Dass Gewalt auch von Frauen - mitunter an ihren eigenen Kindern - verübt wird, ist immer noch ein Tabuthema. Foto: Nicolas Armer/dpa
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Frauen als Sexualstraftäterinnen „Wie können Mütter so etwas tun?!“

Es ist ein gesellschaftliches Tabuthema, doch auch Frauen dulden und verüben sexuelle Gewalt gegen Kinder – oft ist die eigene Mutter die Täterin.

Mütter behüten, beruhigen, beschützen, Mütter tun gut. Spätestens seit dem Biedermeier galt dieser Muttermythos. Obwohl längst bekannt ist, dass Mütter keine Idealwesen sein können, sind Reste davon aktiv. Daher bleiben vor allem Frauen als Täterinnen gegenüber Kindern ein gesellschaftliches Tabuthema, am allermeisten dann, wenn es um sexualisierte Gewalt geht. Dieses Tabu nützt niemandem, am wenigsten den Opfern.

Eine aktuelle Studie wagt den Blick hinter den Vorhang dieses Tabus. Auf Online-Befragungen von Betroffenen antworteten 212 Personen, die bis zu ihrem 16. Lebensjahr sexualisierte Gewalt durch Frauen erlebt haben, 60 Prozent von ihnen weiblich, 40 Prozent männlich. Eine weitere Online-Befragung richtete sich an Frauen, die Kinder unter 14 sexuell anziehend finden.

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Finanziert wurde die Studie durch die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Berlin. Seit 2016 untersucht sie „Ausmaß, Art und Folgen der sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“ in der Bundesrepublik wie in der DDR seit 1949.

Auch Staaten wie Frankreich oder Irland haben solche Aufarbeitung begonnen, allerdings beschränkt auf Institutionen wie Heime, Kirchen und Internate. Die meisten Übergriffe geschehen jedoch im privaten Nahraum, in Familien. Als weltweit einzige nimmt die deutsche Kommission auch dieses Feld in den Blick.

Häufig kommt es zu „Selbst-Stigmatisierung“

Eines der verblüffendsten Resultate bisheriger Studien war, wie oft Betroffene berichten, dass ihre Mütter sie als Kinder nicht gehört oder Täter geduldet hatten. Noch verstörender ist es, dass geschätzte 20 Prozent der Taten von Frauen begangen werden. Dazu legt das Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg- Eppendorf (UKE), geleitet von Peer Briken, nun erste Daten vor.

Die Studie „Sexueller Kindesmissbrauch durch Frauen“ lief ab Januar 2020 bis Ende Juni 2021. In der Einleitung heißt es: „Frauen, die Kinder sexuell missbrauchen, stellen in der Gesellschaft fest verankerte Geschlechterbilder in Frage und werden immer noch tabuisiert.“ Bisher sind Täterinnen daher noch selten im Visier der Wissenschaft. Ein Anfang ist inzwischen gemacht.

Bereits in den nüchternen, trockenen Statistiken zeichnet sich Erschütterndes ab. 62 Prozent der hier Befragten gaben die eigene Mutter als Täterin an, oft über Jahre. 56 Prozent erlebte zusätzlich sexualisierte Gewalt durch einen Mann, bei einem Fünftel war der Mann der eigene Vater. Die von pädokriminellen Paaren Betroffenen erlebten zudem die meisten Taten, im Durchschnitt 147 solcher Gewalterlebnisse. In etwa 11 Prozent der Fälle begingen zusätzlich noch andere Verwandte die Taten, in knapp einem Fünftel kam die Täterin aus dem Freundeskreis der Familie.

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Über die Hälfte der Befragten berichtet von „aufdringlichem Verhalten und unerwünschten Berührungen durch die Täterin, etwa an den eigenen primären oder sekundären Geschlechtsmerkmalen oder anderen Körperstellen, um sich oder die Betroffenen sexuell zu erregen“. Häufig habe die Täterin die Kinder aufgefordert, sich selbst an Geschlechts- und anderen Körperteilen zu berühren, in mehr als einem Viertel der Fälle habe sich eine Täterin während der Tat selbst befriedigt, wissend, dass das betroffene Kind das mitbekommt.

Viele Täterinnen hatten vor Kindern „ihre Genitalien zur eigenen Erregung entblößt“. In vielen Berichten ist von körperlicher Gewalt die Rede, zehn Prozent sprachen von „sadistischer Gewaltanwendung durch die Täterin“. In etwa 20 Prozent der Fälle wurden einem Kind „Alkohol und Drogen verabreicht“.

„Victim blaming“ wirke sich besonders störend aus

Ein Drittel der Frauen und Männer erklären, von der Täterin bedroht oder erpresst worden zu sein, ebenfalls ein Drittel wurde „zu sexuellen Handlungen mit anderen Personen oder zum Zusehen bei sexuellen Handlungen anderer genötigt“. Einige wurden gezwungen, pornografisches Material anzusehen, von einigen der Kinder wurden während der Tat Fotos oder Videos gemacht.

