Nynäshamn. Die rote Kirche ist die auffälligste Sehenswürdigkeit der Stadt. Viele Kreuzfahrttouristen starten von hier ins nahe Stockholm. Foto: Getty Images/iStockphoto
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Kreuzfahrt mit Coronaregeln Tanzstunden – aber bitte mit Abstand

Die großen Schiffe sind wieder unterwegs. Doch ist an Bord alles wie früher? Ein Trip mit der „MSC Seaview“ zeigt, worauf sich Passagiere einstellen sollten.

Wer im schwedischen Nynäshamn die „MSC Seaview“ verlässt, um sich ein bisschen in dem kleinen Ort umzutun, bekommt bei der Frage nach dem richtigen Weg ins Zentrum am Ausgang des Hafens eine verblüffende Antwort: „Folgen Sie immer dem grünen Streifen!“ Den haben die Bewohner des Ortes einfach aufs Pflaster gemalt, vermutlich um sich so auf Dauer vor den Fragen der Kreuzfahrttouristen zu schützen.

In diesen Augusttagen ist die Zahl der individuellen Stadtbummler freilich nicht sehr groß. Statt der rund 6700 Menschen, die inklusive Besatzung an Bord sein könnten, sind es insgesamt nur rund 4000 Personen, die theoretisch vom Schiff gehen könnten. Individuelle Landgänge sind derzeit aber sowieso nur vollständig geimpften Passagieren vorbehalten. Wer nicht geimpft ist und trotzdem von Bord will, muss einen der teuren Ausflüge zum Beispiel nach Stockholm buchen und sich mit den anderen Teilnehmern in den Bus zwängen.

Normalerweise finden mehr als 5000 Passagiere Platz auf der "MSC Seaview". Zur Zeit ist die Auslastung auf 60 Prozent beschränkt. Foto:promo Vergrößern
Normalerweise finden mehr als 5000 Passagiere Platz auf der "MSC Seaview". Zur Zeit ist die Auslastung auf 60 Prozent beschränkt. © promo

Kreuzfahrten sind komplizierter geworden. Bevor es in Kiel überhaupt losgehen konnte, müssen alle, auch die Geimpften, sich noch mal testen lassen, bevor sie ihre Kabinen beziehen können. Außerdem ist ein sehr, sehr ausführlicher Gesundheitsfragebogen auszufüllen. Wer seine Anreise für eine nachmittägliche Einschiffung geplant hat, erlebt unter Umständen eine Überraschung. Zeitfenster sollen den Zugang entzerren, unter Umständen soll man schon um zehn Uhr morgens da sein. Auch das ist eine Folge der Pandemie.

Seenotrettungsübung per Video

Noch eine Überraschung in schwierigen Zeiten wartet. Die obligatorische Seenotrettungsübung, bei der man sich normalerweise mit vielen anderen Passagieren länger an der Meldestation herumdrücken muss, findet per Video statt. Am Ende muss man nur die Bordkarte dort scannen lassen, wo man sich im Notfall zum Transfer auf die Rettungsboote einfinden müsste. So werden Kontakte minimiert.

Die Selbstbedienungsrestaurants haben glücklicherweise geöffnet. Wer in diesen Zeiten nicht gern in einem Innenrestaurant auf mehrere Gänge wartet, kann sich da am Büfett bedienen. Anders als sonst, zugegeben. Der Obstsalat ist auf kleinen Tellerchen angerichtet, die Dosierung hat das Personal vorgenommen. Auch aus den anderen Töpfen und Schalen bedient man sich nicht selbst, sondern sagt, was man möchte: „Gerne noch zwei Stückchen Fisch, und fünf Rosenkohlbällchen.“ Am vollsten ist es dort, wo Hamburger und Hot Dogs in Schachteln serviert werden. Auch die Pizzastücke sind beliebt.

Auch bei Nieselregen kann man sich nach draußen setzen. Wozu hat man die Regenjacke mitgenommen? Der frische Ostseewind tut gut.

