Früh übt sich. In Estland steht bereits ab der Grundschule Programmieren auf dem Stundenplan. Foto: Ints Kalnins/Reuters
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Homeschooling ohne Probleme Estland ist beim Digitalunterricht eine Klasse für sich

Distanzunterricht ist im digitalen Estland kein Problem. Die Voraussetzungen dafür wurden vor Jahrzehnten geschaffen – das hilft jetzt in der Pandemie.

Als zu Beginn der Pandemie im vergangenen März die Schulen auch in Estland schließen müssen, läuft der Unterricht aus der Distanz weiter – ohne größere Probleme.

Lehrer, Schüler und Eltern in der baltischen Republik nutzen die digitalen Werkzeuge, die ihnen jederzeit zur Verfügung stehen: eKool, zum Beispiel, ein Verwaltungssystem, in das Lehrer im ganzen Land bereits seit fast seit 20 Jahren Noten eintragen, Hausaufgaben verteilen, Fehlzeiten dokumentieren.

Obendrein ist es der Kanal, über den sie mit Eltern kommunizieren. Und mit der Plattform Opiq können sie Lehrmaterialien für ihre Schulstunden zusammenstellen, die Auswahl ist groß und das System so leicht zu bedienen wie Netflix.

Der Umzug vom Klassenzimmer in den digitalen Raum sei mithilfe dieser Plattformen nicht schwergefallen, sagt Liis Prikk, Englischlehrerin in der Hauptstadt Tallinn. „Jeder war daran gewöhnt, bevor Corona begann.“ Allenfalls der Umgang mit Konferenzdiensten wie Zoom für den Online-Unterricht war für die Lehrer neu.

Grundrecht auf Internetzugang

Familien mit mehreren Kindern, die nicht genügend Laptops oder Tablets zur Verfügung hatten, bekamen Leihgeräte von der Schule, von den Behörden oder anderen Organisationen. Die Verbindung ins Netz war ebenfalls kein Problem: „Jede Familie hat einen Internetzugang.“ Tatsächlich ist dieser in Estland seit dem Jahr 2000 ein Grundrecht. Freies W-Lan gibt es fast überall.

Schlechte Internetverbindung, Serverprobleme oder zu wenig Geräte wie in Deutschland? Fehlanzeige.

Estland gilt schon lange als digitaler Vorreiter

Manche Härte der Pandemie hat Estlands digitale Infrastruktur abgefedert. Der Grundstein dafür wurde bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten gelegt. 1997 startete Estland das Investitionsprogramm Tiigrihüpe (Tigersprung), ließ Computer- und Netzwerkinfrastruktur massiv ausbauen.

Die Regierung hat einen digitalen Staat geschaffen, in dem sich heute auch mehr als 99 Prozent aller Bürgerdienste mit ein paar Klicks erledigen lassen. Estland gilt längst als digitaler Vorreiter. Und Vorbild für andere.

Nicht nur in der Schule spielt die IT-Welt eine wichtige Rolle. Estland gilt insgesamt als digitaler Vorreiter. Foto: Ints Kalnins/Reuters Vergrößern
Nicht nur in der Schule spielt die IT-Welt eine wichtige Rolle. Estland gilt insgesamt als digitaler Vorreiter. © Ints Kalnins/Reuters

Schwerpunkt lag schon zu Beginn der Digitaloffensive auf der Bildung. Innerhalb eines Jahres hatte praktisch jede Schule einen Zugang zum Netz. Das Internet, so hatte es die Regierung damals erkannt, sei essenziell für das Leben im 21. Jahrhundert.

Heute können Kinder im Grundschulalter Programmieren lernen, in älteren Klassen kommt Robotik-Unterricht hinzu. Computer, Tablets, sogar Smartphones finden im Unterricht Verwendung.

Das Verwaltungsprogramm eKool haben seit 2002 immer mehr Schulen in Betrieb genommen. Mehr als 90 Prozent aller Einrichtungen nutzen es inzwischen. Ganz ähnlich sieht es mit dem Zugang zu Opiq aus, dem System, das immer mehr Bücher und anderen gedruckten Lehrstoff ersetzt. „Wir helfen den Schulbuchverlagen, ihre Inhalte zu digitalisieren“, erklärt Opiq-Gründer Antti Rammo dem Tagesspiegel.

