Ein Hausarzt misst einer Patientin den Blutdruck. Foto: dpa
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Grenzwerte für Bluthochdruck Sind Gesunde nur Kranke auf Abruf?

Auf einen Schlag haben die USA 30 Millionen Kranke mehr. Weil der Grenzwert für Bluthochdruck gesenkt wurde. Was das bedeutet. Ein Kommentar.

Als Gesunder ins Bett gehen, als Kranker aufwachen: Das ist dieser Tage 30 Millionen Amerikanern passiert. Sie wurden von heute auf morgen zu Bluthochdruck-Patienten. Der Grund sind neue Richtlinien der amerikanischen Herzmediziner. Sie stufen bereits einen Blutdruck von 130 (oberer Wert) oder 80 (unterer Wert) bei vielen als krankhaft ein. Nun sind schätzungsweise knapp die Hälfte der erwachsenen Amerikaner an Bluthochdruck, Hypertonie, erkrankt. Auch die europäischen Expertengremien werden ihre Behandlungsempfehlung voraussichtlich aufbohren, wenn auch nicht so radikal wie die Pioniere jenseits des Atlantiks.

Zu hoher Blutdruck ist keine von der Pharmaindustrie erfundene Krankheit. Er ist gefährlich, keine Frage. Hypertonie schädigt die Blutgefäße und ist eine der wesentlichen Ursachen für Herzinfarkt, Schlaganfall und Nierenversagen. Medikamente verringern das Risiko. Aber die aggressive Strategie der Amerikaner dehnt die Hochdruckzone weit in bislang gesundes Terrain aus. Dabei gilt die Faustregel: je gesünder der Patient (in diesem Fall: je niedriger der Blutdruck), umso geringer die Behandlungserfolge und umso größer die Kollateralschäden.

Ist ein ansonsten gesunder 65-jähriger Amerikaner mit einem Blutdruck von 130 tatsächlich „krank“? Für diesen Personenkreis mag das Absenken eines bislang normalen Blutdrucks mit Medikamenten einen gewissen, überschaubaren Nutzen für die Gesundheitsprognose bringen. Dagegen aufrechnen muss man die Behandlungskosten und die Nebenwirkungen der Langzeit-Arzneimittel-Behandlung wie Müdigkeit oder gar Nierenschäden. Schon heute nehmen viele, die sie dringend nehmen sollten, ihre Blutdrucksenker nicht.

Leiden wird abstrakter

Fast vorbei scheinen die Zeiten, da eine Krankheit mit Schmerzen, Fieber oder Bettlägerigkeit einherging. Leiden wird ungreifbarer, abstrakter, nebulöser. Es ist alles eine Frage der Definition. Der Messwert macht’s, in seinem fahlen Licht wirft die Krankheit ihren Schatten. Das gilt für den Bluthochdruck wie für den Cholesterinspiegel, den Zuckerwert oder das vermeintliche Übergewicht.

Eigentlich geht es uns gut und die statistisch steigende Lebenserwartung bestätigt den subjektiven Eindruck. Doch die Wahrheit ist, dass niemand mehr gesund ist. Die Norm ist die Ausnahme. Und bei wem tatsächlich alle Messwerte im grünen Bereich sind, der sollte Angst davor haben, dass sich das ändert und rasch vorbeugen. Denn in seinem Genom ist schon das Menetekel künftigen Leidens vorgezeichnet. Gesunde sind nur Kranke auf Abruf. Jede kommt dran.

Der Megatrend Krankheit setzt sich in ehrgeizigen Früherkennungsprogrammen fort. Manche sind nützlich und helfen tatsächlich. Andere erzeugen Kranke. Etwa, weil sie Tumore entdecken, die eigentlich keine Bedeutung haben. Oder harmlose Gewächse als Krebs fehldeuten. Und schließlich die Digitalisierung – willkommen in der Phantompraxis von Dr. Google, willkommen in der Welt der Gesundheits-Apps, die das schlechte Gewissen beruhigen und den Messwert zum Fetisch erheben. Nutzen: Vielleicht. Bewiesen? Nein.

Bei allem Fortschritt muss die Medizin das richtige Maß behalten. Beim Blutdruck geht es um mehr als nur den Messwert. Es geht um den Einzelnen, der von seinem Arzt behandelt werden muss. Oder eben nicht.

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