Der mittlerweile emeritierte Papst Benedikt XVI., 2013 Foto: Michael Kappeler/dpa
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Update „Bilanz des Schreckens“ Papst Benedikt in Münchner Missbrauchsgutachten schwer belastet

Benedikt habe als Erzbischof nichts gegen des Missbrauchs beschuldigte Kleriker unternommen, teilten die Gutachter mit. Der emeritierte Papst will das prüfen.

Ein Gutachten lastet dem emeritierten Papst Benedikt XVI. Fehlverhalten im Umgang mit vier Fällen von sexuellem Missbrauch während seiner Zeit als Erzbischof des Bistums München und Freising an. Das sagte der Jurist Martin Pusch am Donnerstag bei der Vorstellung des vom Erzbistum in Auftrag gegebenen Gutachtens in München. In allen Fällen habe Benedikt – damals Kardinal Joseph Ratzinger – ein Fehlverhalten strikt zurückgewiesen.

Der emeritierte Papst war von 1977 bis 1982 Erzbischof von München und Freising. Er habe umfangreich Stellung zu den Vorwürfen genommen, betonte Pusch. Dies sei im Wortlaut Teil des Gutachtens enthalten.

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Kritiker werfen Ratzinger schon seit geraumer Zeit Fehlverhalten vor – konkret beim Umgang mit einem Priester aus Nordrhein-Westfalen. Der Mann soll vielfach Jungen missbraucht haben und wurde zur Amtszeit Ratzingers aus NRW nach Bayern versetzt, wo er rechtskräftig wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde und immer wieder rückfällig geworden sein soll.

Allein der Fall aus Nordrhein-Westfalen macht 370 Seiten des insgesamt mehr als 1700 Seiten starken, vom heutigen Erzbischof Kardinal Reinhard Marx in Auftrag gegebenen Gutachtens aus.

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Marx selbst halten die Anwälte Fehlverhalten im Umgang mit zwei Verdachtsfällen von sexuellem Missbrauch vor. Es gehe dabei um Meldungen an die Glaubenskongregation in Rom. Marx war bei der Vorstellung nicht anwesend.

Benedikt spricht von „Scham und Bedauern“

Auch Ratzingers direktem Nachfolger als Münchner Erzbischof, Kardinal Friedrich Wetter, wirft das Gutachten, das den Zeitraum zwischen 1945 und 2019 untersucht hat, Fehlverhalten in 21 Fällen vor. Wetter habe die Fälle zwar nicht bestritten, ein Fehlverhalten seinerseits aber schon, sagte Pusch. Sein Kollege, der Anwalt Ulrich Wastl, sprach von einer „Bilanz des Schreckens“.

Der heute 94 Jahre alte Benedikt bedauert nach den Worten seines Privatsekretärs Georg Gänswein den Missbrauch von Kirchenbediensteten an Minderjährigen. Benedikt drücke wie bereits mehrmals zuvor „seine Scham und sein Bedauern“ aus und erneuere „sein Gebet für alle Opfer“, zitierte das Medienportal „Vatican News“ Gänswein am Donnerstag.

Dem Münchner Erzbischof Kardinal Friedrich Wetter wirft das Gutachten Fehlverhalten in 21 Fällen vor. Foto: Frank Mächler/dpa Vergrößern
Dem Münchner Erzbischof Kardinal Friedrich Wetter wirft das Gutachten Fehlverhalten in 21 Fällen vor. © Frank Mächler/dpa

Benedikt wolle das Gutachten in den kommenden Tagen studieren und prüfen, erklärte Kurienerzbischof Gänswein weiter. Seine 82 Seiten lange Stellungnahme ist im Anhang des Gutachtens zu lesen, das inzwischen auf der Internetseite der Kanzlei veröffentlicht wurde. Für den Vatikan kündigte der Sprecher des Heiligen Stuhls, Matteo Bruni, ebenfalls an, sich die Ergebnisse genau anschauen zu wollen.

Die Studie listet mindestens 497 Opfer auf. Dabei handele es sich überwiegend um männliche Kinder und Jugendliche, die in den Jahrzehnten des Untersuchungszeitraums zu Opfern wurden, teilte die Kanzlei mit. Mindestens 235 mutmaßliche Täter gab es laut der Studie – darunter 173 Priester und 9 Diakone. Allerdings sei dies nur das sogenannte Hellfeld. Es sei von einer deutlich größeren Dunkelziffer auszugehen.

Kardinal Marx zeigte sich in einer ersten Stellungnahme „erschüttert und beschämt“. Gespräche mit Betroffenen hätten bei ihm dazu geführt, seine Kirche heute in einem anderen Licht zu sehen: „Für mich haben die Begegnungen mit Betroffenen sexuellen Missbrauchs eine Wende bewirkt. Sie haben meine Wahrnehmung der Kirche verändert und verändern diese auch weiterhin“, sagte Marx.

Als heutiger Erzbischof von München und Freising fühle er sich „mitverantwortlich für die Institution Kirche in den letzten Jahrzehnten“ und bitte „im Namen der Erzdiözese um Entschuldigung für das Leid, das Menschen im Raum der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten zugefügt wurde“.

Reinhard Marx, heutiger Kardinal im Erzbistum München und Freising. Foto: dpa/Sven Hoppe Vergrößern
Reinhard Marx, heutiger Kardinal im Erzbistum München und Freising. © dpa/Sven Hoppe

Der Sprecher der Opferinitiative „Eckiger Tisch“, Matthias Katsch, sprach in einer Stellungnahme von einer „historischen Erschütterung“ der katholischen Kirche.

Das Gutachten kommt auch zu dem Schluss, dass viele Priester und Diakone auch nach Bekanntwerden entsprechender Vorwürfe weiter eingesetzt worden seien. 40 Kleriker seien ungeachtet dessen wieder in der Seelsorge tätig gewesen beziehungsweise dies sei geduldet worden. Bei 18 davon erfolgte dies sogar nach „einschlägiger Verurteilung“, wie Rechtsanwalt Martin Pusch sagte. Insgesamt seien bei 43 Klerikern „gebotene Maßnahmen mit Sanktionscharakter“ unterblieben.

Auch heute geht die Kirche nicht auf Opfer zu

Das neue Gutachten stellt der katholischen Diözese weiterhin ein schlechtes Zeugnis aus. Auch in jüngster Zeit habe kein „Paradigmenwechsel“ mit dem Fokus auf die Betroffenen stattgefunden, sagte Pusch.

„Bis in die jüngste Vergangenheit und teils auch heute noch begegnen Geschädigte Hürden.“ Ein aktives Zugehen auf die Opfer gebe es nicht. Pusch sieht ein „generelles Geheimhaltungsinteresse“ und den „Wunsch, die Institution Kirche zu schützen“.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, warf der katholischen Kirche nach der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens „kalten Pragmatismus“ vor. Auch nach zehn Jahren im Amt habe ihm das Gutachten fast die Sprache verschlagen, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Irme Stetter-Karp, die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken – der Vertretung der sogenannten Laien – schrieb in einer Mitteilung: „Auch im Jahr 2022 heißt die bittere Realität: Das System der Vertuschung, des Vergessens und der schnellen Vergebung ist nicht aufgebrochen worden.“ (dpa)

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