Menschen warten vor einem Rettungswagen der Heilsarmee. Foto: dpa/ Jeff Mcintosh/The Canadian Press
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Update Hitzerekord von 49,5 Grad und 486 Tote in Kanada „Der Klimawandel macht das Unmögliche wahrscheinlich“

Eine extreme Wetterlage hat in Kanada und den USA zu Rekordtemperaturen geführt. Hunderte sind schon gestorben. Wie lässt sich dieses Wetter erklären?

Lytton ist ein kleines Dorf in Kanada. 260 Kilometer nordöstlich von Vancouver, wie so viele Orte in der Region gegründet während des Goldrauschs Mitte des 19. Jahrhunderts, umgeben von Bergen im Tal des Fraser-Flusses. Keine 300 Menschen leben hier.

Trotzdem hat es die Gemeinde jetzt zu Weltruhm gebracht, der in Wahrheit aber gar nicht so rühmlich ist. Denn dass es in diesem Teil Kanadas, der eigentlich für kühle Temperaturen bekannt ist, einmal heißer sein würde als der Wüstenstadt Dubai, damit hätte wohl keiner gerechnet. 49,5 Grad wurden am Dienstag gemessen – ein neuer Rekord für ganz Kanada. Schon in den beiden Tagen zuvor waren Höchstwerte vermeldet worden.

Selbst für einen Meteorologen sei das fast nicht zu glauben, sagt Jeff Berardelli in der Morgensendung des TV-Senders CBS. Er erklärt die „verrückte Wetterlage“ mit einem starken „atmosphärischen Blockierungsmuster“, bei der sich Wärme in einem größeren Gebiet aufstaut. „Für diese Hitze gibt es einfach keine Übertreibungen, um sie zu beschreiben“, sagt Armel Castellan, Meteorologe des kanadischen Umweltministeriums.

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Tatsächlich gab das Ministerium gleich für mehrere Provinzen Warnungen vor einer „anhaltenden, gefährlichen und historischen Hitzewelle“ heraus, die mindestens diese Woche noch andauern werden. Betroffen ist auch der Nordwesten der USA. In den Städten Portland, Oregon und Seattle wurden die höchsten Temperaturen seit dem Beginn der dortigen Aufzeichnungen im Jahr 1940 gemessen.

Fast 500 Todesfälle

Das Problem wird dadurch gravierender, dass die Menschen in der Region derartige Hitzewellen nicht gewohnt sind. Die durchschnittliche Tageshöchsttemperatur im Dorf Lytton zum Beispiel beträgt im Juli 24,3 Grad. Anders als im Süden oder Südwesten der USA sind im Norden und in Kanada nicht alle Gebäude klimatisiert. Vielerorts suchen die Menschen deshalb Schutz in Tiefgaragen oder in ihren klimatisierten Autos. Die besondere Sorge gilt älteren Menschen, Kindern und Obdachlosen.

Castellan spricht von einem „Killer-Ereignis“, denn die Notfalldienste melden bereits einen deutlichen Anstieg der Todesfälle. In den vergangenen fünf Tagen sei es in der Provinz British Columbia zu 486 unerwarteten Todesfällen gekommen, teilte die Gerichtsmedizin der Westküsten-Provinz am Mittwoch mit. Diese Zahl werde vermutlich noch steigen und liege 195 Prozent über dem Durchschnitt.

In den Parks der Städte laufen die Rasensprenganlagen ununterbrochen – nicht nur, um die Grünflächen zu bewässern, sondern auch um den Menschen Gelegenheit zum Abkühlen zu geben.

„Wir befinden uns mitten in der heißesten Woche, die British Columbia je erlebt hat“, sagte der Premier der Provinz, John Horgan. Er rief dazu auf, nach Menschen zu sehen, die gefährdet sein könnten. Rettungsambulanzen werden immer wieder gerufen, weil Menschen mit Hitzschlag zusammenbrechen. Verschärft wird die Lage an einigen Orten durch Waldbrände, die die Luftqualität verschlechtern.

Große Gefahr für Natur und Mensch

Auch Florian Imbery, Klima-Analytiker vom Deutschen Wetterdienst, sieht eine große Gefahr für Natur und Mensch, die von derartigen Hitzewellen ausgeht. „Wir haben es hier mit einem starken Hochdruckeinfluss zu tun, dazu kommt derzeit die höchstmögliche Sonneneinstrahlung und fehlende Niederschläge“, sagt er dem Tagesspiegel.

Es handle sich um stehende Wellen des Jetstreams, eine sogenannte Omega-Wetterlage. „Eine solche Wetterlage kann über mehrere Tage oder sogar Wochen anhalten.“ Besonders für ältere Menschen würde es dann problematisch, aber auch die Landwirtschaft leide natürlich unter derartigen Bedingungen.

Hitzewelle im Westen Kanadas und der USA sorgt für weitere Hitzerekorde. Karte: AFP / Patricio ARANA AND Paz PIZARRO AND Nadine EHRENBERG Vergrößern
Hitzewelle im Westen Kanadas und der USA sorgt für weitere Hitzerekorde. © Karte: AFP / Patricio ARANA AND Paz PIZARRO AND Nadine EHRENBERG

Imbery vergleicht die Situation mit dem Sommer 2018 in Deutschland, als zwischen April und September immer wieder eine Omega- Lage vorlag. „Damals starben auch hier im Sommer überdurchschnittlich viele Menschen“, sagt er. Vancouver, die größte Stadt in der Provinz British Columbia, liegt geografisch ungefähr auf der Höhe von Frankfurt am Main.

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Die Situation in Kanada ist derzeit jedoch noch um einiges dramatischer als seinerzeit in Deutschland. Die Hitzeglocke hängt über der gesamten Prärie, auch im berühmten Jasper-Nationalpark ist es mit knapp unter 40 Grad extrem heiß. Das Wetterphänomen, das derart heiße Luft solange in der Region festhält, kommt Meteorologen zufolge statistisch gesehen sehr, sehr selten vor – nur einmal alle paar Tausend Jahre, heißt es etwa in der „Washington Post“. Deshalb wird etwa in den sozialen Netzwerken heftig darüber diskutiert, ob der Zusammenhang zur Klimakrise gezogen werden sollte.

Biden wendet sich an Klimaskeptiker

US-Präsident Joe Biden kommentiert die Debatte mit Blick auf eine Temperatur von 46 Grad in Portland voller Ironie und wandte sich direkt an die Skeptiker. „Macht euch keine Sorgen, es gibt keine Klimaerwärmung“, erklärt er süffisant. „Das existiert nicht. Das ist die Frucht unserer Einbildungskraft.“

Für Experten ist die Sache ohnehin klar. „Es ist zwar schwierig, eine einzige Hitzewelle dem Klimawandel zuzuschreiben“, sagt Wissenschaftler Florian Imbery. „Aber aufgrund des menschengemachten Klimawandels sind derartige Hitzewellen insbesondere in der Intensität bedeutend wahrscheinlicher geworden.“ Oder wie der kanadische Meteorologen Jeff Berardelli sagt: „Der Klimawandel macht das Unmögliche nicht nur möglich, sondern auch wahrscheinlich.“

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