Die allermeisten, rund 88 Prozent der Betroffenen, erinnern sich an psychische Gewalt wie Drohungen, Demütigungen oder Beschimpfungen. Mehrere der Befragten glaubten zur Zeit der Taten, die Täterin habe Gewalt „zur Bestrafung“ ausgeübt. Nur ein Bruchteil meint, Schuld- oder Reuegefühle bei Täterinnen gespürt zu haben.

Nur ein Zehntel hatte jemals Anzeige erstattet, selten kam es dabei zur Verurteilung. Fast ausnahmslos sehen Betroffene negative Langzeitfolgen für ihre Sexualität, für Partnerschaften, Sozialleben, Schule und Arbeit. Bei posttraumatischer Belastung kommt es, so die Studie, zu „Störungen der Emotionsregulation, des Selbstkonzepts und der zwischenmenschlichen Beziehungen“.

Betroffene verlangen, dass Taten von Frauen enttabuisiert werden. Foto: picture alliance / dpa Vergrößern
Betroffene verlangen, dass Taten von Frauen enttabuisiert werden. © picture alliance / dpa

Über 66 Prozent der Befragten gaben an, die Täterin habe ihnen vermittelt, sie selber seien an ihrer Behandlung schuld, so dass es zur „Selbst-Stigmatisierung“ der Betroffenen kommt. Von Tätern und Täterinnen bei sexueller Gewalt suggerierte negative Eigenschaften (das Kind sei wertlos, isoliert, schmutzig, verderbt, solle sich schämen, sei selber schuld, zu erregend usw.) werden unbewusst übernommen, später im Leben erwarten oder fürchten Betroffene, dass andere Leute ihnen solche Eigenschaften zuschreiben.

In solcher Dynamik vermutet die Studie den Kern der posttraumatischen Belastung, denn „victim blaming“, die Beschuldigung von Opfern für ihnen zugefügte Gewalt, wirke sich besonders nachhaltig und störend aus. Betroffene verlangen unter anderem, dass Taten von Frauen enttabuisiert und so ernst genommen werden wie die von Männern, sie fordern die gezielte Schulung von relevantem Fachpersonal, und Aufklärung aller Kinder über Sexualität und Grenzverletzungen.

Wichtig erscheint darüber hinaus ein vertieftes gesellschaftliches Verständnis für transgenerationale Traumatisierung. Männer, die sexualisierte Gewalt ausüben, haben meist selber Vergleichbares erlebt. Auf Täterinnen dürfte das ebenso zutreffen, Forschung dazu gibt es noch kaum.

„Wie können Mütter so etwas tun?!“

Der zweite Teil der Studie konnte nur Stichproben von 52 Teilnehmerinnen auswerten, die einen von drei Studienlinks aufgerufen hatten. Die Ergebnisse dürften zwar noch nicht als repräsentativ angesehen werden, doch deutlich werde, dass es Frauen gibt, die ein sexuelles Interesse an Kindern haben. Deren Relevanz werde von der Wissenschaft „wahrscheinlich unterschätzt“, die Forschung könne da einen „blinden Fleck“ haben.

Unter denen, die sich auf die Online-Befragung eingelassen hatten, waren viele Abiturientinnen. Eine Mehrheit erklärte, sich sexuell zu männlichen wie weiblichen Personen hingezogen zu fühlen. Antworten von knapp 60 Prozent ließen darauf schließen, dass sie sexualisierte Darstellungen von jüngeren Kindern konsumieren.

Als Präferenz nannten 58 Prozent Mädchen, 48 Prozent Jungen im Alter von fünf bis zehn Jahren. Weibliche wie männliche Säuglinge und Kleinkinder wurden von jeweils etwa 40 Prozent ausgewählt. Doch nur ein Zehntel gab an, ausschließlich Interesse an Kindern zu haben.

Die Studienleitung legt Wert auf die Feststellung, dass eine sexuelle Präferenz nicht zwangsläufig bedeutet, dass es sich um aktive Täterinnen handeln muss. Darüber, ob die befragten Personen reale Taten begehen, oder ob sie ihre Präferenz bewusst und aus Rücksicht auf Kinder nicht ausleben, geben die Daten keinerlei Auskunft.  Klar ist: Befragt wurden für diese Studie keine verurteilten Sexualstraftäterinnen.

„Wie können Frauen, wie können Mütter so etwas tun?!“ Der Ausruf bringt so wenig voran, wie der Mythos der ewig milden Mutter. Die französische Philosophin Elisabeth Badinter, berühmt durch ihr Buch „Die Mutterliebe. Geschichte eines Gefühls vom 17. Jahrhundert bis heute“, hält es für zentral, dass Müttern beides gelingt, Nähe wie Distanz zum Kind, „ihm geben, was es braucht, es nicht unterdrücken, nicht zu abwesend und nicht ständig anwesend sein“. Um diese Balance müsse es gehen. Anfügen lässt sich: Und wo diese Balance gar nicht stimmt, da müssen Staat und Gesellschaft dringend Abhilfe schaffen.

Von Missbrauch Betroffene können sich bei der Kommission anonym und kostenfrei melden: Tel: 0800 40 300 40. Die eigene Nummer ist dabei nicht sichtbar.

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