Fertig verpackt. Der Arc de Triomphe in Paris zieht die Besucher an. Foto: imago images/PanoramiC
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Das posthume Werk von Christo in Paris Eingewickelter Triumph oder verschwenderische Verpackung?

Tanja Kuchenbecker

Genial oder schrecklich - das Publikum in Paris ist hin- und hergerissen von der Verhüllung des Triumphbogens. Bis 3. Oktober ist das jetzt fertige Werk zu sehen.

Der Pariser Triumphbogen am Ende der Prachtstraße Champs-Élysées ist bekannt für die Militärparaden, die dort stattfinden. Touristen stehen immer Schlange, um einen Blick von oben auf die Champs-Élysées zu werfen. Und während der Proteste der Gelbwesten kam es am Triumphbogen zu Ausschreitungen und Zerstörungen. Nun erlebt das Pariser Denkmal eine neue Etappe.

Es ist in Silber und Türkisblau verhüllt, in Polypropylen-Gewebe, ein Material, das sich zum Recycling eignet. Es ist eine posthume Kunstinstallation, die noch von Verpackungskünstler Christo, der im vergangenen Jahr starb, entworfen wurde.

Die Installation wird bis zum 3. Oktober fertiggestellt zu sehen sein. Doch schon Tage vorher sammelten sich dort Schaulustige und beobachten die Arbeiten zur Verhüllung, die Christo ein Leben lang plante. Schon im Jahr 1961 träumte dieser davon, das knapp 50 Meter hohe Denkmal, das 1836 eingeweiht wurde, zu verhüllen.

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Damals wohnte er in Paris und machte die ersten Zeichnungen von dem Bauwerk an der Place Charles de Gaulle, das unter Napoleon I im Jahr 1806 begonnen wurde. Der Triumphbogen sollte die kaiserlichen Armeen ehren. Unter dem Boden liegt das Grabmal des unbekannten Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg mit der täglich gewarteten Ewigen Flamme, im Gedenken an die Toten, die nie identifiziert wurden.

Mit seiner 2009 gestorbenen Frau Jeanne-Claude hat Christo alle großen Projekte entworfen. Trotz des Todes von Christo im Mai 2020 wurde das Projekt ausgeführt. Die Verpackungskunst kostet 14 Millionen Euro und ist von Christo selbst finanziert, betonte Christos Neffe Vladimir Yavachev, der Projektdirektor des Werkes, am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Paris.

Man darf anfassen

Es ist ein Kunstwerk, das man anfassen darf, oben auf der Terrasse wird man sogar darüber laufen können, so wünschte es sich der 1935 in Bulgarien geborene Künstler Christo Vladimirov Javacheff.

Nicht zum ersten Mal hat Christo ein berühmtes Pariser Denkmal eingehüllt. Schon im Jahr 1985 war die alte Brücke Pont Neuf an der Reihe. Das neue Werk in Paris verbindet auch eine Gemeinsamkeit mit dem 1995 eingewickelten Berliner Reichstag.

Am Freitag wurde letzte Hand angelegt, bevor der Triumphbogen in Paris ganz verhüllt war. Foto: imago images/PanoramiC Vergrößern
Am Freitag wurde letzte Hand angelegt, bevor der Triumphbogen in Paris ganz verhüllt war. © imago images/PanoramiC

"Es ist dasselbe Material, in Paris ist es außen silber, innen blau, in Berlin war es außen silber und innen grau", sagte Christos Neffe. Der gesamte Triumphbogen ist mit 25.000 Quadratmeter Material eingehüllt, das seit Tagen von Bauarbeitern mit drei Kilometer Seilen befestigt wurde.

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Das Werk sorgte für einen großen Politikerauflauf. Es schien als ob sich zwei Kandidaten schon mal für den Präsidentschaftswahlkampf dabei warmliefen. Die sozialistische Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die vor einigen Tagen ihre Kandidatur für die Wahlen im kommenden Frühjahr angekündigt hatte, kam morgens zu Pressekonferenz, begleitet von Kulturministerin Roselyne Bachelot.

Präsident Emmanuel Macron selbst dagegen weihte das Werk am Donnerstag nachmittag ein. Hidalgo und Bachelot waren auch dabei. Er ist zwar noch nicht offiziell Kandidat, aber niemand zweifelt mehr daran, dass er einen zweiten Anlauf wagen will. Macron sagte auf dem Dach des Denkmals, ein "verrückter Traum" sei in Erfüllung gegangen und bezeichnete die Installation als "Meisterwerk".

"Es bringt zum Träumen"

Auch Anne Hidalgo würdigte Christo. Sie strahlte bei der Pressekonferenz ins Publikum und sprach von "einer großen Freunde" über das Werk: "Christo hat die Kunst durcheinandergewirbelt und sie neu um uns herum interpretiert." Man könne das mögen oder auch nicht, aber wichtig sei die Reaktion auf ein Werk. Sie sprach über ihre eigene Liebe zu Paris und Christos Liebe zu Paris und betonte über sein neues Werk: "Es bringt zum Träumen".

Roselyne Bachelot wies darauf hin, dass Christos Idee nach 60 Jahren Realität geworden ist. Ein Jahr später als geplant, das Projekt musste wegen der Covid-19-Epidemie verschoben werden. Sie betonte: "Es ist ein Geschenk für alle Pariser, Franzosen und Kunstliebhaber." Es sei auch ein Aufruf zur Freiheit, denn das Werk darf man sogar anfassen. Er habe damit einen " ikonischen Ort unserer Geschichte " verhüllt.

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Schaulustige, die die Arbeiten beobachteten, betonten es sei "unglaublich", "beeindruckend" und "wunderschön" - aber auch "scheußlich und respektlos". Unumstritten ist das Riesenpaket gewiss nicht. In der Tageszeitung "Le Monde" forderte der lange mit Christo befreundete Architekt Carlo Ratti ein Ende der "Ästhetik der verschwenderischen Verpackung".

Auch im Internet gab es zahlreiche kritische Kommentare. Einige hinterfragten den Nutzen dieses Projekts und schrieben schlicht "Warum?" Andere kritisieren die 14 Millionen Euro, die dafür ausgegeben wurden. Und manche zeigten sich auch schockiert über den Mangel an Respekt für ein historisches Denkmal.

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