Politisch engagierter Mensch, Pazifist und Provokateur. Tomi Ungerers Werk ist vielseitig. Foto: dpa
© dpa

Der Zeichner und Autor Tomi Ungerer ist tot Milde Monster

Er hat Millionen Kinder bezaubert und Erwachsene unterhalten. Seine Kunst wechselt zwischen bizarr und zärtlich.

In über 50 Jahren hat er an die 150 Bücher veröffentlicht. Da ist es nicht ganz leicht, von einem Lieblingstitel zu sprechen. In diesem Fall sind es auf jeden Fall zwei, die sich spontan einstellen bei der Nachricht von Tomi Ungerers Tod.

Irgendwo müssen sie noch im Regal stehen: „Kein Kuss für Mutter. Eine Geschichte über zu viel oder zu wenig Liebe“ nimmt einen mit der Zeichnung eines trotzig-motzigen Katerchens gefangen. Und auf dem Cover von „Heute hier, morgen fort“ ist es ein großer Hund mit Gummistiefeln und Mütze, der stolz in einem Hauseingang steht.

Versuch als Aussteiger

Zwei Kinderbücher? Das lässt sich bei Tomi Ungerer nicht so sicher sagen. Wenn Bücher für Kinder eine bestimmte Qualität haben, dann vergisst man sie ein Leben lang nicht und trägt sie durch das Erwachsensein wie einen Schatz.

Der Band mit dem Hund in Regenkleidung verrät ein Stück von Ungerers Biografie. In den siebziger Jahren zog er mit seiner Familie auf eine Farm in Neuschottland, Kanada, versuchte sich als Aussteiger und Naturmensch. Es war hart, viele Illusionen platzten. Gemüse ziehen, Vieh schlachten, die Einsamkeit weit draußen: Ungerers Bilder gehen zu Herzen, ohne den Verstand zu vernebeln.

„Warum bin ich nicht du? Philosophische Fragen von Kindern. Beantwortet von Tomi Ungerer“ heißt ein anderer Favorit. Auf dem Cover finden sich zwei Pinguine im ernsten Gespräch. Oder doch nicht so ernst? Auch wenn er Bücher publiziert hat, die man auch als harter Liberaler seinen Kindern nicht unbedingt auf den Nachttisch legt; einige Titel waren in den prüden USA verboten.

1931 wurde er in Straßburg geboren, und immer hat er das elsässische Essen geliebt. Nach dem Zweiten Weltkrieg trieb er sich zu Fuß in Europa herum und landete schließlich in New York. Sein erstes illustriertes Kinderbuch „The Mellops go flying“ wurde 1957 mit einem Preis ausgezeichnet und zum Bestseller. Seine Helden waren Schweinchen. Und das mochte er leidenschaftlich gern: Schweinkram. Bald darauf kam er mit dem Diogenes Verlag in Kontakt, in dem seine deutschen Ausgaben bis heute erscheinen.

Zärtlichkeit und hinterhältige Kraft

Kann man ihn vergleichen? Vielleicht mit Wilhelm Busch oder Edward Lear, aber das trifft das Wesen des Zeichners und Autors Tomi Ungerer nicht wirklich. Sein Strich besitzt Zärtlichkeit, aber auch hinterhältige Kraft – giftig zupackend seine New Yorker Gesellschaftssatire „The Party“. Da ätzte er über jene Kreise, in die er sich hineingearbeitet hatte.

Der erwachsene Ungerer, wenn man es denn so sagen mag, machte Bücher über Sex und Tabus. Eher lustig fällt noch „Das Kamasutra der Frösche“ aus – Tiere sind fast immer dabei –, während Ungerers „Babylon“, für das Friedrich Dürrenmatt ein Vorwort schrieb, an Alfred Kubins Zeichnungen erinnert. Erotomanisches und schlagende Brutalität. Ungerers Höllenvision gleicht einem Pandämonium des Alltags.

Er war ein politisch engagierter Mensch, Pazifist und Provokateur. In einem Interview hat er gesagt: „Das Wort Toleranz benutze ich nicht gern. Es klingt arrogant, ich spreche lieber von Respekt. Respekt vor der Natur, vor den Menschen, vor den Rassen. Wir haben dazu im Europarat einen tollen Slogan: Tous égaux, tous différents, alle sind gleich, alle sind unterschiedlich.“ Sein bekanntestes Bilderbuch , „Drei Räuber“, handelt von einem Trio, das im Stil von Robin Hood ein Heim für unglückliche Kinder gründet; die Zahl der persönlichen Ungerer-Lieblingsbücher wächst weiter. Ungerer hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und bezeichnete sich selbst als Anarchist.

Moralisch? Sexistisch?

Er war umstritten, wurde wegen seiner zum Teil drastischen erotischen Darstellungen als frauenfeindlich kritisiert. An seinem Werk ist abzulesen, wie sehr sich die Zeiten geändert haben, zu Ungerers Lebzeiten sogar mehrfach. Als Kind erlebte er die Nazis im Elsass. Die Unterrichtssprache in der Schule wechselte von Französisch zum Deutsch der Besatzer. In den USA zeichnete er Karikaturen gegen den Vietnamkrieg. Mit dem politischen Protest der Sechzigerjahre ging häufig eine Libertinage einher, die nachher als unmoralisch oder sogar misogyn empfunden wurde. In „Fornicon“ griff er Sexismus und Machismo an, freilich auf eine Art und Weise, die manche Menschen als sexistisch empfanden. Heute stünde er mit solchen Darstellungen sofort unter Macho-Verdacht, würden die Ambivalenzen abgelehnt.

Irland war ihm eine zweite oder auch dritte Heimat, nach Frankreich und den USA. Im Alter von 87 Jahren ist er in der Nacht zu Samstag im Haus seiner Tochter in der irischen Stadt Cork gestorben. „Mein Leben war ein Märchen“, so zog er seine Bilanz, „ein Märchen mit all seinen Monstern.“

Zur Startseite