Der Balaton bot Generationen Sonne, Wasser und Glück. In Aliga könnte das jetzt in Gefahr sein. Foto: Judith Langowski
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Balaton in Oligarchenhand Eiserner Vorhang am Meer der Ungarn

Der Kampf um die Strände des Balaton währt seit Jahrzehnten. Nach 1989 engagierten sich die Anwohner für einen freien Zugang. Jetzt ist er wieder in Gefahr.

Mária Veres schaut über den See und die weiß-marineblauen Yachten. „Sie haben es schließlich nicht verkauft. Wir waren ja da“, sagt sie. Veres ist 70 Jahre alt und voller Energie. Kurze, blonde Haare leuchten um ihr braun gebranntes Gesicht. Seit sie zwölf Jahre alt war, verbringt sie ihre Sommer am liebsten in Balatonaliga, kurz Aliga, einem kleinem Dorf am südöstlichen Zipfel des Plattensees.

Der Ferienort zählt im Winter 1200 Einwohner, im Juli und August zieht er zehnmal so viele Menschen an. Urlauber, die stickige Großstadtluft eintauschen gegen das warme, seichte Wasser des Sees und Lángos, frittierte Fladenbrote, auf der Liegewiese essen.

Aliga ist beliebt, weil es nur 70 Kilometer von der Hauptstadt Budapest entfernt liegt. Der erste Halt am See mit dem Zug. Die Trasse teilt die Steilküste auf halber Höhe, aus den Waggonfenstern eröffnet sich ein weiter Blick über das Wasser, das „Meer der Ungarn“, in leuchtendem Türkisblau. Bei klarem Wetter scheinen die Hügel des Bakony-Gebirge grün von der gegenüberliegenden Küste herüber.

Der freie Zugang zum Strand ist nicht selbstverständlich

Die Urlauber kommen auch wegen des „Club Aliga“, einem 47 Hektar großen Resort unterhalb der Steilküste. Die Strandwiese ist weitläufig und gepflegt, geeignet für Familien mit Kindern. Es gibt eine Fressmeile mit Frittierbuden und Eisständen und schlichte, aber günstige Hotels. Für Ferienhausbesitzer ist der Zugang zum Strand kostenlos.

Mária Veres sitzt auf einem der roten Plastikstühle unter den roten Schirmen des „Retro“-Bistro im Club. Sie kennt die Geschichte des Ortes gut. Sie hat sie mitgestaltet. 1965 kauften ihre Eltern in Aliga ein Ferienhaus. Seit sie Rentnerin ist, zieht Veres sechs Monate im Jahr von Budapest hierher. Jeden Morgen kommt sie zum Club Aliga und schwimmt eine Runde im See. Sie genießt es, mit ihrer Enkelin auf dem Spielplatz zu spielen. Sie weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Fast zwanzig Jahre lang hat sie dafür gekämpft.

Mária Veres setzt sich seit 30 Jahren für den freien Seezugang ein. Foto: Judith Langowski Vergrößern
Mária Veres setzt sich seit 30 Jahren für den freien Seezugang ein. © Judith Langowski

1948 entdeckte der damalige sozialistische Staatschef Ungarns, Mátyás Rákosi, das bewaldete Gelände unter der Aligaer Steilküste für sich. Bald darauf erklärte die Kommunistische Partei das Anwesen zum Erholungsort für ihre Funktionäre und Familien. Dorfbewohner und andere Urlauber, wie die Familie Veres, mussten sich fortan ein kleines Strandstück teilen, etwa 130 Meter lang. „Der See war von uns abgesperrt“, sagt Veres über diese Zeit.

Aliga I für normale Funktionäre, Aliga II für die wichtigen Staatsmänner

Zwei Kilometer Strand waren der Partei vorbehalten und wurden zweigeteilt: Aliga I, zugänglich für normale Parteifunktionäre, bot günstigen Urlaub mit Vollpension und Segelkursen. Jeder sozialistische Betrieb, von Universitäten bis zu Schlachthöfen, hatte für seine Arbeiter solche Erholungsorte. Aber Aliga war exklusiv: Im Freiluftkino wurden Filme vor der Budapester Premiere gezeigt, im Laden gab es Lebensmittel erster Klasse.

Lief man die Strandpromenade Richtung Nordwesten, gelangte man zu Wachposten des Bereichs Aliga II, für die wirklich wichtigen Männern des Landes. Mitglieder des Zentralkomitees hatten hier ihre Villen. János Kádár, Ungarns Staatspräsident bis 1989, liebte die Ruhe seiner „Villa IV“, im Sommer ließ er sich fast jedes Wochenende von Budapest hierhin fahren. Eine weiße Holzbrücke führte von seinem Strand auf die eigens für ihn gebaute Fischerinsel.

