Die Winterstimmung schlägt vielen Menschen auf die Laune. Foto: Alvaro Barrientos/AP/dpa
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Gegen schlechte Laune im November Zehn Ideen gegen den Winterblues

Jakob Bauer

Im Spätherbst fehlt Energie und die Stimmung sinkt. Wie Sie dennoch bessere Laune bekommen können: Zehn Tipps gegen den Winterblues.

Keine Sorge: Es geht allen so. Oder den meisten. Es wird kälter und grau, und plötzlich fühlt sich das Leben ein bisschen schwerer an. Man hat weniger Energie, kommt morgens nicht mehr richtig aus dem Bett, die Laune wird schlechter, die Leute sind reizbarer. Die Wissenschaft hat sich für besonders schlimme Fälle den passenden Namen „saisonal-affektive Störung“ oder Englisch „Seasonal Affective Disorder“ ausgedacht. Kurz: SAD (traurig). Dass Körper und Seele so auf den Wintereinbruch reagieren, soll evolutionär gesehen sogar einmal von Vorteil gewesen sein. Der Organismus stellt sich auf die karge Jahreszeit ein, schont Ressourcen, schaltet in den Schlafmodus und versucht Gewicht aufzubauen. Nur, dass heute eben Heißhunger auf Schokolade nicht mehr das Überleben der Gruppe sichert und Arbeitgeber wenig Verständnis für das Winterschlafbedürfnis ihrer Mitarbeiter haben. Der Vorteil moderner Zeiten ist aber, dass es andere Möglichkeiten gibt, dem Winterblues zu entgehen: zehn Tipps.

AUFBLÜHEN MIT VINCENT

Erst mal ist da wenig bis gar nichts vom Gegengift. Kohl und Klompen, Bartmannkrug, geräucherte Heringe, solche Motive offeriert die aktuelle Ausstellung im Museum Barberini in Potsdam. Sehr tot, sehr dunkel, gemalt von Vincent van Gogh. Doch folgt die Schau seinem Lebensweg und damit seiner Entwicklung von einem suchenden Maler zu einem findenden Künstler. Heller, kräftiger, eigenständiger – und je mehr Wiesenblumen, Zitronen und Kastanienzweige zum selbstbewussten Motivrepertoire werden, desto klarer wird: Nichts in diesen Stilleben ist still und statisch. Wenn der Betrachter endlich vor den „Blühenden Kastanienzweigen“ zum Stehen und Staunen kommt, gerät er dorthin, wohin sich Vincent van Gogh gemalt hatte – ins Licht.

FAHREN SIE FAHRRAD

Gönnen Sie sich ein paar Lux! Winterradeln, zum Beispiel in Brandenburg, ist gut für die Stimmung – und hat viele Vorteile. Neben dem Offensichtlichen – Kardioaktivität und frische Luft beugen Erkältungskrankheiten vor, Licht steuert den Serotonin-Haushalt – vielleicht der größte: Sie sind da draußen ab November mit ihrer Melancholie allein und können so richtig darin schwelgen. Brandenburg gleicht jetzt bald der urbanen Novemberseele: Das Land ist weit, die Brauntöne vielfältig und schön, dazu das Metallicgrau der Seen, Flüsse und Kanäle, die Bizarrerie vom Wind gekrümmter, entlaubter Bäume auf freiem Feld. Die Schneeflocken unter den Radlern sind weg. Ein Großteil der fröhlichen Rentner, die in den Sommermonaten Brandenburgs Radwege bevölkern, haben ihre Räder inklusive überseetruhengroßer Gepäckträgertaschen und mannshoher GPS-Lenkeraufbauten bis April eingemottet. Im Fahrradteil des Regionalzuges ist also wieder Platz und es ist vorbei mit den lebensgefährlichen Überholmanövern von E-Bike-Neulingen auf dem Oderradweg.

