Boris Becker vor der Urteilsverkündung am Southwark Crown Court in London Ende April. Foto: Adrian Dennis/AFP
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„Höflich sein, kooperativ, kein Aufsehen erregen“ Wo Boris Becker nun seine Haftstrafe absitzen muss

In einer Zwei-Mann-Zelle und einem Gemäuer, das bis 1961 Hinrichtungsstätte war, sitzt der einstige Tennisstar nun seine Haftstrafe ab.

Die erste Woche ist überstanden, langsam wird sich der Gefangene an die Routinen im Gefängnis von Wandsworth in Süd-London gewöhnt haben.

Was Boris Becker seit seiner Verurteilung wegen Insolvenzverschleppung erlebt, unterscheidet sich wenig von den Erfahrungen Anderer in seiner Situation: Männer in der Lebensmitte ohne frühere Erfahrungen mit der Strafjustiz, für schuldig befunden nicht wegen Gewaltdelikten, sondern betrügerischer Aktivitäten.

Die Prominenz der Tennislegende dürfte eine zweischneidige Sache sein, seine deutsche Staatsbürgerschaft bringt ein zusätzliches Problem: Großbritannien will nach Möglichkeit all jene schnellstmöglich in ihre Heimat abschieben, die zu mehr als einem Jahr Freiheitsstrafe verurteilt wurden.

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Über das Befinden des 54-Jährigen geben jene, die ihm nahestehen, öffentlich keine Auskunft. Das ist auch gut so: Auf kaum etwas reagieren die Behörden empfindlicher als auf unerlaubte, auch indirekte Medienkontakte. Der Gefangene Becker tut gut daran, sich reibungslos in den Knastablauf einzufügen.

„Höflich sein, kooperativ, kein Aufsehen erregen“, lautete Denis MacShanes Motto. Dem früheren Labour-Abgeordneten und exzellenten Kenner europäischer Verhältnisse, waren falsche Abrechnungen über Reisen im Auftrag seiner Partei zum Verhängnis geworden. Das brachte den damals 65-Jährigen kurz vor Weihnachten 2013 ins Gefängnis Belmarsh im Osten Londons.

Das HM Prison Wandsworth in London. Foto: Sabrina Merolla/dpa Vergrößern
Das HM Prison Wandsworth in London. © Sabrina Merolla/dpa

Der riesige Komplex, derzeitiger Aufenthaltsort des Wikileaks-Gründers Julian Assange, enthält auch einen Hochsicherheitstrakt für Terror-Gefangene, im Bürokraten-Englisch Kategorie A genannt. Ganz so schlimm geht es in Beckers vorübergehender Bleibe Wandsworth, Kategorie B, nicht zu.

In der Vergangenheit eine Hinrichtungsstätte

Unter den rund 1600 Gefangenen befinden sich allerdings auch schwerkriminelle Gewalttäter. Nicht nur deshalb eilt dem Mitte des 19. Jahrhunderts gebauten Gefängnis ein Ruf als „Horror-Knast“ voraus. Zu den Gruselfaktoren zählt auch dessen Vergangenheit als Hinrichtungsstätte: Bis 1961 starben dort 135 Menschen am Galgen.

Eine der dazu genutzten Hallen dient mittlerweile als Speisesaal. In der Zelle, in der die Verurteilten ihre letzten Minuten auf Erden verbrachten, wird heute Tee gekocht.

Im jüngsten Bericht der Aufsichtsbehörde über das „Gefängnis Ihrer Majestät“ (Her Majesty’s Prison, kurz HMP) Wandsworth war von Überfüllung und Ungeziefer die Rede – ein Vorwurf, der sich den meisten der teils 150 und mehr Jahre alten Verwahranstalten von England und Wales machen lässt. Aktuell sind sie mit 79729 Menschen belegt, vier Prozent von ihnen sind Frauen.

Kein anderes Land Westeuropas verurteilt annähernd so viele seiner Bewohner zu Haftstrafen wie die Brexit-Insel. Die Gefängnisse leiden an chronischer Überfüllung, immer wieder kommt es zu gewalttätigen Unruhen, Selbstverletzungen und Suiziden. Angriffe auf das Aufsichtspersonal sind an der Tagesordnung.

Die Nacht ruft allerlei Dämonen hervor

Wie in den meisten vergleichbaren Gefängnissen finden sich auch in Wandsworth viele Analphabeten, Drogensüchtige und psychisch Kranke. Die Nacht ruft allerlei Dämonen hervor, weshalb frühere Insassen von häufigen Störungen durch wild schreiende oder hämmernde Männer berichten.

Der Strafgefangene Becker wird, aller Vorbereitung auf die wahrscheinliche Freiheitsstrafe zum Trotz, nach seiner Verurteilung und Inhaftierung einen ähnlichen Schock erlitten haben wie Autor MacShane oder jener Anwalt, dem die treuherzige Bürgschaft für eine betrügerische Firma zum Verhängnis wurde.

In den ersten Stunden habe er, berichtet dieser, keinerlei Feindseligkeit durch die Vollzugsbeamten erlebt, auch kein Interesse. Es musste eben die Bürokratie der Registrierung bewältigt werden. Anstaltskleidung, also Schlabberhosen und Sweatshirt sind verpflichtend, Leibwäsche darf man normalerweise behalten.

Wie alle anderen Neuankömmlinge dürfte die Krankenschwester auch Becker am Tag seiner Einlieferung gefragt haben, an welchen physischen oder psychischen Problemen er leidet. Wer hier suizidale Gedanken äußert, gerät ins Visier der Anstaltspsychologen. Gefragt wird bei der Einführungsveranstaltung auch nach etwaigen Suchtkrankheiten, nicht zuletzt nach Alkohol- und Drogenkonsum.

