Alle sieben Jahre soll die Erde ruhen, sagt die Torah. Für die Landwirtschaft ist das eine Herausforderung. Foto: mauritius images / Alamy / Rafael Ben-Ari
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Jüdische Tradition nach der Torah Ein Schabbatjahr für den Acker

Alle sieben Jahre muss in Israel die Erde ruhen: Bauern dürfen ihre Felder nicht bestellen – ein religiöses Gebot, bei dem auch ein wenig getrickst wird.

Man stelle sich einmal vor, sämtliche Bauern, Baumschüler und Blumenzüchter in Deutschland dürften auf ihren Feldern ein Jahr lang nichts säen, pflanzen, ernten. Klingt absurd?

Für ihre israelischen Kollegen ist das Realität. Denn das neue Jüdische Jahr, das vor einigen Tagen begann, ist ein sogenanntes Shmitah- oder Schabbatjahr, wie es alle sieben Jahre stattfindet.

Die Torah gebietet, dass die Menschen die Erde des Heiligen Landes in einem solchen Jahr nicht bearbeiten dürfen („lishmot“, das Verb, von dem „Shmitah“ sich ableitet, bedeutet in etwa „loslassen“). So wie die Juden am siebten Tag, dem Schabbat, von jeglicher Arbeit ablassen sollen, so darf die Erde im siebten Jahr ruhen.

„Und sechs Jahre besäe dein Land und sammle ein dessen Ertrag“, heißt es im Buch Exodus. „Aber im siebenten lasse es brach und gib es preis, dass davon essen die Dürftigen deines Volkes, und was die übrig lassen, mag das Getier des Feldes essen; so mache es mit deinem Weinberge, mit deinem Ölbaum.“

Was wächst gehört Mäusen, Käfern und Würmern

Landwirte sollen also nicht nur das säen seinlassen, sie müssen auch das, was im Shmitah- Jahr noch wächst und blüht, Mäusen, Käfern, Würmern und dem ein oder anderen glücklichen Passanten überlassen.

Sozial und ökologisch gesehen ein nobles Gebot – und eine nicht unerhebliche Herausforderung für moderne Landwirte, die in einem global verknüpften, kapitalistischen Wirtschaftssystem bestehen müssen. Zwar richtet nur eine Minderheit der jüdischen Israelis ihren Alltag streng nach den biblischen Gebeten aus.

Doch auch diese Bürger wollen ernährt werden. Zudem ist das Verhältnis zwischen Staat und Religion in Israel widersprüchlich und spannungsgeladen, wie sich an den Konflikten rund um das Shmitah-Jahr vorzüglich beobachten lässt.

Ein Trick hilft beim Gebot

Für den Großteil der jüdischen Israelis lässt sich die Einhaltung des Shmitah-Gebots mit einem Trick lösen. Dabei verkaufen die Landwirte ihre Acker für die Dauer des Schabbat-Jahres symbolisch an einen Nicht-Juden und können die Erde auf diese Weise weiter bewirtschaften lassen, da das Gebot nur für Juden gilt. „Heter Mechira“ (in etwa: „Verkaufsgenehmigung“) nennt sich dieser Mechanismus, der ein typisches Beispiel für das einfallsreiche rabbinische Judentum abgibt und auf den viele israelische Hersteller zurückgreifen. Selbst die meisten modern-orthodoxen Rabbiner halten den Trick für vertretbar.

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Die strengeren ultraorthodoxen Rabbiner jedoch lehnen den „Heter Mechira“ ab. Und für deren Anhänger, immerhin rund zwölf Prozent der Bevölkerung, hat ihr Wort mehr Gewicht als das jeder anderen Autorität im Land.

Die Ultraorthodoxen, in Israel Haredim genannt, müssen also auf andere Produkte ausweichen. Manche Landwirte behelfen sich mit Gewächshäusern, in denen die Pflanzen nicht in der Erde wachsen, sondern in erhöhten Bottichen.

Die Preise steigen

Das allerdings treibt die Preise in Höhen, die für viele Mitglieder der sozioökonomisch schwachen ultraorthodoxen Minderheit unerschwinglich sind. Viele greifen daher zu importierten Waren, schließlich gilt das Shmitah-Gebot nur für das biblische Israel selbst.

Doch auch europäische Äpfel, Gurken und Möhren sind nicht billig zu haben, zumal Israel hohe Einfuhrzölle erhebt. Außerdem müssen Obst um Gemüse auch unabhängig vom Shmitah-Jahr bestimmte Standards erfüllen, um als koscher zu gelten.

Ein entsprechend ausgebildeter Kontrolleur („Mashgiach“, zu Deutsch etwa: „Aufseher“) muss die Produktion überprüfen, damit die Waren das begehrte Kaschrut-Label erhalten, welches sie auch für strenggläubige Juden genießbar macht.

Palästinensische Farmer profitieren

In ihrer Suche nach erschwinglichem Obst und Gemüse finden manche Ultraorthodoxe überraschende Partner: die arabischen Nachbarn. Israels Minister für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung, Oded Forer, unterzeichnete am 18. August eine Sondervereinbarung mit seinem jordanischen Amtskollegen Mohammad Daoudiyeh, um während des Shmitah-Jahres landwirtschaftliche Produkte aus Jordanien zu importieren.

Auch palästinensische Farmer profitieren von der Strenge der Haredim. Wie in vergangenen Shmitah-Jahren nämlich planen diese, vermehrt Obst und Gemüse aus dem Westjordanland zu beziehen. „Trotz sicherheitstechnischer Herausforderungen“ in den Palästinensergebieten sei die Lebensmittelzufuhr von dort gesichert, versprach der Rabbiner David Tehrani, der sich unter anderem mit der Einhaltung des Shmitah-Gebots befasst, vor einiger Zeit auf einer Rabbinerkonferenz.

Um den Anbau vor Ort überprüfen können, sollen Kaschrut-Kontrolleure mit israelischen Sicherheitskräften zusammenarbeiten. Unter anderem sollen dabei Drohnen und Sicherheitskameras zum Einsatz kommen. Es dürfte ein aufwendiges, nicht eben günstiges Unterfangen werden. Für die kränkelnde palästinensische Wirtschaft immerhin bringt das Neue Jüdische Jahr einen kleinen Lichtblick.

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