An Silvester und Neujahr wird in Deutschland ein bundesweites An- und Versammlungsverbot gelten. Foto: dpa/Angelika Warmuth
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Böllerverbot 2021 im Faktencheck Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Silvester ohne Feuerwerk

Das zweite Jahr in Folge gilt in Deutschland ein Verkaufsverbot von Böllern. Für wen ist das ein Vorteil? Die Faktenlage.

Es knallt, es zischt und es strahlt heller als die Sterne: das Feuerwerk. Neben Sekt und Pfannkuchen gehört es für die Deutschen zum Jahreswechsel dazu. Feuerwerk ist Tradition sagen die einen, Gefahr und Unsinn sagen die anderen.

Schon seit Jahren kritisieren Umweltschützer die Klimabilanz der Böller. Auch Notaufnahmen wünschen sich eine Entlastung von den vielen durch Feuerwerkskörper eingelieferten Verletzten. Gerade jetzt, wo Corona-Patienten die Intensivstationen füllen. Knaller-Fans hingegen widersprechen solchen Vorwürfen.

Doch wie sehen die Fakten aus? Welche Auswirkungen hat ein Verkaufsverbot von Böllern? Und für wen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie gesundheitsschädlich sind Knaller?

Wo Rauch ist, da ist auch ... Feinstaubbelastung. Und diese Partikel können bei höherer Konzentration in der Luft zu verschiedenen Atemwegserkrankungen führen. Die Luftbelastung mit Feinstaub zum Jahreswechsel trage zu Lungen- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei. Das betonte Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe auf einer Pressekonferenz im November.

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Pro Jahr würden durch Feuerwerkskörper rund 2000 Tonnen Feinstaub erzeugt. Insgesamt macht das knapp ein Prozent der Gesamtbelastung in Deutschland aus, für die das Silvesterfeuerwerk verantwortlich ist.

Innerhalb einer Stunde entstehen so Spitzenwerte von bis zu 900 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft durch abgebrannte Feuerwerkskörper. Der Grenzwert liegt jedoch bei 50 Mikrogramm.

Resch verwies auf der Pressekonferenz auf einen Bericht der EU-Umweltagentur EEA, nach dem allein in Deutschland jährlich zehntausende Menschen vorzeitig wegen einer hohen Feinstaubbelastung der Luft sterben. 2019 seien dies 54.000 Menschen gewesen, so die EEA. Insgesamt habe es aber einen Rückgang der Zahl der Toten durch Feinstaub in den vergangenen Jahren in Europa gegeben, weil sich die Luftqualität verbessert habe.

Auch der Augenarzt Andreas Reuland und Lungenarzt Norbert Mülleneisen verwiesen auf der Pressekonferenz im November auf weitere gesundheitliche Probleme, die durch Feuerwerkskörper verursacht werden. So würden jedes Silvester etwa 500 Menschen in Deutschland durch Feuerwerk an den Augen verletzt, davon hundert schwer, sagte Reuland. Mülleneisen berichtete von Asthmatikern, die teilweise noch eine Woche nach dem Jahreswechsel Anfälle hätten.

Feinstaub schädigt unsere Lunge und bei uneingeschränktem Silvester-Knallen wird unsere Gesundheit einem unnötig hohen Risiko ausgesetzt, Atemwegserkrankungen werden begünstigt.

Füllen sich in der Silvesternacht die Intensivstationen?

Aktuell schwinden die Kapazitäten an freien Betten auf den Intensivstationen in Deutschland. In einigen Bundesländern sind weniger als zehn Prozent der Betten noch frei, wie beispielsweise in Sachsen-Anhalt (8,9 Prozent) oder Hessen (8,7 Prozent). Das zeigen Daten der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi).