Die ehemaligen Bonzenvillen verfallen

Nur eine Ahnung der Eleganz von einst. Die Gebäude, in denen früher die Funktionäre logierten, sind mittlerweile völlig heruntergekommen und geplündert. Foto: Judith Langowski Vergrößern
Nur eine Ahnung der Eleganz von einst. Die Gebäude, in denen früher die Funktionäre logierten, sind mittlerweile völlig heruntergekommen und geplündert. © Judith Langowski

Stakt man jetzt durch kniehohes Gras die verfallenen Treppenstufen hoch zur Kádár-Villa, hält einen nur noch ein „Betreten auf eigene Gefahr“-Schild davon ab, vorsichtig durch die zerbrochenen bodentiefen Fenster der Bauhausvilla zu klettern. Wertgegenstände wurden schon von früheren Besuchern mitgenommen. Die Sitzgarnitur, eine Couch und zwei Sessel, steht noch unverrückt da. Nur der Cordbezug hat ein staubiges Schimmelgrün angenommen.

Wertsachen wurden aus den Villen entfernt, die Cordbezüge und Wände haben ein schimmelgrün angenommen. Foto: Judith Langowski Vergrößern
Wertsachen wurden aus den Villen entfernt, die Cordbezüge und Wände haben ein schimmelgrün angenommen. © Judith Langowski

Die anderen Funktionärsvillen verfallen ähnlich. Nur eine, mit markanten Säulen, am Ende der Promenade gelegen, ist saniert. Sie war für die Prominenz aus sozialistischen Bruderstaaten bei sommerlichen Ungarnbesuchen reserviert, Erich Honecker kam für ein paar Tage und auch Äthiopiens Kaiser Haile Selassie entspannte am See. Oben an der Steilküste wachten Soldaten mit Maschinengewehren über die wichtigen Gäste. 1972 besuchte Fidel Castro Aliga. Er stahl sich mit einem Fahrrad vom Gelände und erkundete das Dorf ohne Bewachung, wie eine beliebte Anekdote lautet.

Im Juni 1972 machte Fidel Castro bei seinem Ungarnbesuch – hier mit János Kádár – auch eine Bootstour auf dem Balaton. Später soll er sich eigenmächtig mit einem Fahrrad aus der streng bewachten Unterkunft am See entfernt haben. Foto: laif Vergrößern
Im Juni 1972 machte Fidel Castro bei seinem Ungarnbesuch – hier mit János Kádár – auch eine Bootstour auf dem Balaton. Später soll er sich eigenmächtig mit einem Fahrrad aus der streng bewachten Unterkunft am See entfernt haben. © laif

1989 schien Neues möglich

Doch die Risse im Eisernen Vorhang zeigten sich auch in Dörfern rund um den Balaton. Ost- und westdeutsche Verwandte fielen sich in die Arme, vielerorts verhalfen Ferienhausbesitzer zu den Treffen. Der Eifer der Wende packte auch Mária Veres. „Nie hätten wir geglaubt, dass das Parteigelände einmal offen für uns sein würde“, sagt sie. Wenn es die Partei aber nicht mehr gab, sollte der Strand dann nicht den Bürgern gehören?

Mit anderen Ferienhausbesitzern gründete Veres einen Verein. Der Bürgermeister Barnabás Fekete bat sie zu handeln, damit das Strandgelände vom Parteibesitz in die öffentliche Hand wandern konnte.

Nicht nur demokratieeifrige Bürgerinitiativen erhielten mit der Wende Aufschwung, auch der Kapitalismus blühte. Das Strandgelände in Aliga wurde, wie alle Besitztümer der Partei, von einem Sonderkomitee der neuen Regierung verwaltet. Und es war begehrt. Das Gelände sollte geschlossen an den meistbietenden Investor verkauft werden. Von Luxushotels wurde gesprochen oder von einem Erholungsort für medizinische Angestellte. Veres wusste: „Wenn sie das getan hätten, hätten wir nicht mehr auf das Gelände gedurft.“

Der Yachthafen von Balatonaliga hat Platz für über 160 Boote. Foto: Judith Langowski Vergrößern
Der Yachthafen von Balatonaliga hat Platz für über 160 Boote. © Judith Langowski

Die Vereinsmitglieder nahmen die Werkzeuge in die Hand, die die junge Demokratie ihnen gab: Sie schrieben Briefe an Abgeordnete, sprachen mit Ministern und der Agentur, die das Parteivermögen verwaltete. Sie luden die Presse ein und organisierten Demonstrationen. Veres hatte als Buchhalterin ein Büro mit Fax, Drucker und Telefon und den genauen Blick für Briefe und Anträge. Sie mobilisierte, bis Aliga ins Fernsehen kam und der freie Strandzugang ein Politikum wurde. Ein Symbol für den Umgang mit dem Erbe des Sozialismus.

