Immer am Limit. Motto und Biografie-Titel von Christoph Daum. Foto: Imago
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Kein Schnee von gestern Christoph Daum und seine Kokain-Beichte

Vor 20 Jahren hat Christoph Daum seine Trainerkarriere zerstört. Nun legt er seine Biografie vor und nennt Einzelheiten zur schlimmsten Zeit seines Lebens.

Wenn es Christoph Daum an einem nicht fehlt, dann an gesundem Selbstbewusstsein. Blöd nur, dass dieses schon mal ins Ungesunde, Überhebliche, ja Unwirkliche kippen kann. Zur Beweisführung dafür reicht ein einziger Satz, der für einen der größten Skandale in der deutschen Fußballgeschichte steht, der aber auch weit darüber hinaus bis heute allzu gerne rezitiert wird, um Fehlbarkeiten offenzulegen.

Es gab Uwe Barschels „Ehrenwort“, es gab Günter Schabowski, der „sofort, unverzüglich“ die Grenzen öffnete. Und es gab den in seiner ihm eigenen Überbetonung vorgetragenen Spruch des Christoph Daum: „Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe.“

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Das war die freiwillige Haarprobe, zu der er sich mit eben jenem Satz bereiterklärte, nachdem Lieblingsrivale Uli Hoeneß Drogengerüchte in die Welt gesetzt hatte. Genau 20 Jahre ist das jetzt her. Die Haarprobe, das ist längst Allgemeinwissen, machte aus dem auserkorenen Heilsbringer des deutschen Fußballs einen geächteten Kokser, der es danach beruflich nie wieder so weit brachte.

Ein beispielloser Fall, über den Christoph Daum in seiner zum Jahrestag veröffentlichten Biografie zusammen mit dem Journalisten Nils Bastek noch einmal in aller Ausführlichkeit erzählt. Wer mag es dem Verlag verübeln, dass er das Werk am liebsten mit „Schnee von gestern“ betitelt hätte? Doch Christoph Daum spielte da nicht mit und ließ sich nur zu „Immer am Limit“ überreden, auch wenn er mindestens einmal drüber war.

Bundestrainer - am Ziel aller Träume

Natürlich geht es auf den 320 Seiten nicht nur um die Kokainaffäre, aber allein der Aufbau macht klar, wie sie sein Leben in ein Vorher und Nachher gespalten hat. Es beginnt mit der geheimen Sitzung, in der Christoph Daum nach der verkorksten Europameisterschaft 2000 zum Bundestrainer gekürt wird.

Die angefügte Aktennotiz zur Besprechung besagt: Daum beendet die Saison als Trainer von Bayer Leverkusen, Rudi Völler übernimmt bis dahin und dann geht es wieder nach ganz oben mit der Nationalmannschaft – frei nach dem Selbstverständnis des Christoph Daum: „Ich bin genau der Richtige, davon bin ich überzeugt.“ Er ist jetzt, wie er selbst sagt, „am Ziel aller Träume“. Soweit die drogenfreie Theorie.

Christoph Daums Kindheit in Duisburg ist schnell erzählt – mit einer fürsorglichen Mutter und einem schwer schuftenden Stiefvater, der als Umwalzer im Kabelwerk arbeitet und nach der Schicht schnell ungemütlich wird, wenn sein Bier nicht auf dem Tisch steht. Der kleine Christoph möchte Fußballprofi werden, aber schon in der Jugend wird sein Talent zum Anleiten und Dirigieren entdeckt.

Uli Hoeneß war der Rivale von Christoph Daum und machte die Drogengerüchte öffentlich. Foto: picture-alliance / dpa Vergrößern
Uli Hoeneß war der Rivale von Christoph Daum und machte die Drogengerüchte öffentlich. © picture-alliance / dpa

Danach geht alles ganz schnell: Mit gerade einmal 32 Jahren wird er Cheftrainer des 1. FC Köln und leitet Profis an, die älter sind als er. Hat er hier vielleicht seine Attitüde her, weil auf Anhieb anscheinend alles funktioniert hat? Ein genialer Schachzug hier, ein gelungenes Straftraining da.

Geht es ums Fußballerische, wird es im Buch detailliert. Die Wirkung einzelner Spieler und einzelner Spiele wird seziert, und man wünschte sich einen ähnlichen liebevollen Blick hinter das Spielfeld. In die Katakomben der Person Christoph Daum und seine Gedanken und Beweggründe. So aber bleibt es allzu oft bei Phrasen, die wieder und wieder das eine Bild zeichnen: „Ich war Christoph Daum, und ich war bereit, es allen zu zeigen.“ Selbstbewusstsein bis zum Anschlag.

Öffentlich präsentiert er das gerne in den lauten, leidenschaftlichen Duellen mit Bayern-Chef Uli Hoeneß, die im heutigen reingewaschenen Fußballgeschäft kaum mehr vorstellbar sind. Interessanterweise ebnet ihm genau dieser Feind nach den Erfolgen als Coach von Bayer Leverkusen Ende der 1990er Jahre den Weg zum höchsten Trainerposten des deutschen Fußballs.

