im Großen und Ganzen zwischen den Stützmauern 35 Meter breit und zehn bis elf Meter tief, mit einer Gesamtbreite von 60 Metern von Kante zu Kante der abfallenden Grasböschungen.“ Dies wäre einschließlich der Kreuzungsbauten ein nie gekannter, irreversibler Eingriff in die Kulturlandschaft der Welterbestätte. Kate Fielden nennt dieses Vorhaben „kulturellen Vandalismus“.

Es könnten noch viele archäologische Entdeckungen gemacht werden, doch dies würde nun verhindert, sagt Fielden. Der Archäologe David Jacques von der Universität Buckingham sagte dem „Guardian“: „Es ist eine dumme Entscheidung, die einen nur den Kopf schütteln lässt. Sie wird Konsequenzen nicht nur für Großbritannien, sondern für die ganze Welt haben. Es geht nicht nur um Stonehenge, es geht darum zu verstehen, wie die Menschen in der Vorgeschichte gelebt haben. Dies ist ein internationaler Skandal. Die Menschen sollten ihre Köpfe in Schande hängen lassen.“

Druiden protestieren

Auch die Druiden, die in Großbritannien seit 2010 als Religionsgemeinschaft anerkannt sind, protestieren gegen die Eingriffe in die für sie heilige Kulturstätte: „Boris Johnson behauptete, er würde sich vor die Bulldozer legen, um die dritte Startbahn in Heathrow zu stoppen. Ich werde mich wirklich vor die Bulldozer legen, um dies zu stoppen“, sagt nun der Druide Arthur Pendragon dem „Guardian“.

Der Bau der Waldschlößchenbrücke kostete Dresden den Weltkulturerbe-Titel. Foto: Sebastian Kahnert/dpa Vergrößern
Der Bau der Waldschlößchenbrücke kostete Dresden den Weltkulturerbe-Titel. © Sebastian Kahnert/dpa

Die Unesco-Kommission kommentierte die Entscheidung der letzten Woche wie üblich nicht sofort, aber sie nahm 2019 auf ihrer jährlichen Konferenz „mit Besorgnis zur Kenntnis“, dass das derzeitige System zwar Verbesserungen im Vergleich zu früheren Plänen aufweise, jedoch erhebliche exponierte zweispurige Streckenabschnitte beibehalte, was sich nachteilig „auf den Außergewöhnlichen Universellen Wert (OUV) des Grundstücks“, insbesondere seine Unversehrtheit, auswirken würde. Sie riet von der Realisierung in dieser Form ab.

Der Tunnel könnte für Stonehenge das werden, was die Waldschlösschenbrücke für Dresden bedeutete, die Streichung von der Welterbeliste, nur dass in Dresden ein Panorama gestört wurde, während in Stonehenge unwiederbringliche Eingriffe in den Charakter des Kulturdenkmals stattfinden.

Die geplanten Rettungsgrabungen vor Beginn der Bauarbeiten seien zu kurz angesetzt und würden kaum Erkenntnisse bieten, da bereits im Frühjahr mit den Bauarbeiten begonnen werden soll, sagt Fielden. 2023 solle dann der Tunnelbau starten

Das Verkehrsaufkommen auf der A303 sei in den letzten 15 Jahren nicht gestiegen, betont die Stonehenge Alliance in ihrem Gutachten. Von daher ist es in ihren Augen fraglich, ob solch eine Investition sich auch rechne.

Ein Traktor auf der A303 könne immer noch einen Stau verursachen, schreibt der Historiker und Präsident der Allianz im „Telegraph“. Zurzeit überlegt die Stonehenge Alliance, ob sie juristisch gegen den Beschluss der Regierung vor dem High Court vorgehen solle. Dazu bleiben noch fünf Wochen.

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