Vor acht Jahren hat er das Programm erschaffen. Rammo stammt aus einer Verlegerfamilie, er suchte zunächst einen Weg, um die Inhalte eines Verlages digital in die Schulen zu bringen. Dabei bemerkte er, dass auch andere Verlage Schwierigkeiten damit hatten. So entstand seine Plattform für alle.

Netflix für den Schulunterricht

Der 37-Jährige sieht Parallelen zu Netflix oder Spotify. Einerseits wegen der großen und einfachen Auswahl. Andererseits lassen sich Zugriffe genau analysieren. Das Programm ermöglicht es, nachzuvollziehen, welche Inhalte genutzt werden – was zur Weiterentwicklung der Materialien bei den Verlagen dienen kann.

Tallinn besticht durch historischen Charme, ist aber die Hauptstadt eines digitalen Staats. Foto: FOTOLIA Vergrößern
Tallinn besticht durch historischen Charme, ist aber die Hauptstadt eines digitalen Staats. © FOTOLIA

Lehrer können außerdem erkennen, welche Fortschritte die Schüler beim Lernen machen: Welche Aufgaben haben sie bearbeitet und erfolgreich gelöst? Auch Anmerkungen dazu kann der Lehrer online abgeben. In der Zukunft will Rammo noch mehr Möglichkeiten für Feedback schaffen. Die Analyse der Daten biete ein großes Potenzial, sagt der Gründer und CEO.

Er will in Zukunft auf mehr Personalisierung der Inhalte setzen, für ein besseres Verständnis der Bedürfnisse – und somit letztlich bessere Lernerfolge erzielen.

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Die digitalen Rahmenbedingungen waren vorhanden, als Corona kam. Mit Umstellungen war der Wechsel zum Homeschooling an einigen Stellen dennoch verbunden. Viele Lehrer hätten zu Beginn der Pandemie keine Erfahrung mit Videokonferenzen gehabt, sagt Prikk.

Eigentlich sollten Lehrer regelmäßig ihre IT-Fähigkeiten erweitern, aber nicht immer geschieht das in der Praxis. Da habe es im vergangenen Jahr sicher eine „Lernkurve bei Lehrern“ im ganzen Land gegeben, sagt Prikk, weil nun mehr Plattformen zum Einsatz kämen. Gleichzeitig, sagt sie, wollten Lehrer die Schüler und Eltern aber auch nicht mit zu vielen Systemen überfordern.

Schulen engagieren Bildungstechnologen

Die Eltern waren zudem, wie anderenorts, mit der zusätzlichen Belastung durch das Homeschooling konfrontiert. Einige fürchteten, plötzlich komplett für die Bildung ihrer Kinder verantwortlich zu sein. „Wir haben uns bemüht, so viel wie möglich mit den Eltern zu sprechen, haben Pläne für den Unterricht erstellt“, sagt Prikk. Auch die Menge an Hausaufgaben wurde diskutiert.

Immer wieder sei auch die Frage aufgekommen, wie viel Zeit die Kinder vor dem Bildschirm verbringen sollten. Vor allem in den jüngeren Klassen sei der Anteil geringer, berichtet Prikk.

Seit dem Herbst gehen vor allem die Grundschüler wieder zur Schule, andere Klassen wechseln sich ab, immer auch abhängig vom Infektionsgeschehen und Quarantänefällen.

Prikk ist deshalb froh, dass ihre Schule noch im vergangenen Frühjahr, kurz vor dem Corona-Ausbruch, eine sogenannte Bildungstechnologin engagiert hat, deren Hauptaufgabe es ist, Lehrern dabei zu helfen, alles rund um das Thema IT noch stärker in den Schulalltag zu integrieren.

In den vergangenen Monaten habe sie natürlich eine Menge Arbeit gehabt, sagt Prikk. „Schulen haben verstanden, dass sie eine solche Position brauchen“, sagt Prikk, „sofern es sie nicht ohnehin schon gab.“

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