Die Angst, die Kapazitäten würden in der Silvesternacht nun nicht mehr ausreichen, da viele Betten mit Covid-Patienten belegt sind, ist groß. Deshalb haben Bund und Länder ein Verkaufsverbot für Raketen und Böller beschlossen. Hauptsächlich geht es also darum, dass an Kapazitätsgrenzen kommende Kliniken nicht noch mit zusätzlichen Unfallopfern durch nicht sachgemäßen Umgang mit Feuerwerkskörpern belastet werden.

Für Thomas Schreiber, Vorsitzender des Verbands der Pyroindustrie (VPI), liegt das Problem nicht am Feuerwerk selbst, sondern am Alkoholkonsum. „Nicht das Silvesterfeuerwerk führt dazu, dass in den Notaufnahmen zum Jahreswechsel mehr los ist – sondern übermäßiger Alkoholgenuss und illegale Feuerwerksprodukte.“

Statt des Verbotes sieht er „gerade im privaten, im kleinen Feuerwerkserlebnis mit Freunden und Familie eine gute Möglichkeit, Menschenaufläufe zu minimieren“, so Schreiber. Aus jahrzehntelanger Erfahrung und Beobachtung des Silvestergeschehens wisse man beim VPI: „Stürze, Schlägereien, Schnittwunden und letztlich auch Unfälle durch unsachgemäßen Umgang mit Feuerwerk sind zumeist auf zu hohen Alkoholkonsum zurückzuführen“, erklärt Schreiber weiter.

Erfahrungen aus den vergangenen Silvester-Abenden in einem Berliner Krankenhaus sehen so aus: Auf Tagesspiegel-Nachfrage erklärte das BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin (UKB), dass bei den Jahreswechseln bis 2019/20 – also vor der Corona-Pandemie – durchschnittlich 50 bis 75 Patienten mit Sprengkörperverletzungen versorgt wurden. „Darunter waren in der Regel zehn bis 15 schwere Verletzungen, wie Brandwunden und Amputationen von Fingern oder Händen.“

Beim Jahreswechsel 2020 zu 2021, bei dem es bereits ein Verkaufsverbot gab, wurden „nur“ rund zehn Patienten mit Böllerverletzungen versorgt, darunter drei schwerere, teilt das Unfallkrankenhaus mit.

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„Wir vermuten, dass die Einschränkung des Verkaufs von Feuerwerkskörpern und die Einrichtung von Böllerverbotszonen auch in diesem Jahr die Anzahl von Verletzungen und damit die Anzahl der durch Feuerwerkskörper schwer verletzten Patienten, die in die Rettungsstelle des UKB kommen werden, reduzieren werden.“

Ob also durch übermäßigen Alkoholkonsum, unsachgemäßen Umgang mit Feuerwerkskörpern oder durch eine Kombination aus beidem: Intensivstationen haben zu Silvester alle Hände voll zu tun. Ein Verkaufsverbot von Feuerwerkskörpern oder beispielsweise für Alkohol können für Entlastung der Intensivstationen sorgen.

Befeuert das Verkaufsverbot für Raketen und Böller die Verbreitung von Corona?

„Beim Atmen entsteht Luft mit Partikeln, in der auch Viren enthalten sein können. Diese schweben dann durch die Luft. Wenn jemand mir direkt gegenübersitzt, bin ich der Wolke direkt ausgesetzt. Ganz besonders in Innenräumen. Innen ist der kritische Bereich.“ Das sagte Christof Asbach, Aerosolforscher, schon im April in einem Interview dem Tagesspiegel. Geändert hat sich daran nichts.

[Mehr zum Thema: „Die Aerosolwolke ist dann wie eine Wand“ - Aerosolforscher erklärt, wie man sich in Innenräumen richtig vor Corona schützt (T+)]

Mit dem Verkaufsverbot für Raketen und Böller sollen auch zu große Menschenansammlungen an Silvester verhindert werden. Nicht abzustreiten ist, dass auch die Wahrscheinlichkeit sich im Freien anzustecken, spätestens mit der Delta-Variante des Coronavirus anstieg.