Tägliches Fiebermessen ist obligatorisch und findet vor dem Mittag- oder Abendessen an den Eingangstüren der Restaurants statt. Mit kleinen Staus ist zu rechnen. Wenn man die Kabine verlässt, muss man auf dem Schiff überall eine Maske tragen. Nur, wenn man sich im Restaurant oder einer Bar oder auf dem Liegestuhl niederlässt darf man sie abnehmen. Trotzdem tut es gut, auf dem Weg zu einem abendlichen Aperitif über die Glitzertreppen zu schreiten und eine Anmutung von Glamour zu genießen.

Natürlich fällt das Animationsprogramm vergleichsweise dürftig aus. Vor der Bühne am Panoramapool auf Deck 16 haben sie Kreise auf den Boden geklebt. Wer einen davon rechtzeitig für sich ergattert, kann – mit dem nötigen Abstand – an den Tanzstunden teilnehmen.

Die Bibliothek ist leider geschlossen

Eine Bibliothek ist nicht aufzufinden. Die Rezeption weiß warum: Wegen der Pandemie musste sie leider vorübergehend geschlossen werden. Dafür gibt es Tischtennisplatten. Und beim Ringspiel werden die Ringe nach jedem Wurf desinfiziert. Wer auf die sehr populäre Bowlingbahn will, sollte gleich zu Anfang Zeitfenster reservieren. Obwohl das Kegeln extra kostet, ist es sehr beliebt.

Landgang. Frische Fischbrötchen schlagen jedes Büfett. lFoto: Elisabeth Binder Vergrößern
Landgang. Frische Fischbrötchen schlagen jedes Büfett. © lFoto: Elisabeth Binder

Der Bummel durch die kleinen Städte macht aber Spaß wie früher auch. In den Geschäften tragen viele nicht mal eine Maske. Wer dem grünen Streifen in die Stadt folgt, kommt in Nynäshamn zunächst an der Seemannsmission vorbei, einem pittoresken Haus mit Garten. Dann kommt eine etwas altmodisch wirkende Konditorei, aus der es herrlich nach frisch gebackenem Kuchen duftet. Kurz davor endet der Streifen, aber die Gefahr, sich hier zu verlaufen, ist eh nicht sehr groß. Biegt man an der Kreuzung links ein, kommt man zur Kirche des Ortes, die so gebaut ist, dass von fern der Eindruck entsteht, sie wachse wie ein Leuchtturm aus dem Felsen heraus. An der Straße gegenüber der Kirche lockt ein Geschäft mit hübschem Kunstgewerbe, etwas weiter befindet sich die Pralinenmanufaktur, die für die Betthupferln der Nobelpreisträger zuständig ist. Darauf ist man hier mächtig stolz – und nicht ganz zu Unrecht, wie eine Kostprobe bestätigt.

Unbedingt sollte man den Hafen besuchen, eine Ansammlung von malerischen kleinen falunroten Häuschen mit schönen kleinen Läden. In der Fischräucherei ein Stück Lachs am

Stiel zu kaufen, lohnt sich. Schmeckt großartig. Verzehren kann man ihn auf der Kaimauer, mit Blick auf die Segelschiffe. Hier unten befindet sich auch der Bahnhof, und ein Blick auf den Fahrplan sagt, dass man in einer guten Dreiviertelstunde individuell mit dem Zug in Stockholm sein könnte.

In Visby wurde "Pippi Langstrumpf" gedreht

Irgendwie liegt über allem der geborgene Charme von Bullerbü. Das gilt auch für Visby, eine andere Stadt auf dieser Reise. Dort wurde „Pippi Langstrumpf“ gedreht, und es macht Spaß durch die zahlreichen alten Kirchenruinen zu schlendern.

