Momentan verbringen viele Menschen mehr Zeit als je zuvor zu Hause. Da kann es helfen, liegengeblieben Projekte anzugehen. Foto: IMAGO
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Krisen-Tipps von der Aufräumberaterin „Ausmisten ist in Zeiten von Corona Selbstermächtigung“

Aufräum-Coach Gunda Borgeest über die Bedeutung von Ordnung in der Corona-Krise – und wenig hilfreiche Tipps von Marie Kondo.

Frau Borgeest, Sie sind selbstständige Ordnungsexpertin. Nie haben die Leute so viel Zeit daheim verbracht wie in diesen Tagen. Haben Sie jetzt mehr oder weniger Arbeit?
Normalerweise begleite ich meine Klienten intensiv zu Hause, lerne, wo sie die Gartenschere aufbewahren und ihre ungeschriebene Doktorarbeit verstecken. Ausmisten ist ein Prozess mit vielen Etappen. Wegen Corona habe ich nun alle Besuche abgesagt. Stattdessen bekomme ich Anrufe. Meine Kunden halten sich ja jetzt nicht mehr nur abends oder am Wochenende daheim auf, sondern die ganze Zeit. Plötzlich erfahren sie ihre eigene Unordnung - als wäre die jetzt erst da. Die Riesenschlangen vor den Baumärkten sprechen auch Bände. Da werden die Verschönerungs-Projekte der letzten Jahre angegangen. Und viele Leute schicken mir jetzt Fotos von ihren überforderten Vorratskammern.

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Können Sie die Hamsterer stoppen?
Hamstern hat ja stets etwas mit einem Gefühl von Mangel zu tun. Das Thema ist für mich nicht neu. Ich hatte schon immer Klienten, die Unmengen Tchibo-Produkte über Jahre orginalverpackt im Schrank gehortet haben. Das liegt oft sehr tief und ist nicht selten ein Fall für den Psychologen. Es kann ein Mangel an Aufmerksamkeit in der Kindheit gewesen sein, an Liebe, an Lob, das Gefühl: ich bin zu kurz gekommen. Man versucht, das zu kompensieren. Aber eigentlich beschwert es einen nur. Viele, die jetzt hamstern, tun das gar nicht nur wegen Corona, sondern auch, weil sie bestimmte Ängste in sich tragen. Jetzt ist die Chance, sich damit auseinanderzusetzen. Keine Ausreden!

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Wo konnten Sie zuletzt helfen?
Gestern habe ich eine neue Klientin übers Telefon kennengelernt, die hat mir Videos von ihrer Wohnung und ihren Grundriss geschickt. Seit sie im Homeoffice ist, hat sie ihre ganzen Sollbruchstellen ungeschönt vor sich: die Schubladen, aus denen die Tupperware nur so rausquillt, die Schränke mit den unsortierten Vorräten, Jackenstapel im Flur, und im Wohnzimmer liegt viel rum, was eigentlich woanders hingehört. Als sie mir das zeigte, sagte ich: Ihr habt ja viel zu wenig Stauraum.

Nicht so einfach, sich derzeit im Möbelhaus neue Schränke zu besorgen. Was haben Sie der Frau empfohlen?
Sie war erstmal dankbar, von mir diese Bestätigung zu bekommen. Normalerweise rate ich stark davon ab, Dinge, die man ausmisten will, im Keller zwischenzulagern. Große Keller sind ein Fluch! Die Zwischenstation wird zur Dauerlösung. Aber jetzt ist diese Notmaßnahme erlaubt. Die Wertstoffhöfe sind ja zum Teil geschlossen. Ich habe der Frau empfohlen, sich im Internet gleiche, mittelgroße Umzugskartons zu besorgen, die man gut stapeln kann, und dann thematisch zu sortieren und zu beschriften: Was will sie verkaufen? Was spenden? Was wegschmeißen? Ich versuche, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Viele Kunden schicken mir Vorher-Nachher-Fotos auf WhatsApp und ich belohne sie mit einem digitalen Blumenstrauß und einem Feedback. Das erhöht den Anreiz.

