Durchatmen. Forscherin Joanna Perchaluk nutzt ihre Zeit auf Spitzbergen auch als Vorbereitung für Triathlon-Wettkämpfe. Foto: privat
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Auf sich allein gestellt Triathlon auf Spitzbergen

Viele Menschen leiden unter der aktuellen Isolation. Nicht für alle ist sie neu. Vom Umgang mit einer Extremsituation.

Sozialer Abstand, begrenzte Bewegungsmöglichkeiten, die Beschränkung auf die eigene Wohnung – die Kontaktsperre stellt die Menschen auf die Probe.

Wie aber schaffen es Menschen, die aus beruflichen Gründen auf längere Zeit eingesperrt waren oder auf engstem Raum leben mussten?

Und was sagt die Psychologie zu Quarantäne und Selbstisolation?

Joggen mit Eisbären

Wenn Joanna Perchaluk laufen gehen will, braucht sie einen bewaffneten Bodyguard. Nicht weil sie prominent ist und sich vor Fans schützen muss, sondern weil sie sich die Laufstrecke mit Eisbären teilt. Perchaluk ist die Leiterin der 42. Polarexpedition auf Spitzbergen, einer Insel zwischen Norwegen und Grönland. Seit neun Monaten ist sie dort stationiert und teilt sich die polnische Polarstation mit einem Team, das von acht Kollegen im Winter bis 20 Kollegen im Sommer variiert.

In dem geräumigen Gebäude hat jedes Teammitglied ein eigenes Zimmer, außerdem gibt es eine Küche, Vorratsräume, ein Labor und – ganz wichtig für Perchaluk – einen Fitnessraum.

Perchaluk hat ein Hobby, das sich mit den Bedingungen am Nordpol nicht zu vertragen scheint: Sie ist Triathletin. Kurz vor ihrem ersten Einsatz auf Spitzbergen entdeckte die 35-Jährige den Sport und nahm bisher an einem Wettkampf teil. In der Station, zwischen Schneewehen und Polarlichtern, bereitet sie sich auf die Wettkämpfe nach ihrer Heimkehr vor.

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An einem typischen Tag trainiert sie zwischen 11 und 14 Uhr und legt manchmal eine zweite Einheit nach 20 Uhr ein. Ihr Schwimmtraining findet an Land statt, auf einer Bank ahmt sie gegen den Widerstand von Gummibändern die Kraulbewegungen nach. Ihr Fahrrad steht auf einem Rollentrainer und ihre Laufeinheiten erledigt sie häufig auf einem Laufband. Drei- bis viermal pro Woche geht sie joggen und fährt Rad, dazu kommen vier Krafteinheiten im Kraftraum.

„Das Besondere hier ist, dass das Training im Haus stattfinden muss, was eine beachtliche psychische Belastung ist“, schreibt sie im Austausch mit dem Tagesspiegel. Klettern die Temperaturen auf ein erträgliches Maß, stellt sie ihr Fahrrad nach draußen und genießt die frische Luft.

Für ihre Beobachtungen verlässt die Meteorologin aber ohnehin mehrfach am Tag die Station. Neben Arbeit und Training nutzt die Forscherin die Landschaft auch für ihre Zerstreuung: Gemeinsam mit ihren Kollegen unternimmt sie Ausflüge mit dem Schneemobil, Skitouren und Wanderausflüge. Als kreatives Ventil nutzt sie die Fotografie und macht Bilder von Nordlichtern, Polarfüchsen und Spitzbergen-Rentieren.

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Nur zweimal im Jahr erreicht ein Schiff mit neuen Kollegen und Verpflegung die Insel. „Zeit miteinander zu verbringen ist entscheidend – wir müssen uns aufeinander verlassen können“, schreibt sie.

Der Kontakt zur Familie ist manchmal kompliziert, denn je nach Wetterlage ist die Satellitenverbindung zu schwach, um Anrufe zu machen. Ihre Zeit für sich nimmt sie sich täglich beim Training. „Das ist meine Zeit für mich, wenn ich Dinge ohne Störung durchdenken kann.“

Obwohl sie nicht alleine auf der Station ist, muss sie ihre Triathlon-Vorbereitung alleine durchziehen. „Manchmal geht jemand mit mir laufen“, schreibt Perchaluk. „Aber meist ist es ein einsamer Kampf – genau wie in einem Wettkampf.“

Pizza-Abend im U-Boot

Der Brite Jon Bailey ist ehemaliger U-Boot-Soldat und verbrachte während seiner Einsätze oft mehrere Wochen unter der Meeresoberfläche. Auf Twitter teilte er seine Tipps und Angewohnheiten, die ihn psychisch und körperlich fit hielten.

Der wichtigste Rat: „Entwickle eine Routine, schreibe sie auf, teste sie und dann halte dich daran.“ Dasselbe gelte für Kinder, die im Haushalt leben.