Tallinn. Die estnische Hauptstadt ist zu jeder Jahreszeit attraktiv. Foto: imago Vergrößern
Tallinn. Die estnische Hauptstadt ist zu jeder Jahreszeit attraktiv. © imago

Tallinn, die Hauptstadt von Estland, entfaltet sogar im Regen einen gewissen Charme. Innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauer gibt es verschiedene interessante Ziele, das Rathaus zum Beispiel, das zwischen 1402 und 1404 gebaut wurde und zu den am besten erhaltenen gotischen Rathäusern Nordeuropas zählt. Unter den sehenswerten Kirchen sticht die St. Alexander Nevsky Kathedrale hervor, die sich auf einem Hügel erhebt und spirituelle Heimstatt der russisch-orthodoxen Gemeinde ist.

Ja, die Entscheidung, eine Kreuzfahrt zu buchen, hat anfangs Überwindung gekostet. Die Alptraumbilder vom Beginn der Pandemie haften noch im Kopf. Aber die Branche hat offenbar eine Menge Hausaufgaben gemacht, und die Passagiere sind auch vorsichtiger geworden. Man muss sich abends nicht ins Theater drängen. Sowieso muss man sich, auch das eine Folge der Pandemie, dafür anmelden und kann jede Vorstellung pro Kreuzfahrt nur einmal besuchen.

Glücklicherweise ist das Licht auf den Balkons so hell, dass man sehr gut dabei lesen kann, keine Selbstverständlichkeit auf Schiffen.

Die Frage, ob es richtig war, die Kreuzfahrt zu buchen, kann man natürlich endgültig erst zwei Wochen nach der Rückkehr beantworten. Aber der Bummel durch Warnemünde stimmt schon ein auf das Ergebnis. Sicher ist man auch an Land nicht völlig. Das Städtchen mit dem denkmalgeschützten alten Leuchtturm und der wunderschönen Promenade ist ein attraktives Ziel. Das hat sich leider weitläufig herumgesprochen.

An unserem Tag ist es zu kalt für den Strand. Die meisten Körbe stehen verschlossen am Meer. Dafür ist es im Rest des hübschen Urlaubsortes umso voller. Die „MSC Seaview“ sieht im Hintergrund aus, wie ein spontan im Fischerdorf geparktes Hochhaus.

Wer hungrig heimkehrt aufs Schiff, verpasst die Warnemünder Fischbrötchen. Der heiße Kakao in einem der größten Schokoladenläden, die auf den Meeren herumfahren, wärmt aber auch mit Kalorien. Wer sich noch mit den einzeln verpackten Pralinen eindecken will, die in gläsernen Boxen locken, darf sie selbst nicht berühren, sondern nur drauf deuten. Eine Mitarbeiterin packt sie dann ein.

Warnemünde gilt als Hafen von Berlin

Von Warnemünde hätte man auch einen ganztägigen Ausflug nach Berlin buchen können. Aber als Geimpfte hat man das glücklicherweise nicht nötig, kann also spät frühstücken, zum Beispiel eines von den herrlichen Tortenstückchen, die bei Italienern offenbar als morgendlicher Luxus gelten. Plätze zum Draußensitzen gibt es genug.

Einen großen Nachteil hat die „MSC Seaview“. Wer nicht Mitglied im sogenannten Yacht Club ist, kann das Schiff nicht umrunden, weil der Bug nur den VIP-Gästen vorbehalten ist. Hat man sich mal vor dem Sonnenuntergang aus dem Bett geschält, um schöne Aufnahmen zu machen, wird man die Sonne vergeblich suchen, wenn sie an der falschen Stelle dem Meer entsteigt. Leider wissen das viele Mitarbeiter nicht und schicken einen von Pontius zu Pilatus, bis man schließlich aufgibt und frustriert wieder ins allerdings sehr
gemütliche Bett steigt. Schiff und Strecke eignen sich trotz allem gut für Meerliebhaber, die kindlichen Vergnügungen noch nicht völlig entwachsen sind.

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