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Flohmärkte kann man jetzt auch nicht mehr besuchen.
Davon rate ich bei den „Schönste-Ordnung“-Projekten meiner Kunden ohnehin ab. Flohmärkte sind einfach wahnsinnig aufwändig. Es sei denn, man verschenkt alles, dann ist man es wenigstens los. Man kann trotz Coronavirus noch Apps nutzen, wie Momox, da scannt man seine Bücher ein, versendet sie per DHL und bekommt einen gewissen Betrag. Aber auch da muss man abwägen: Wenn man stundenlang ein Paket packt, 15 Cent pro alter CD erhält, und das Risiko eingehen muss, es zur Post zu bringen, lohnt es sich nicht. Keine Nebenkriegsschauplätze aufmachen! Lieber einen Karton für Oxfam packen oder irgendwann, wenn alles ausgestanden ist, in ein Sozialkaufhaus, beispielsweise der Diakonie, fahren. Die Idee sollte nicht sein, noch irgendwo Geld rauszupressen, sondern Frische an die Seele zu lassen.

Gunda Borgeest. Foto: Emil Borgeest Vergrößern
Gunda Borgeest. © Emil Borgeest

Ist es denn immer befreiend, Gegenstände wegzuwerfen?
Niemand muss minimalistisch leben. Das sehe ich ganz anders als Marie Kondo. Aber es hilft, herauszufinden, was für ein Ordnungstyp man ist. Wenn ich gern sammle, sollte ich gucken, dass ich meine Sammlung schön präsentiere, sie Freunden zeigen kann. Ich versuche mit meinen Kunden herauszufinden, welche tieferen Blockaden sie daran hindern, Ordnung zu machen. Und bitte nicht nach Marie Kondo alles aus dem Kleiderschrank auf den Boden räumen. Da steht man vor einem Haufen und ist erstmal überfordert. Besser: Jetzt sortiere ich mal zwei Stunden lang meine Unterwäsche aus.

Wie fange ich an, wenn neuerdings die ganze Wohnung zur Problemzone wird?
Ich gehe allein oder mit meinem Partner durch die Räume, Bestandsaufnahme. Was wollen wir ausmisten? Welche Farbe wollen wir an unsere Wand bringen? Wo wollen wir endlich mal unsere Bilder aufhängen? Und jetzt kommt der entscheidende Schritt: Ich benenne die einzelnen Vorhaben zeitlich. Da steht dann zum Beispiel drei Stunden Geschirr aussortieren oder eine Stunde Socken ausmisten. Für diese To-Dos muss man Lücken im Kalender finden, Verabredungen mit sich selbst, was nicht so einfach ist momentan, wir müssen ja remote arbeiten, uns um die Kinder kümmern, für die alten Nachbarn einkaufen gehen. Es ist sowieso gut, wenn wir uns jetzt einen Stundenplan machen, egal wofür. Wir müssen nun alle lernen, mit unserer neu gewonnenen Zeit umzugehen. Damit sie nicht zerfließt.

Die Verführung ist groß, jetzt alles auf einmal angehen zu wollen.
Man kann nicht in zwei Wochen schaffen, was in fünf Jahren nicht gelungen ist. Nicht überfordern! Sonst fühlt es sich an wie der Mount Everest. Man ist komplett erschöpft, kann nicht weitergehen, dabei hat man gerade mal das Basislager erreicht. Man muss sich überlegen, wie viel Zeit man investieren will. Lieber eine halbe Stunde mehr einplanen. Und dann ist das eine Verabredung, genau wie ein Videocall mit dem Chef.

Apropos: Man sieht neuerdings die Arbeits-, manchmal sogar Schlafzimmer seiner Kollegen und Vorgesetzten. Cem Özdemir hat kürzlich ein Video von seiner Quarantäne gepostet, da lachte Twitter über ein „SEX, Drugs and Rock‘n‘ Roll“-Buch im Hintergrund. Kennen Sie den perfekten Hintergrund beim Videoanruf?
So neutral wie möglich! Vor einem schlichten Vorhang oder der Oberfläche eines Schranks.

