Hunderte deutsche Touristen feiern am Ballermann. Foto: Imago Images/Chris Emil Janßen
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„Eine Woche saufen“ Deutsche wollen sich Mallorca-Urlaub nicht verderben lassen

Spanien ist ab Dienstag Hochinzidenzgebiet. Ungeimpfte Reiserückkehrer müssen dann in Quarantäne. Touristen nehmen es meist gelassen, die Einheimischen weniger.

Die Sonne brennt vom Himmel über Mallorca, saubere Strände und ein türkisfarbenes Mittelmeer laden zum Entspannen ein. Ideale Voraussetzungen für einen schönen Sommerurlaub. Ebenfalls Teil der Realität im Sommer 2021: Die Corona-Pandemie, die in Spanien und auf Mallorca gerade wieder die Infektionszahlen durch die Decke gehen lässt.

Die Bundesregierung hat nun die Notbremse gezogen und ganz Spanien zum Hochinzidenzgebiet erklärt. Wer ab Dienstag ungeimpft oder nicht von Corona genesen in die Heimat zurückkehrt, darf mindestens fünf Tage in der Quarantäne Däumchen drehen.

Aber was noch im ersten Corona-Sommer 2020 wie eine Hiobsbotschaft eingeschlagen wäre und eine Stornierungswelle, Hotelschließungen und eine hastige Rückholaktion deutscher Urlauber ausgelöst hätte, wird nun von der Politik, der Tourismusbranche und den Urlaubern relativ gelassen aufgenommen.

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„Das ist keine gute Nachricht“, meint Iago Negueruela lakonisch. Er ist der Tourismusminister der Balearen, zu denen neben Mallorca auch Menorca, Ibiza und Formentera gehören. Er verweist auf die Impfkampagne und hofft auf ein baldiges Sinken der Infektionszahlen.

Die Präsidentin des Verbandes der Hoteldirektoren auf den Balearen (AEDH), Alicia Reina, fordert, dass es endlich eine europäische Regelung für die Befreiung vollständig Geimpfter von den Corona-Beschränkungen geben sollte. Insofern sei die Entscheidung Deutschlands, Spanien zum Hochinzidenzgebiet zu erklären zwar bedauerlich, aber richtig. Denn sie privilegiere die Geimpften.

Privilegiert fühlen sich offenbar auch junge deutsche Urlauber am berühmt-berüchtigten Ballermann, der Partymeile in Palma. „Wir sind schon seit längerer Zeit geimpft, wir haben die zwei Wochen durch, also alles safe“, sagt ein junger Mann, seine Freundin nickt. Klar, die Inzidenz sei relativ hoch und man frage sich schon, ob das gut sei. Aber „doppelt geimpft, doppelt Spaß, so sage ich immer“, fügt er mit hochgestrecktem Daumen hinzu, während ein anderer zum Besten gibt: „Eine Woche saufen“.

Ältere Jahrgänge und Urlauber mit kleineren Kindern machen lieber in ruhigeren Teilen der Insel Urlaub. „Wir nehmen die Quarantäne für unsere große Tochter in Kauf“, sagt Sabrina aus Remagen, die mit ihrem Mann sowie den zwei Kindern im Alter von sieben Jahren und zehn Monaten in einer Ferienwohnung untergekommen ist. „Wir fühlen uns eigentlich sicher auf Mallorca. Natürlich kommt durch die hohen Inzidenzen ein mulmiges Gefühl auf und wir meiden große Gruppen“, sagt die Deutsche, die geimpft ist.

Ein vorzeitiger Urlaubsabbruch käme aber nicht infrage. „Wir bleiben bis Mitte August. Wir haben uns vorgenommen, mit einem Boot die Insel zu umrunden. Beim ersten Versuch ist die Maschine ausgefallen und wir haben es mit Ach und Krach noch in den Hafen geschafft. Nun nehmen wir den nächsten Anlauf.“

Urlauberin Vanessa ist hingegen froh, dass sie bereits am Montag abreist, also einen Tag vor Inkrafttreten der Hochinzidenzgebietsregeln. „Ich hatte das eigentlich gar nicht richtig auf dem Schirm. Mein Freund und ich sind beide noch nicht komplett geimpft. Wir haben zwar im Anschluss noch eine Woche Urlaub, die wollen wir gewiss aber nicht daheim abhocken“, sagt die Deutsche.

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Für manche Einheimische bringt die Corona-Krise des Tourismus mehr als nur Unannehmlichkeiten. Einer von ihnen ist Fernando Moscardo. Er leitet die beliebte Strandbar „Kokomo“ in Palmas Stadtviertel Cala Mayor. „Am Strand dürfen die Leute machen, was sie wollen. Sie treffen sich in großen Gruppen. Auf meiner Terrasse nur wenige Meter weiter dürfen nur acht Leute an einem Tisch sitzen, in den Innenbereichen gar nur vier“, klagt er.

Obwohl das Restaurant vor allem von Ausländern besucht wird, macht sich der Wirt noch keine großen Sorgen über das Hochinzidenzgebiet. „Unsere Kunden sind in der Regel über 50 Jahre alt und schon geimpft. Ihnen droht keine Quarantäne.“ Während die Bar im Vorjahr rote Zahlen schrieb, läuft der Laden in dieser Saison zumindest kostendeckend.

Im „Carpe Diem“ in Palma hingegen ist für immer das Licht ausgegangen. Die vor allem von Anwohnern besuchte Bar mit familiärer Atmosphäre musste vor einem Monat schließen. „Wasser und Strom wurden mir abgestellt“, sagt die aus Chile stammende bisherige Wirtin Carolina Cucoch-Petraello.

Seit einem Jahr ist sie die Miete schuldig. Der Eigentümer will das Lokal nun verkaufen. Die Chilenin, die dadurch alles verliert, bleibt auf ihren Schulden sitzen. „Ich werde Insolvenz anmelden und einen Neuanfang versuchen. Vielleicht muss ich auch auswandern, um wieder Arbeit zu finden“, sagt die 42-Jährige.

Ein ähnliches Schicksal droht mehr Menschen auf der Insel, befürchtet Heimke Mansfeld von der deutschen Hilfsorganisation Hope Mallorca. Sie hält die Entscheidung der Bundesregierung, Spanien zum Hochinzidenzgebiet zu erklären, für falsch. „Die Krankenhäuser sind nicht ausgelastet. Es ist nicht so, dass die Leute massenhaft sterben.“ Schlimmer sei der wirtschaftliche Kollaps, der durch die ausbleibenden Touristen drohe. „Es wird zu Entlassungen kommen. In der kurzen Saison konnten die Leute kaum Geld ansparen, es drohen Hunger, Elend und eine steigende Kriminalität.“ (dpa)

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