Für Beckers einzig bekannte Sucht – nämlich jene nach üppigen Lebensverhältnissen, unabhängig von seiner Finanzlage – gibt es allerdings keine Heilmethoden.

Boris Becker, ehemaliger Tennis-Profi aus Deutschland. Foto: Frank Augstein/AP/dpa Vergrößern
Boris Becker, ehemaliger Tennis-Profi aus Deutschland. © Frank Augstein/AP/dpa

Seine erste Woche hat der Bankrotteur in einem Flügel für Neuankömmlinge verbracht; mit der Isolation versucht die Anstaltsleitung, die Ausbreitung des Corona-Virus zu verhindern. Seine etwa 6,5 Quadratmeter große Zelle teilt er normalerweise mit einem Leidensgenossen. Angesichts der ständigen Platznot erhalten nur solche Insassen eine Einzelzelle, die als gefährdet gelten, entweder durch sich selbst oder Andere. Auf Becker dürfte diese Einschätzung nicht zutreffen.

Wer erhält im Stockbett welchen Platz? Welches von allenfalls sechs Programmen soll der kleine Fernseher zeigen, wie hoch ist die Lautstärke? Wer darf wann telefonieren? Über solche Fragen hat es in Gefängnissen weltweit brutale Auseinandersetzungen gegeben, ebenso wie über den Zugang zu den Gemeinschaftsduschen.

Von Beckers Zellengefährten sind Gewalttätigkeiten kaum zu erwarten, schließlich hat die Gefängnisleitung hohes Interesse daran, ihren prominenten Schützling vor Unbill zu bewahren – gesetzt den Fall, Becker erweist sich als kooperativ.

Briten haben auch nach dem Urteil ein Herz für Becker

Wenn die Bewohner von Wandsworth ein Spiegelbild der Londoner Gesellschaft darstellen, dürften sie dem Tennisstar eher Sympathie als Feindseligkeit entgegenbringen.

Die Briten scheinen auch nach der Verurteilung ein Herz zu haben für den Mann, der der Sport-begeisterten Nation viel Freude bereitete: von seinem Wimbledon-Sieg als 17-Jähriger 1985 über die berühmte „Begegnung“ in der Besenkammer eines Nobel-Restaurants, aus der die heute 22-Jährige Tochter Anna hervorging, bis zum munter plaudernden Kommentator beim All England Lawn Tennis & Croquet Club, dessen alljährliche Meisterschaft man hierzulande für das allerwichtigste Tennisturnier der Welt hält.

Ein positives Signal war, dass die Partnerin Beckers, Lilian de Carvalho Monteiro, ihn bereits besuchen durfte. Die Risikoanalystin erschien in unauffälliger Kleidung – eindringlich weist die Anstalt auf ihre Kleiderordnung hin, wonach offenherzige Dekolletés ebenso verboten sind wie kurze Röcke oder zerrissene Jeans.

Boris Becker und seine Freundin Lilian de Carvalho Monteiro auf dem Weg zum Gericht - vor dem Urteil. Foto: Toby Melwille/Reuters Vergrößern
Boris Becker und seine Freundin Lilian de Carvalho Monteiro auf dem Weg zum Gericht - vor dem Urteil. © Toby Melwille/Reuters

Beim ersten Besuch werden von allen Besuchern Fingerabdrücke genommen, ehe sie sämtliche Wertsachen, Taschen und Telefone abgeben und Sicherheitskontrollen durchlaufen müssen.

Der Boulevard zahlt für Infos aus dem Knast

Natürlich steht der weltweit bekannte Promi unter besonderer Beobachtung durch Mitgefangene und Vollzugsbeamten, schon deshalb weil die wenig skrupellosen Londoner Boulevardblätter gutes Geld zahlen für Interessantes, aus dem sich eine Schlagzeile basteln lässt.

Ausführlich dokumentierten sie das Anstaltsleben: vom Frühstück (Cornflakes und Toast) übers Mittagessen um 11.30 Uhr mit mindestens je einer vegetarischen sowie einer Halal-Option – letztere ein Hinweis auf die Vielzahl von Muslimen vor Ort – bis zur Gemeinschaftsdusche, auf die Becker lediglich zweimal die Woche Anspruch haben soll. Die Toilette in der Zelle hat wenigstens eine Trennwand, aber Privatsphäre sieht anders aus.

Was die Zukunft angeht, dürfen zwei Entwicklungen als gesichert gelten: Zum Einen können Finanzkriminelle oft schon nach wenigen Wochen mit der Verlegung in ein ländliches Gefängnis der Kategorie C rechnen. Dort haben die Insassen oft Schlüssel zu ihrer Einzelzelle, dürfen sich tagsüber auf dem Anstaltsgelände frei bewegen, Bibliothek oder Fitnessstudio benutzen – so hat es der frühere UBS-Trader Kweku Adoboli erlebt, der seiner Bank einen Verlust von 2,25 Milliarden Dollar bereitete und deshalb wegen Betrugs verurteilt wurde.

Zum Anderen kommt auf Becker das Abschiebungsverfahren in ein Heimatland zu, dem man sich nach langen Jahren der Abwesenheit nur bedingt verbunden fühlt. Großbritannien will all jene loswerden, die zu mehr als einem Jahr Freiheitsstrafe verurteilt wurden. Becker hat enge Familienangehörige auf der Insel, so seinen minderjährigen Sohn Amadeus aus der Ehe mit Sharlely „Lilly“ Kerssenberg, von der er nicht geschieden ist.

Sie liebe ihren Ex noch immer, sagte die 45-Jährige dem englischen Talkmaster Piers Morgan, und halte engen Kontakt: „Es geht ihm so gut wie das eben möglich ist. Ist ja nicht gerade ein Fünf-Sternehotel, oder?“

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