Viele Familien müssen jetzt auf wenig Platz Kita und Büro unterbringen. Wie richtet man die Wohnung dafür her?
Auch hier helfen Pläne. Ich schlage eine Art Familienkonferenz vor. Was müssen wir diese Woche leisten, wer kann was übernehmen? Wie gestalten wir unser Wochenende? Mein erwachsener Sohn, mein Mann und ich beispielsweise treffen uns jetzt immer um 14 Uhr, da hat unser Sohn gekocht. Und abends nach acht darf keiner mehr in sein Gerät schauen. Wir spielen dann was. Normalerweise rate ich, Arbeit und Schlafen streng zu trennen. Aber jetzt ist es gut, die Wohnung umzuräumen, zum Beispiel einen improvisierten Schreibtisch ins Elternschlafzimmer stellen. Und wenn es geht: Arbeitsecke vom Rest mit einer Bücherwand oder einem Paravant trennen. Struktur ist jetzt räumlich und zeitlich wichtig, sonst drehen bald alle am Rad.

Auf dem privaten Schreibtisch stapeln sich seit Jahren die Unterlagen ...
Da würde ich erstmal eine Art Tabula rasa machen, bevor mein Bürokram noch obendrauf kommt. Realistisch gerechnet, dauert das einen Tag. Auf der einen Seite steht ein großer Altpapier-Behälter, da kommt alles rein, was weg kann. Die Bücher ins Regal, die alten Kataloge in den Müll. Dann sortiere ich nach Kategorien: Noch zu bearbeiten, aber privat, also Rechnungen zum Beispiel in einen Schuber. Dann erst kommen meine Bürounterlagen dazu.

Soll man die Kinder in den Aufräumprozess einbinden?
Unbedingt. Gerade jetzt merkt man ganz klar, womit nicht gespielt wird. Vielleicht würde sich ein anderes Kind in Not darüber freuen? Wenn die Dinge woanders weiterleben dürfen, lässt man leichter los. So kann man den Kindern ein Gefühl für Gemeinschaft und Nachhaltigkeit vermitteln.

Experten raten jetzt zum Frühjahrsputz. Handys desinfizieren, Fernbedienung und Tastatur säubern ...
Das kann man alles machen. Nur besteht die Gefahr, dass ich mich beim Putzen verzettele - dass ich lieber den Wasserkocher entkalke, als mich beim Aussortieren mit emotional Schwierigem zu beschäftigen.

Vielleicht ist es in diesen Zeiten zu viel verlangt, sich auch noch von Erinnerungsstücken zu trennen.
Ich würde es loslassen nennen. Es hat etwas innerlich Befreiendes, äußerlich Ordnung zu schaffen. Denn es geht ja nur oberflächlich ums Aussortieren. Eigentlich findet da eine Befragung mit mir selbst statt. Wo stehe ich gerade? Was brauche ich, um glücklich zu sein? Was will ich in meinem Leben? Und was auf keinen Fall? Diese Selbstreflexion durch die Gegenstände, das finde ich großartig. Gleichzeitig ist es im Moment eine gute Ablenkung, damit man nicht den ganzen Tag Nachrichten und neue Infektionszahlen checkt. Vor allem hilft es gegen das Gefühl der Ohnmacht.

Endlich kann ich etwas tun!
Und sehe einen Effekt! Das, was da draußen gerade abgeht, macht mich ja unheimlich klein und ängstlich. Ich kann nicht raus, viele können nicht mal ihrer Arbeit nachgehen. Wenn ich jetzt wenigstens meine Wohnung in Ordnung bringe, dann habe ich mich ein Stück weit in dieser Krise kennengelernt, erlebt. Ich kann daran mitwirken, mich ein Stück weit freier und leichter zu machen. Ausmisten kann in Zeiten von Corona Selbstermächtigung sein.

Gunda Borgeest, 56, hilft Menschen dabei, ihr Leben zu sortieren. Kürzlich ist von ihr das Buch „Ordnung nebenbei: Aussortieren, aufräumen, aufatmen“ bei der Stiftung Warentest erschienen. Julia Prosinger hat mit ihr über die Bedeutung von Aufräumen und Unordnung in Zeiten des Coronavirus gesprochen.

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