30 Prozent müssen öffentlich sein, schreibt das Balaton-Gesetz vor

Irgendwann war der Druck groß genug. Im Jahr 2000 schrieb ein Gesetz allen Gemeinden am Balaton vor, dass 30 Prozent des Strandes öffentlich zugänglich sein muss. In Aliga wurde entschieden, dass ein Teil der Liegewiesen sowie die drei Straßen, die durch das Gelände führten, für den Durchgangsverkehr, per Auto, Fahrrad oder zu Fuß, frei zugänglich sein mussten. 2007 wurde schließlich nach jahrelanger Verhandlung mit sieben verschiedenen Regierungen und wechselnden Ministerien das restliche Gelände an die Firma ProMot verkauft. Sie sagte zu, dass jeder Hausbesitzer, ob Einwohner oder Urlauber, freien Eintritt für sich und sechs Gäste bekommt.

30 Jahre Arbeit und 1500 Dokumente später könnte Veres eigentlich zufrieden sein. „Aber“, sagt Veres mit der freundlich-resignierten Art ausgebrannter Aktivisten, der freie Zugang zum Strand „ist eine Vergünstigung für die Bewohner und kein Recht“. Jeder Verkauf des Geländes gefährde diese.

Das Gelände wurde an Mészáros verkauft - der gute Kontakte zu Orbán hat

Im Sommer 2018 war es so weit: ProMot verkaufte seinen Anteil an die Immobilienfirma Appeninn Holding, in Ungarn bekannt durch ihren Eigentümer Lörincz Mészáros. Ihm gehört nicht nur sehr viel im Land – von Kanalisationsunternehmen bis zur Hotelkette Hunguest hat er Anteile an mehr als 400 Firmen –, er war bis 2018 auch Bürgermeister von Felcsút, dem Heimatdorf von Ministerpräsident Viktor Orbán. Sein Businesspartner im Kauf des Aliga-Geländes ist István Tiborcz, Orbáns Schwiegersohn. „Wir stehen großen Interessen gegenüber“, sagt Fekete, seit mehr als 20 Jahren Bürgermeister.

Veres läuft von ihrem Haus mit dem Kirschbaum davor nur eine Viertelstunde zur Liegewiese am See. Ihrer Meinung nach der schönste Strand am Balaton. Kurz nach dem Kauf, beim Gespräch unter den roten Schirmen des „Retro“-Bistro, war sie hoffnungsfroh, dass sich nichts ändert.

Doch vor einigen Tagen, knapp 30 Jahre nach dem Tod von Ungarns sozialistischem Staatschef János Kádár am 6. Juli 1989, sperrte der neue Besitzer des Club Aliga den Zugang zur Mole am Yachthafen ab. Die Begründung: „Die Fischer machen zu viel Müll.“ Dabei gehört die Mole zu den ausgewiesenen Fischerstellen des Landes. Jeder mit einer Jahreskarte dürfte hier fischen.

Wird der freie Zugang bestehen bleiben?

Veres und ihre Mitstreiter hoffen trotzdem auf das, was sie in den Neunzigern mit ihrem Verein durchgesetzt haben: das Balatongesetz von 2000. Noch schreibt es vor, dass die Straße zum Strand und die Wiese öffentlich bleiben müssen.

Die Urlauber und Bewohner wollen sich noch lange an dem offenen Zugang erfreuen. Foto: Judith Langowski Vergrößern
Die Urlauber und Bewohner wollen sich noch lange an dem offenen Zugang erfreuen. © Judith Langowski

Der Verein lud jetzt zu einer öffentlichen Versammlung ein. Sie war gut besucht, auch das Fernsehen kam. „Die Menschen haben Angst“, sagt András Bukovszki, stellvertretender Vorsitzender des Vereins am Telefon. Nur eine Mehrheit im Gemeinderat könnte das Gesetz ändern. „Außer, wir bekommen jetzt hier eine Diktatur. Dann kann alles wieder gekippt werden,“ sagt Veres. Im Oktober sind Kommunalwahlen. Die Vereinsmitglieder hoffen, dass Fidesz-Verordnete nicht die Mehrheit stellen werden.

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