Weil der Nachwuchs fehlt, altert die Gesellschaft immer stärker. Das verschärft den Fachkräftemangel in diversen Branchen. Foto: imago
© imago

Bevölkerungszahl geht zurück „Wir werden alle noch länger arbeiten müssen“

Deutschlands Bevölkerungszahl stagniert nach langer Zeit wieder. Der Sozialwissenschaftler Jürgen Flöthmann sieht keinen anderen Ausweg als ein späteres Renteneintrittsalter.

Seit 2011 ist Deutschlands Bevölkerung erstmals nicht mehr gewachsen – die Zahl blieb nahezu unverändert bei 83,2 Millionen, wie das Statistische Bundesamt am Montag mitteilte. Gründe dafür seien vor allem mehr Tote im Zuge der Corona-Pandemie und weniger Zuwanderung. Ein näherer Blick in die Zahlen offenbart, dass die Bevölkerung sogar leicht geschrumpft ist, und zwar um 12.000 Einwohner. 

Jürgen Flöthmann ist Bevölkerungsforscher an der Universität Bielefeld und erklärt dem Tagesspiegel: „Es mag erstmal alarmierend klingen, dass die deutsche Bevölkerung seit 2011 nicht gewachsen ist. Aber der Wendepunkt bei der Bevölkerungsentwicklung liegt bereits lange zurück.“ Seit Anfang der 1970er Jahre reichten die Geburten hierzulande nicht mehr aus, um die Bevölkerungszahl konstant zu halten, weil mehr Menschen stürben. „Daher ist es nicht überraschend, wenn die Bevölkerungszahl jetzt leicht zurückgegangen ist.“

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Dass in den letzten Jahrzehnten dennoch mehr Menschen hinzugekommen sind, geht laut Flöthmann auf diverse Zuwanderungswellen zurück: Zum Beispiel auf den Zuzug von Geflüchteten im Jahr 2015 oder von Spätaussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion Anfang der 90er Jahre.

Wie könnte sich die Bevölkerung also in Zukunft entwickeln? „Das kann keiner mit Sicherheit vorhersagen“, sagt Flöthmann. Aber egal, von welchen Zu- und Abwanderungen man ausgehe, sei klar: „Der Trend zeigt bei der Bevölkerungszahl langfristig nach unten.“ 

Alter ist wichtiger als Bevölkerungszahl

Dem Sozialwissenschaftler zufolge ist weniger die Bevölkerungszahl entscheidend als die Altersstruktur: „Die Lebenserwartung ist in der Vergangenheit immer weiter gestiegen, während die Geburtenzahlen zurückgingen. Das wird immer mehr wirtschaftliche Probleme verursachen, weil uns der Nachwuchs in personalintensiven Bereichen wie beispielsweise in der Pflege oder bei der Polizei fehlen könnte.“ Damit werde sich der Fachkräftemangel in unterschiedlichen Branchen auch in Zukunft verschärfen.

Gerade bei körperlich anstrengenden Berufen wie in der Dachdeckerei ist ein längeres Arbeitsleben häufig nicht mehr möglich. imago/Jochen Tack Vergrößern
Gerade bei körperlich anstrengenden Berufen wie in der Dachdeckerei ist ein längeres Arbeitsleben häufig nicht mehr möglich. © imago/Jochen Tack

Für Flöthmann gibt es dafür nur einen Ausweg: „Arbeitnehmer werden noch länger arbeiten müssen – es fragt sich nur, wie viel länger.“ Die große Koalition aus CDU und SPD hat erst Anfang Juni Vorschläge nach einem höheren Renteneintrittsalter abgelehnt. Regierungsberater hatten die Idee in ein Gutachten eingebunden, in dem von „schockartig steigenden Finanzierungsproblemen in der gesetzlichen Rentenversicherung“ ab dem Jahr 2025 die Rede ist.

[Mehr aus der Hauptstadt. Mehr zu Politik und Gesellschaft. Und mehr Nützliches für Sie. Das gibt's nun mit Tagesspiegel Plus: Jetzt 30 Tage kostenlos testen.]

Allerdings wird die Haltung der Bundesregierung den Realitäten der Bevölkerungsentwicklung nicht gerecht, findet Flöthmann. „Gerade die älteren Bevölkerungsschichten sind in den vergangenen Jahrzehnten im Schnitt immer gesünder geworden, deshalb ist ein längeres Arbeitsleben grundsätzlich möglich.“ Doch er sagt auch: „Manche Berufsgruppen werden nicht noch länger arbeiten können. Dazu zählen zum Beispiel Krankenpfleger, die in ihrem Arbeitsalltag besondere psychische oder körperliche Belastungen schultern müssen.“ 

Experte plädierte für Rente abhängig von Berufsgruppe

Arbeitnehmer in solchen Berufen könnten bereits Anfang 60 körperlich oder psychisch ausgelaugt sein, „da darf die Politik auch nicht noch mehr Druck ausüben, weil diese Menschen bereits ihre Arbeitskraft für die Gesellschaft geleistet haben.“

Menschen, die hingegen etwa in der Wissenschaft arbeiteten, hätten eher die Kapazität, noch länger erwerbstätig zu sein. „Am Ende muss es abhängig sein von der Art der Tätigkeit, wann ein Mensch in die Rente gehen darf“, sagt Flöthmann. „Es gibt allerdings viele Menschen, die im Ruhestand weiter tätig sein wollen – denen sollte man auch die Möglichkeit geben, das zu tun.“

Die neuen Bevölkerungszahlen stützen das Bild der alternden Gesellschaft: Trotz erhöhter Sterblichkeit in der Pandemie stieg die Zahl der Hochbetagten ab 80 Jahren um 4,5 Prozent auf 5,9 Millionen Senioren. Auch die Altersgruppe zwischen 60 und 79 wuchs um 0,5 Prozent auf 18,2 Millionen. 

Gleichzeitig schrumpfte die Altersgruppe zwischen 20 und 59 Jahren auf 43,7 Millionen Menschen. Insgesamt stieg der Altersdurchschnitt um 0,1 auf 44,6 Jahre. Das Statistische Bundesamt hat auch regionale Unterschiede offengelegt: 2020 verlor Berlin im Vergleich zum Vorjahr 5000 Einwohner, die vor allem nach Brandenburg gezogen sind. Während die westdeutschen Bundesländer mit 24.000 mehr Einwohnern leicht zugelegt haben, ist die Bevölkerungszahl in Ostdeutschland weiter um 30.000 gesunken.

Zur Startseite