Mit Festivals, Fußballspielen, religiösen Zusammenkünften oder Veranstaltungen an Silvester gehen also auch Ansteckungsgefahren einher. Doch die Gefahr, das Virus in Innenräumen zu verteilen, ist bis zu 20 mal höher, sagt Aerosol-Experte Gerhard Scheuch.

Versammlungsverbote hält der Aerosolforscher demnach für kontraproduktiv: „Weil diese Versammlungen dann natürlich in Innenräumen stattfinden werden und wir wissen, dass die Ansteckungsgefahr in Innenräumen um ein Vielfaches höher ist als draußen.“ Die Daten zeigten dies eindeutig.

Wir müssen uns mehr um die Lufthygiene in den Innenräumen kümmern, wir müssen aufpassen, dass wir uns drinnen nicht anstecken, wir müssen die Menschen sensibilisieren, dass sie in Innenräumen vorsichtiger sind - dass sie sich mit weniger Leuten treffen, die Treffen kürzer gestalten, mehr die Fenster aufmachen und lüften und eben eigentlich auch mehr ins Freie gehen.“

Die Ausbreitungsgefahr des Coronavirus steigt also - und da herrscht Einigkeit unter den Forschern - in Innenräumen. Kleine Feiern mit weniger Leuten und intervallartiges Lüften sind also angesagt. Große Menschenansammlungen sind zu vermeiden.

Sind Feuerwerkskörper klimaneutral?

Der Feinstaub hat für die klimarelevante CO2-Bilanz keinerlei Relevanz. Jedoch wird bei der Explosion durchaus Kohlenstoffdioxid freigesetzt. Laut Angaben des Verbandes der pyrotechnischen Industrie sind es bei einem Großfeuerwerk etwa 15 Kilogramm. Das ist verglichen mit anderen Klimabelastungen wie etwa der Automobilindustrie nicht viel. Hier sind es bereits bei einer Strecke von 20 Kilometern mit einem Diesel-Motor drei Kilogramm CO2.

Genau wie aber die eine oder andere private Autofahrt eingespart werden kann, könnte auch auf Silvesterfeuerwerk verzichtet werden. Ein weiteres Argument der Klimaschützer ist der weite Transportweg der Feuerwerkskörper. Denn ein Großteil der Produkte wird aus China importiert.

Verdreckter Straßenrand am Neujahrsmorgen am U-Bahnhof Alt Mariendorf. Foto: imago images/Marius Schwarz Vergrößern
Verdreckter Straßenrand am Neujahrsmorgen am U-Bahnhof Alt Mariendorf. © imago images/Marius Schwarz

Genauso stark verbreitet wie der Brauch selbst ist mittlerweile aber auch die Angewohnheit, den Müll der Böller einfach auf der Straße liegen zu lassen. Die enthaltenen Chemikalien können so in Boden und Grundwasser sickern und dieses verunreinigen.

Sterben Tiere an Silvester oder werden geschädigt?

Silvesterfeuerwerk verursacht „großflächige Störungen in beinahe jedem siedlungsnahen Ökosystem in Deutschland“, erklärt Artenschutzexperte Ansgar Poloczek vom Naturschutzbund Berlin. „Wir plädieren für einen sorgfältigen Einsatz derartiger Unterhaltungsmittel und einen deutlich eingeschränkten privaten Gebrauch.“ Einzelne öffentliche Feuerwerke an geeigneten Plätzen hält Poloczek für sinnvoller als übermäßiges privates Zünden von Böllern und Raketen.

Besonders Vögel würden von dem Lärm der Feuerwerkskörper dauerhaft verschreckt und kehren instinktiv nicht zu diesem lauten Ort zurück. „Gerade in der Brutzeit können dadurch komplette Arten aussterben, da die Fortpflanzung ohne sichere Brutstätte nicht stattfindet“, erklärt Poloczek.