Der zweite Ratschlag: Zeit allein. „Die einzige Zeit, die ich auf See für mich hatte, war die in meiner Schlafkabine“, schreibt er auf Twitter. „Auch wenn der Aufenthaltsraum gemeinsam benutzt wird, versuche es einzurichten, dass jeder ein paar Stunden für sich dort hat.“

Ob Yoga, beten oder schlechte Filme schauen – eine gewisse Zeit am Tag sollten Menschen in Isolation einfach tun können, wozu sie Lust haben, meint Bailey.

Auf kleinem Raum werden die alltäglichen Dinge auf einmal sehr wichtig – das betrifft vor allem das Essen. Bailey, der auch als technischer Experte auf einer Intensivstation arbeitete, empfiehlt eine Strategie nach der Devise „Schlemmen und Fasten“.

„Auf einem der Boote gab es Steak-, Pizza- oder Curry-Abende. An anderen Abenden reichte eine Suppe mit Brot.“ So vermied er, zu viel zuzunehmen. Außerdem wichtig: Sport.

„Sie haben den Vorteil, nicht auf ein Spinning-Rad in einem Schaltschrank zurückgreifen zu müssen“, schreibt er zur Aufmunterung. 20 bis 30 Minuten sollten es täglich sein, zur Inspiration nennt Bailey Youtube-Kanäle. Aber vor allem Bewegung draußen fungiere als natürliches Antidepressivum.

Zuletzt betont Bailey noch, wie wichtig Kontakt zu seiner Familie war. „Selbst bei Funkstille bekamen wir jede Woche ein Telegramm von unserer Familie“, schreibt Bailey. Das sei sein Highlight gewesen.

Bei seiner aktuellen Arbeit trinkt er mit seinen Kollegen einmal am Tag Kaffee, auch wenn es gerade keine Arbeitsthemen zu besprechen gibt. Als Motivation gibt er seinen Lesern noch mit: „Wie alle Einsätze wird auch dieser irgendwann vorbei sein. Es ist scheiße, aber besser, als sich vor Fassbomben zu ducken.“

Welche Tipps geben Wissenschaftler? 

Routine, Rückzugsräume und Sinnhaftigkeit – all diese Elemente waren und sind entscheidend für Isolationsprofis. Das sieht auch die Wissenschaft so. Frank Jacobi, Professor an der Psychologischen Hochschule Berlin, sagt: „Wir können mit sozialer Isolation besser umgehen, wenn wir eine gewisse Sinnhaftigkeit darin erkennen.“

Perchaluk und Bailey haben ihre Isolation selbst gewählt. Mehr noch: Sie erfüllen einen Dienst und haben täglich Aufgaben zu erfüllen. Jacobi hält es deshalb für wichtig, an die freiwillige Beteiligung der Menschen zu appellieren. Die Isolation wird leichter, wenn man sich vor Augen führt, dass man anderen Menschen einen Dienst erweist.

Altruismus ist besser als Zwang

Zu diesem Schluss kommt auch eine Metastudie des medizinischen Fachmagazins „The Lancet“: Altruismus sei besser als Zwang. Gute Information der Bevölkerung identifiziert die Studie als entscheidend. Dazu kommen gute Lebensmittelversorgung, Reduzierung von Langeweile, gute Kommunikation mit Mitmenschen und eine möglichst kurze Dauer der Kontaktsperre.

In einem Kurzratgeber mit dem Titel „Wie Sie häusliche Isolation und Quarantäne gut überstehen“ rät Jacobi ebenfalls zu einem Tagesablauf, den man festlegt, testet, eventuell anpasst und dann routiniert befolgt.

Allerdings warnt er auch davor, sich den Tag zu eng zu takten: „Es ist wichtig, nicht nur To-do-Listen zu schreiben und dann böse mit sich zu sein, wenn man sie nicht ganz abgearbeitet bekommt.“ Überhaupt: Zu rigide solle man mit sich und seiner Familie in dieser Zeit nicht sein.

Jacobi rät zu klar definierten Rückzugsräumen und begrenztem Konsum von Nachrichten zum Coronavirus. Stattdessen sollten die negativen Effekte der Quarantäne durch Kontakt zu anderen Menschen, möglichst per Videotelefonie, abgemildert werden.

„Wir als Menschen sind darauf angelegt, im Austausch zu leben“, sagt Jacobi. „Die Frage ist nur, wie viel davon von Angesicht zu Angesicht stattfinden muss.“ Metakommunikation, also das Reden über das Gesagte, wird in Zeiten der häuslichen Isolation für Paare und Familien unersetzlich.

Frank Jacobi glaubt fest daran, dass Menschen eine Isolation gut durchhalten können. Zwar ist menschlicher Kontakt wichtig. „Aber wir sind lern- und anpassungsfähig, das wurde uns evolutionär mitgegeben.“ Glücklicherweise gehört zu den Werkzeugen, die die Menschheit über die Jahrtausende entwickelt hat, auch ein reicher Schatz an Kulturerzeugnissen und Kommunikationskanälen. Ein professioneller Eremit muss man nicht sein – aber lernen, mit der Isolation umzugehen, kann der Mensch allemal.

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