Die Kälte hat die findige Fahrradindustrie längst neutralisiert. Gegen kalte Füße gibt es Neoprenstulpen. Gegen den Fahrtwind helfen vorn verstärkte, gefütterte Radhosen und Windbreakerjacken und dünne, aber trotzdem warme Mützen, die unter den Fahrradhelm passen. Experten empfehlen außerdem eine doppelte Schicht Thermohandschuhe (für weniger Geld auch im Baumarkt erhältlich). In die Fahrradflasche kommt Tee. Am besten man fährt gleich bis nach Polen, denn die Nachbarn verstehen sich auf wärmendes Winteressen: Piroggen mit Zwiebelschmelz sind das ideale November-Soulfood.

VIVALDI HÖREN

Aber nur drei Jahreszeiten. Wegsehen geht nicht in diesen Tagen, wegfühlen ebenso wenig. Weghören ist dagegen nur einen Ohrstöpsel entfernt. Und der Soundtrack? Selbstverständlich Antonio Vivaldi! Und zwar seine „Drei Jahreszeiten“. Dieser Evergreen der klassischen Musik bietet gleich ein ganzes Tagesprogramm gegen den Blues in barock-glitzernder Opulenz: Morgens zwitschert „Der Frühling“ die Vögel ins Ohr, mittags rösten die Trommelfelle in kräftig brutzelnder „Sommer“-Hitze. „Der Herbst“ schließlich schunkelt in goldenen Schlaf. Und „Der Winter“? Nein. Der wird ausgelassen.

WELTREISE AUF INSTAGRAM

Man muss nur auf den Instagram-Newsfeed klicken, um sich Sommerfeeling zurückzuholen. Es fühlt sich schnell so an, als wäre man an traumhaften Orten. Auf den Osterinseln, in Mexiko und Südafrika, Portugal oder Brasilien, eine Weltreise. Alles Länder, in denen gerade die Sonne scheint und von denen aus Influencer die schönsten Fotos posten. Kaum gestellt, kaum gephotoshoppt. So fällt das Tagträumen ein bisschen leichter. Profitipp: Auf YouTube noch Meeresrauschen als Hintergrundmusik einstellen.

LOSLASSEN IN DER PLASTIKWELT

Wer noch nie dort war, muss das Tropical Islands 50 Kilometer südlich von Berlin für eine furchtbar künstliche, seelenlose Plastikwelt halten. Und genau das ist sie auch. Aber wenn man dran glauben mag und einfach loslassen kann, gerät ein Besuch dieser Südseelandschaft-Simulation wunderbar erholsam. Es gibt Sandstrände, Schwimmbuchten, Wasserfälle, einen Urwald zum Durchschlendern, ein balinesiches Tempeltor, zig Saunen, und nie wird es kälter als 26 Grad.

Abends dimmt der Hallenbetreiber das Licht runter, gefakter Sonnenuntergang, und wenn die meisten Gäste dann gehen, wird es in der Riesenanlage erst richtig gemütlich. Ein Freund war gerade erst dort und hat Fotos geschickt. Die haben jetzt echte Flamingos. Freilaufende! Ob die Vögel wissen, dass dies nicht die echte Südsee ist?

In Tropical Islands ist eine künstliche, seelenlose Plastikwelt. Aber wenn man dran glauben mag und einfach loslassen kann, gerät ein Besuch dieser Südseelandschaft-Simulation wunderbar erholsam. Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB Vergrößern
In Tropical Islands ist eine künstliche, seelenlose Plastikwelt. Aber wenn man dran glauben mag und einfach loslassen kann, gerät ein Besuch dieser Südseelandschaft-Simulation wunderbar erholsam. © Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB

ES WERDE TAGESLICHT

Klar, schön ist es nicht. Brutales, kaltes Weiß. Auf der noch oben und unten offenen Gemütlichkeitsskala rangieren die 8000 Lux einer Tageslichtlampe irgendwo zwischen OP-Saal und türkischem Männercafé. Egal! Vor Jahren habe ich so ein Ding mal für die Wirtschaftsseiten dieser Zeitung getestet. Seitdem bin ich Fan. Natürlich war ich am Anfang skeptisch. Wo viel Licht ist, ist ja bekanntermaßen auch viel Schatten.

