Mit seiner Magensäure kann der Bartgeier sogar Knochen teilweise auflösen. Foto: Monika Skolimowska/zb/dpa
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Auswilderungsprogramm in Bayern Wie der Bartgeier in Deutschland wieder Fuß fassen könnte

Christopher Beschnitt

Mit fast drei Metern Spannweite gehört der Bartgeier zu den größten Vögeln der Welt. Dieser Gigant der Lüfte soll nach langer Zeit hierzulande wieder heimisch werden.

Was hat man dem Bartgeier nicht alles angedichtet. Einst glaubte man, der riesige Vogel mit der 2,90-Meter-Flügelspannweite schnappe sich als Speise gerne Schäfchen. Schlimmer noch: Selbst kleine Kinder packe er! Derlei Schauermärchen haben zu einer erbarmungslosen Verfolgung des Geiers durch den Menschen geführt – mit dem Ergebnis, dass die Art vor gut 100 Jahren in Deutschland ausgerottet wurde. 

Nun soll sie wieder heimisch werden. Für den 10. Juni ist die Auswilderung zweier Jungtiere aus einer spanischen Zucht im Nationalpark Berchtesgaden in den Ostalpen geplant. Der verantwortliche bayerische Landesbund für Vogelschutz (LBV) spricht von einem „Meilenstein“ für den Artenschutz, der Schritt sei „ein historisches Ereignis“. 

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Gleich zwei Staatsminister haben sich zu dem Termin angekündigt: Thorsten Glauber (Umwelt, Freie Wähler) und Michaela Kaniber (Forsten, CSU). Letztere sagt, es freue sie, „dass dieser so majestätische Vogel nun wieder in seinen alten Lebensraum zurückkehren kann“. Beeindruckend ist er tatsächlich, der Bartgeier. 

Der „Kosmos-Vogelführer“ bescheinigt ihm eine „gewaltige Größe“. Neben seinen Maßen sind besonders seine namensgebenden dunklen Federn im Gesicht charakteristisch. Hinzu kommen der lange, keilförmige Schwanz und die rötlichen Federn an Bauch, Brust und Nacken. Diese Gefiederpartien sind eigentlich weiß.

Geier gilt als Gesundheitspolizei der Natur

Die Tiere färben sie durch Bäder in eisenoxidhaltigem Schlamm. Der Grund ist unklar. „Experten vermuten, dass diese Bäder der Thermoregulation und dem Schutz vor Parasiten oder verfrühter Abnützung der Federn dienen“, erklärt die Umweltschutzorganisation WWF. Auch könne die rote Farbe als Statussignal dienen.

Ein Ranger blickt im Nationalpark Berchtesgaden über den Königssee. Hier sollen die Geier ausgewildert werden. Foto: Sabine Dobel/dpa Vergrößern
Ein Ranger blickt im Nationalpark Berchtesgaden über den Königssee. Hier sollen die Geier ausgewildert werden. © Sabine Dobel/dpa

Vom Inneren des Geiers gibt es ebenfalls Faszinierendes zu berichten: Er verfügt über die stärkste Magensäure im Tierreich, sie ist vergleichbar mit Batteriesäure. Dadurch kann der Greif Knochen vertilgen und fast vollständig auflösen. Größere Skelettteile wirft er zuvor zum Zertrümmern auf Felsen ab. Daneben gehört besonders Aas zu seinem Futter. Daher gilt der Geier als Gesundheitspolizist in der Natur. 

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Früher haben die Menschen dieses Verhalten nicht so wohlwollend gedeutet. Vielmehr schufen sie Sprachbilder mit negativem Klang: In Wendungen wie „weiß der Geier“ oder „hol's der Geier“ dient das Tier als Ausdruck für den Teufel. Passend, dass im Karl-May-Film „Unter Geiern“ die mörderische „Geier-Bande“ wütet.

Greifvögel haben schlechtes Image

Der LBV-Biologe Henning Werth sagt, einst hätten Hirten große, blutverschmierte Vögel auf zerrissenem Vieh erblickt – „naheliegend, dass man da das Böse vor sich sah“. Geier hätten aber viel zu schwache Füße, um groß aktiv Beute zu schlagen. Gleichwohl schreibt das „BLV-Handbuch Vögel“: „Angriffe im Stoßflug, um ein Beutetier zum Absturz zu bringen, finden tatsächlich statt. Kleine Wirbeltiere können auch geschlagen werden.“ Für den Menschen hingegen, versichert der LBV, sei der Greif „völlig harmlos“.

Der Vogel kann sogar geradezu liebevoll sein, wie das wissenschaftliche Bibellexikon WiBiLex berichtet. Gottes Fürsorge gegenüber seinem Volk, heißt es da, werde in der Heiligen Schrift „mit dem schützenden Verhalten des Geiers gegenüber seinen Jungen“ verglichen. Auch von des Geiers Schnelligkeit und Flugkünsten sei die Rede, zudem werde ihm Regenerationskraft zugeschrieben.

Wie es um den Nachwuchs bestellt ist, wird sich im Nationalpark Berchtesgaden erst zeigen müssen. Denn Bartgeier pflanzen sich frühestens ab einem Alter von fünf Jahren fort. Dafür werden die Vögel laut der Schweizer Stiftung „Pro Bartgeier“ relativ alt: in Zoos bis 50, in freier Wildbahn über 30 Jahre. Wenn Geier vorzeitig sterben, hat das vor allem eine Ursache: von Bleimunition vergiftetes Aas.

Mögen die Berchtesgadener Tiere davon verschont bleiben. Sie werden nun in einer Nische an einem Steilhang ausgesetzt und dort noch etwa vier Wochen versorgt, bis zu ihren ersten Flugversuchen. Wohin sie dann ziehen? Und ob sie sich später, wie der LBV hofft, zum Brüten an ihre gute Kinderstube bei Berchtesgaden erinnern werden? Weiß der Geier.

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