„Ich stützte meine Hände auf das Waschbecken und dachte: Scheiße!“

Uli Hoeneß ist es, der Christoph Daum bei der ominösen Sitzung mit zum künftigen Bundestrainer macht. Uli Hoeneß ist es aber auch, der ihn nur drei Monate später zu Fall bringt, als er der „Abendzeitung“ vom „verschnupften“ Herrn Daum berichtet. Der widerspricht in der ihm bekannten Vehemenz, obwohl er es besser weiß.

Vom Alltag hat sich Christoph Daum einige Zeit lang in seinem Hotel in Köln abzulenken versucht. Denn so erfolgreich er beruflich in dieser Zeit ist, so mies läuft es privat. Eine Immobilienanlage auf Mallorca bereitet ihm Sorgen, und die Kinder fragen: „Papa, wann kommst du denn wieder nach Hause?“ Papa aber lässt sich anderswo verführen.

So berichtet er es ganz offen: Wie er den Hausmeister des Hotels kennenlernt. Wie er von der Hotelbar in einer Suite landet, wo „Männer in schicken Anzügen und Frauen in schicken Kleidern“ sind, Champagner und Kölsch im Eiskübel und etwas, „das den Kopf freimacht“. Wie er ein paar Partys lang zögert – bis er die Hemmungen verliert und das „Warnsystem aussetzt“.

Die Haarprobe? Er wähnt sich in Sicherheit!

Es kommt nicht oft vor, dass ein einziger Moment ein ganzes Leben verändert. Christoph Daum kann sich gut an ihn erinnern. Und nimmt einen dieses eine Mal wirklich mit – in das kleine Badezimmer der Suite im Kölner Hotel: „Ich stützte meine Hände auf das Waschbecken und dachte: Scheiße! Das hast du nicht getan! Hast du es wirklich getan? Ich schüttelte mich und fühlte Euphorie und Schwindel, vor allem fühlte ich mich schuldig.“ Er könnte noch viel mehr über seine Gefühle in diesem Augenblick erzählen, schreibt Christoph Daum – macht es aber nicht.

Viele haben sich nach dem Eklat des 9. Oktober 2000 gefragt, warum Christoph Daum sich im Wissen um seinen Kokainkonsum überhaupt freiwillig einer Haarprobe unterzieht. Seine Antwort 20 Jahre später lautet: Er wähnt sich damals in Sicherheit, weil er zuvor anonym im Ausland einen Test eingereicht hat, der negativ ausfiel. Außerdem, so behauptet er es, hat er zum Zeitpunkt der Probe längst aufgehört mit den ausschweifenden Hotelpartys und bereits ein halbes Jahr nicht mehr gekokst.

Im Jahr 2001 gestand Daum auf einer vielbeachteten Pressekonferenz, Kokain konsumiert zu haben. Foto: Imago Vergrößern
Im Jahr 2001 gestand Daum auf einer vielbeachteten Pressekonferenz, Kokain konsumiert zu haben. © Imago

Natürlich weiß keiner, ob das alles nun die ganze Wahrheit ist. Gelogen hat Christoph Daum so oder so; von wegen „absolut reines Gewissen“. Als der unreine Haartest die Öffentlichkeit schockt, ist er schon vom Platz gejagt worden. Statt bei der Nationalmannschaft sitzt Christoph Daum kurz danach in Florida, wohin er geflüchtet ist. Verfolgt von schlechten Gedanken, schlechten Kommentaren, schlechter Presse.

Das sei auch seine Intention gewesen: Das Erlebte aus seiner Sicht zu schildern, nachdem viel über ihn verbreitet worden ist. Zum Beispiel kann sich Christoph Daum bis heute nicht erklären, wie die Haarprobe einen Wert aufweisen konnte, der einen täglichen Kokainkonsum nahelegt.

Er will noch nicht aufhören

Der spätere Prozess bestätigt Ungereimtheiten und auch, dass Christoph Daum nicht Teil einer kriminellen Vereinigung ist. Die Rehabilitation? Mitnichten. Zwar bekommt er wieder einen Job und landet über den Umweg Türkei („Ohne die Türkei wäre ich tot, toter, am totesten gewesen“) wieder in Deutschland. Doch das, was bei den meisten hängen bleibt, noch vor seinen Erfolgen als Trainer, ist nun einmal die Kokainaffäre.

Nun war und ist es relativ einfach, sich darüber lustig zu machen, dass Christoph Daum „um ein Haar“ Bundestrainer geworden wäre. Er hat sich seinen größten Traum selbst zerstört. Noch heute scheint er dem nachzuhängen, wenn er sagt, sich nie etwas Größeres hätte vorstellen können, als Bundestrainer zu werden.

Und obwohl sein bisher letztes Engagement als Coach der rumänisches Nationalmannschaft 2017 endete, fühlt er sich „noch nicht bereit, einen Schlussstrich zu ziehen“. Er sei noch nicht am Limit. Jede andere Aussage hätte einen bei Christoph Daum auch verwundert.

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