Im Selbstversuch steigerte die Lampe mein Wohlbefinden aber tatsächlich. Ein Arzt erklärte mir damals warum. Wenn es draußen permanent dunkel ist, produziert der Körper fortwährend das Hormon Melatonin, das Schlafsignale sendet. Parallel sinke die Produktion von aktivierendem Noradrenalin und Serotonin. Aber passen Sie auf, falls Sie sich eine Lampe besorgen wollen. Es gibt die Dinger auch als Ohrstecker. Habe ich ebenfalls mal getestet. Die bringen gar nix.

DAS GRAU UMARMEN

Stiefel an die Füße, Stirnband über die Ohren, und ab geht’s an den Wassersaum. Nichts Schöneres, als dieser Tage an der Ostsee entlang zu stapfen, Schritt für Schritt, bloß nicht zu schnell. Eine schwere, trübe Wolkendecke liegt über dem Meer, kein Horizont trennt Himmel und Erde. Ab und zu kreuzt eine Krabbe den Weg, ab und zu trippelt eine Möwe zur Buhne. Die Wellen verwischen die Spuren gleich wieder und zeichnen hauchfeine Linien in den Sand. Man möchte versinken in diesem unendlichen Grau und nie wieder einen klaren Gedanken fassen. Das schönste Kapitel in Rebeccas Solnits neuem Buch „Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens“ heißt „Der Verstand bei 5 Kilometern die Stunde“. Am Novemberstrand sind es nur viereinhalb.

WAHRE LIEBE IM FERNSEHEN

In der „New York Times“ gibt es eine wöchentliche Kolumne, in der Leser der Zeitung ihre ganz privaten Liebesgeschichten erzählen dürfen. Für Amazon Prime Video hat Regisseur John Carney eine TV-Serie daraus gemacht. Wer glaubt, das Leben sei zu wahr um schön zu sein, wird in „Modern Love“ eines Besseren belehrt. Zwei Herzen können tatsächlich zueinander finden, auch über die verrücktesten Hindernisse hinweg. Anrührend sind diese Geschichten, nachvollziehbar heutig und manchmal auch hollywoodreif kitschig. Leider gibt es bisher nur acht Folgen, eine zweite Staffel soll aber in Arbeit sein.

TAND UND FLITTER

Auf dieser Bühne scheint immer die Sonne: Sie ist das Tropical Island unter den Kulturinstitutionen. Erstes und einziges Ziel im Friedrichstadt-Palast ist es, die Leute für ein paar Stunden in kunterbunte Fantasiewelten zu entführen. Die Handlung ist Nebensache, hier überbietet eine Nummer die nächste mit zirzensischen Reizen, an Tand und Flitter wird nicht gespart, wenn Akrobaten durch die Luft wirbeln und die Girl-Reihe ihre Beine in die Höhe wirft. Eine Feier des Lebens und der Vielfalt will die Revue „Vivid“ sein, exotisch, erotisch, supercalifragilisticexpialigetisch. Mehr Ablenkung vom Alltag geht nicht.

UND RUM TRINKEN

Süßlich oder herb oder Aromen von Vanille oder Schokolade oder mit einer leichten Schärfe oder Herzhaftigkeit oder einfach nur samtweich. Oder alles zusammen. Es geht durch Nase und Hals, verteilt sich im Körper, löst eine angenehme Wärme aus, ein umfassendes Wohlgefühl, belebt den Geist, hebt die Stimmung, versöhnt mit den Unbillen der Welt. Das Gefühl hält an. Manchmal sogar bis in den nächsten Tag. Nein, das schafft kein Heizkissen. Es ist Rum! Karibischer Rum in seiner unglaublichen Vielfalt. Es ist eine nie endende Reise durch schier unfassbare Geschmackswelten, die aus Zuckerrohr destilliert werden. Aber Vorsicht! Gönnen Sie sich den besten, den Sie gerade kriegen können. Nicht den Rum mit dem besten Werbespot. Verlieren Sie sich in einer neuen, unfassbar spannenden Welt. Alleine, ohne weitere äußere Einflüsse wie Mitmenschen, Smartphone, Fernseher, höchstens etwas Musik. Nur Sie mit der oder den Flaschen. Und es gilt natürlich: Alkohol ist keine Lösung. Es sei denn, es ist Rum. Guter Rum.

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