Grundsätzlich sei von einer ähnlichen Gefährdung von vielen Tiergruppen auszugehen, vor allem bei Säugetieren. „Hier lassen sich die Auswirkungen von Feuerwerk aus Beobachtungen von Haustieren ableiten, die oftmals panisch reagieren.“ Hier sei von einer erhöhten Gefährdung durch gesteigerten Energieverbrauch im Winter und unkontrollierte Schreckreaktionen auszugehen, erklärt der NABU auf Tagesspiegel-Nachfrage.

Wird das Verbot Jobs kosten?

Die Sorge ist vor allem bei den Herstellern der Feuerwerkskörper groß. Ingo Schubert, Vorstand des Bundesverband Pyrotechnik (BVPK), sagte jüngst, dass das angekündigte Verkaufsverbot von Silvesterfeuerwerk das Ende zahlreicher Unternehmen besiegele und eine ganze Branche in den Ruin treibe. Bereits im letzten Jahr hätten viele Firmen Insolvenz anmelden müssen.

Feuerwerksraketen explodieren in der Silvesternacht am 01.01.2018 über der Frauenkirchen und der Innenstadt von München (Bayern). Foto: dpa/Matthias Balk Vergrößern
Feuerwerksraketen explodieren in der Silvesternacht am 01.01.2018 über der Frauenkirchen und der Innenstadt von München (Bayern). © dpa/Matthias Balk

Auch nach Einschätzung weiterer Böller-Hersteller bedeutet das Verbot „mit aller Wahrscheinlichkeit den Todesstoß für die gesamte Feuerwerksbranche in Deutschland“. Den 3000 Beschäftigten der Branche drohe die Arbeitslosigkeit, warnte der Verband der pyrotechnischen Industrie (VPI) am Donnerstag. „Mit der Entscheidung gegen Feuerwerk haben Bund und Länder auf Basis von falsch gesetzter Panik riskiert, dass es jetzt endgültig aus sein könnte für unsere Branche“, sagte der VPI-Vorsitzende Thomas Schreiber.

Wegen des pandemiebedingten Verkaufsverbots für Feuerwerke Ende 2020 geriet das Weco-Werk in Freiberg erstmals in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Jetzt, ein Jahr später, hat Weco die Schließung des Werks angekündigt. Noch im Dezember sollen die Kündigungen an die Belegschaft verschickt werden.

Das Unternehmen habe sich mit dem Betriebsrat auf einen Sozialplan für die rund 100 Beschäftigten verständigt, sagte ein Sprecher des Pyrotechnik-Unternehmens Weco am Montag wie das „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ (RND) berichtet. Im Laufe des Monats sollen die Kündigungen ausgesprochen werden.
Begründet wurde der Schritt mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten nach dem Verkaufsverbot von Feuerwerk Ende 2020. Dem Verkaufsverbot für Feuerwerk und Böller auch in diesem Jahr kann das Unternehmen nicht mehr standhalten.

Zum Jahreswechsel von 2020 auf 2021 konnte die Feuerwerksbranche in Deutschland ein Umsatz in Höhe von rund 20 Millionen Euro erzielen. 2019 verzeichnete die Branche nach Verbandsangaben noch rund 130 Millionen Euro Umsatz.

Während die Umsätze mit pyrotechnischen Produkten an Silvester zwischen den Jahren 2004 bis 2017 stetig gestiegen waren, gingen sie im Jahr 2018 erstmals zurück. Schon im vergangenen Jahr forderte Schreiber aufgrund der Corona-Maßnahmen „gesonderte Hilfsgelder, um die 3000 Einzelexistenzen in der Branche zu sichern“.

Fördert das Verkaufsverbot den Kauf von illegaler Pyrotechnik?

Auch hier sieht der BVPK die Gefahr, dass durch das Verkaufsverbot vermehrt Feuerwerkskörper aus dem europäischen Ausland gekauft werden, die in Deutschland nicht zugelassen sind.

„Solange die Behörden dagegen nicht effektiv angehen können, dürfte das Verbot von geprüftem und sicherem Feuerwerk eher eine Belastung für das Gesundheitssystem bedeuten denn eine Entlastung“, so Schubert. (mit Agenturen)

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