Eine Frage der Haltung. 18 Millionen Deutsche sind 65 und älter – und können ihr Leben offen und frei gestalten. Foto: imago images / Westend61
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Dankbarkeit ist der Schlüssel zum Glück Volle Fahrt in die zweite Lebenshälfte

Wer alt wird, muss nicht verzweifeln. Das zeigt das Buch von Florian Langenscheidt. Er schreibt aus Erfahrung.

Angst vorm Alter? Muss nicht sein. Recherche macht die schlimmsten Befürchtungen zunichte. Glücksforscher Florian Langenscheidt hat es ausprobiert. Viele Menschen sehen „alt“ als Synonym für „einsam, arm, krank, nicht mehr ernst genommen“. Eine möglicherweise grundfalsche Perspektive. Zusammen mit Koautor André Schulz und Gastbeiträgen von Experten, wie Henning Scherf oder Hajo Schumacher, hat Florian Langenscheidt ein Buch veröffentlicht, in dem das Thema Alter von vielen Seiten aus gründlich ausgeleuchtet wird. Das Ergebnis ist aufmunternd: Alles eine Frage der Haltung.

100 Denkzettel

Ein freundlich empathischer Begleiter für die letzten Lebensjahrzehnte ist entstanden, den man immer mal wieder hervorholen kann, um sich Mut anzulesen. Allein 100 Denkzettel mit Einsichten und Weisheiten, wie man besser mit dem Alter umgehen kann, lockern das Werk auf und laden den Leser ein, innezuhalten und Klischees abzuwerfen wie bösen Ballast. „Wir können entscheiden, ob wir durch all die Jahre des Alterns mit innerer Sonne oder im düsteren Nebel gehen...“, lautet eine.

Ausgefülltes Leben

Mit 65 Jahren blickt Florian Langenscheidt selbst auf ein bislang gut ausgefülltes Leben zurück, nicht nur beruflich. Gab es einen Schwellengeburtstag für ihn, der von Wolken umhüllt war? Der 65., den er gerade im März gefeiert hat, sei schon ein Einschnitt gewesen, sagt er.

Plötzlich sah er das Alter vor der Tür stehen und anklopfen. Insofern sei das Buch auch eine Art Selbsttherapie gewesen. „Da steckt so viel Herzblut, Neugier und Recherche drin, so viel Beschäftigung mit der aktuellen Forschung.“ Es hat ihm tatsächlich geholfen. „Ich habe dadurch die Angst vorm Alter verloren."

Dunkle Momente

Und nein, er möchte nicht nochmal jünger sein – auch wenn er den Wunsch anderer Menschen kennt, die sich vorstellen könnten, noch mal Anfang 20 zu sein. „Ich habe jede Lebensphase voll gelebt mit allen Licht- und Schattenseiten, auch mit den dunklen Momenten und den Enttäuschungen, die dazu gehören.“

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Seine fünf Kinder von zwei verschiedenen Frauen sind im Alter zwischen über 30 und 12 Jahren. Er hat schon früh, trotz eines komplexen Berufslebens auch bei den älteren Söhnen darauf geachtet, sich genug Zeit zu nehmen, hat nichts auf später verschoben. „Das waren meine Prioritäten im Leben.“ Die Kinder hätten ihn jung gehalten – zum Beispiel beim Umgang mit sozialen Medien.

Längste Lebensphase

Das Alter ist die längste Lebensphase, hat er gelernt. Zwischen 60 und 80 Jahre befindet man sich im jungen Alter, in dem noch vieles möglich ist. Nur 15 Prozent der Menschen müssen in dieser Zeit mit gesundheitlichen Einschränkungen leben.

— Florian Langenscheidt, André Schulz: Alt genug, um glücklich zu sein. Wie unser Leben mit jedem Jahr besser wird. Heyne-Verlag, 20 Euro.

Erst danach wird es schwierig. Glücklicherweise hat er ein starkes Vorbild: Seinen Vater, „der mit 99 Jahren immer noch pfeifend spazieren geht“. Dem hat er das Buch gewidmet. Er hofft, dass er auch anderen Menschen damit helfen kann, die Angst vorm Alter zu verlieren.

Weisheit in Asien

In Asien hat Florian Langenscheidt gesehen, dass dort mit Weisheit und Alter positiver umgegangen wird im Vergleich zum Jugendkult hierzulande. Aber er weiß auch, dass jedes junge Unternehmen händeringend nach älteren „Business Angels“ sucht, die helfen können mit Erfahrung und gutem Rat. Auch die Eltern würden ja immer älter, die Kontakte mit ihnen dadurch oft intensiver, weicher, offener.

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Inzwischen sind fast 18 Millionen Deutsche 65 Jahre oder älter. Die Fähigkeit zur Innovation endet zwar bei ungefähr 40 Jahren. Aber im Alter kann man offenbar alles besser einbetten. Auch dazu gibt es einen Denkzettel im Buch: „Das Leben ist wie ein Sessellift: Erst fahren wir hoch und entdecken staunend alles, dann runter und genießen den Überblick und ungeahnte neue Perspektiven“.

Schockvergreisung

Das Wort „Rentenalter“ findet der sprachsensible Autor ganz furchtbar. Lieber ist ihm „nachberufliche Phase“. Und am allerbesten findet er es, wenn man diese so flexibel handhabt, wie es eben geht. „Manche Leute wollen auf der Bank sitzen und in den Sonnenuntergang schauen.“ Für ihn wäre das nichts. Er ist lieber aktiv, genießt es aber auch, mal ausschlafen zu können. Bei gesellschaftlichen Ereignissen ist er präsent, interessiert sich für Kunst und für Mode, engagiert sich sehr erfolgreich für Kinder. Was ihn gelegentlich erschreckt, ist der Anblick einer „Schockvergreisung“. Wenn man Leute, die plötzlich aufhören müssen zu arbeiten, nach einem halben Jahr wiedersieht, dann wirkten sie plötzlich richtig alt.

Glücksfähigkeit

Das Buch enthält zahlreiche konkrete Tipps nicht nur gegen Altersarmut und für gemeinschaftliches Wohnen, sondern auch für eine Haltung, mit der man diese Schockvergreisung gut vermeiden kann. Das Thema Dankbarkeit zieht sich wie ein roter Faden hindurch. Florian Langenscheidt kennt das aus der Glücksforschung. „Wenn ich überprüfen sollte, wie glücksfähig ein Mensch ist, würde ein Punkt reichen. Die Fähigkeit zur Dankbarkeit ist ganz, ganz, ganz wichtig.“

Kaum Gruselbücher

Nervt ihn dann überhaupt irgendetwas am Alter? Lange muss er nicht überlegen. Das Thema Hilfe anzunehmen, sei ein schwieriger Lernprozess. Nach einigen Wortgirlanden kommt heraus, dass er von seiner Tauchleidenschaft eine Hörschwierigkeit davongetragen hat, sich aber offenbar schämt, das nach außen zu zeigen. „Eine Brille ist heute ein Fashion Statement“, sagt er. „In 50 Jahren wird es das Hörgerät vielleicht auch sein.“ Dabei schreibt im Expertenteil der Wirtschaftsingenieur Dirk Stolloff, dass es noch nie so einfach war, eine Hörminderung auszugleichen.

Vor Florian Langenscheidt stehen während des telefonischen Interviews ungefähr 35 Bücher über das Alter, darunter aber nur vier Gruselbücher. Er steht zu seiner optimistischen Grundhaltung: „Das Alter ist besser als sein Ruf.“

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