Illustration von Pockenviren. Affenpocken gehören in diese Kategorie. Foto: Getty Images/Science Photo Libra
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Update Affenpocken breiten sich aus Wie das Virus nach Deutschland kam

Auch bei einem Patienten in Deutschland wurde nun das weltweit grassierende Affenpockenvirus festgestellt. Karl Lauterbach hält eine Eingrenzung für möglich.

In Deutschland wurde der erste Fall der ursprünglich aus Afrika stammenden Affenpocken bestätigt. Wie das Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr am Freitag in München mitteilte, wurde das Virus am Donnerstag bei einem Patienten zweifelsfrei nachgewiesen. Der Patient, dem es nach Angaben des behandelnden Krankenhauses relativ gut geht, habe die charakteristischen Hautveränderungen gezeigt.

Der Charité-Infektiologe Leif Sander beschrieb die Affenpocken bei Twitter als weniger krankmachend als die Pocken, es sei aber „dennoch eine ernste und in Einzelfällen tödliche Erkrankung“.

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Der erste Affenpocken-Patient in Deutschland

Beim ersten gemeldeten Affenpocken-Patienten in Deutschland handelt es sich um einen aus Brasilien stammenden 26-Jährigen. Das gab das bayerische Gesundheitsministerium am Freitag bekannt. Er sei von Portugal über Spanien nach Deutschland gereist und seit etwa einer Woche in der bayerischen Landeshauptstadt. Zuvor sei er auch schon in Düsseldorf und Frankfurt am Main gewesen.

Der Patient werde nun auf einer Station der München Klinik Schwabing isoliert, hieß es vom Ministerium. „Derzeit werden durch das Gesundheitsreferat der Stadt München weitere enge Kontaktpersonen ermittelt“, sagte Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek. „Diese werden ausführlich aufgeklärt und über mögliche Symptome, Hygienemaßnahmen und Übertragungswege informiert.“

Lauterbach: Eingrenzung möglich – „wenn schnell gehandelt wird

Nach dem Nachweis des ersten Falls von Affenpocken in Deutschland geht Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) davon aus, dass der Ausbruch eingegrenzt werden kann. „Es war nur eine Frage der Zeit, bis Affenpocken auch in Deutschland nachgewiesen werden“, erklärte Lauterbach am Freitag in Berlin. Von einer hohen Dunkelziffer in Deutschland geht er nicht aus.

Durch die Meldungen aus Großbritannien und anderen Ländern sowie schnelle Informationen durch das Robert-Koch-Institut (RKI) seien die Ärzte und Patienten in Deutschland „sensibilisiert“. „Aufgrund der bisher vorliegenden Erkenntnisse gehen wir davon aus, dass das Virus nicht so leicht übertragbar ist und dass dieser Ausbruch eingegrenzt werden kann“, betonte der Minister. „Das kann aber nur gelingen, wenn schnell gehandelt wird.“ Das Virus werde jetzt genauer analysiert, und es werde geprüft, ob es sich um eine ansteckendere Variante handeln könnte.

Symptome, Übertragung und Verlauf: Sind Affenpocken gefährlich?

Erste Krankheitszeichen für Affenpocken können nach Angaben der britischen Health Security Agency sein: Fieber, Kopf-, Muskel- und Rückenschmerzen, geschwollene Lymphknoten, Schüttelfrost und Erschöpfung. Es könne sich ein Ausschlag entwickeln, der sich oft ausgehend vom Gesicht auf andere Körperteile ausbreite. Der Ausschlag sehe je nach Phase unterschiedlich aus und könne Windpocken und Syphilis ähneln.

So sehen Affenpocken aus: Hautläsionen bei Patienten, bei denen das Virus nachgewiesen wurde. Foto: UKHSA/dpa Vergrößern
So sehen Affenpocken aus: Hautläsionen bei Patienten, bei denen das Virus nachgewiesen wurde. © UKHSA/dpa

Die Krankheit trägt den Namen Affenpocken, nachdem der Erreger 1958 erstmals bei Affen nachgewiesen wurde. Fachleuten zufolge stammen Affenpocken wahrscheinlich von Nagetieren wie Eichhörnchen und Ratten. Das Virus griff dann auf Affen und Menschen über, etwa durch den Verzehr von Fleisch infizierter Tiere. Die Übertragung zwischen Menschen könne bei engem Kontakt passieren, zum Beispiel über Körperflüssigkeiten und den Hautausschlag. Auch Schmierinfektionen auf Oberflächen seien möglich.

Eine Übertragung über die Atemwege sei eher auf kürzere Distanzen und größere Tröpfchen beschränkt, meint Fabian Leendertz, Gründungsdirektor des Helmholtz-Instituts für One Health (HIOH) in Greifswald.

Das RKI gibt die Inkubationszeit von Affenpocken mit sieben bis 21 Tagen an. Verglichen mit den 1980 ausgerotteten Menschenpocken würden Affenpocken meist deutlich milder verlaufen. Die meisten Betroffenen würden sich innerhalb weniger Wochen erholen. Bei einigen Betroffenen können aber auch schwere Verläufe auftreten.

Eine größere Gefahr bestehe für Kinder unter 16 Jahren: Hier seien Beobachtungen zufolge bis zu elf Prozent der infizierten Kinder gestorben. Diese Beobachtung bezieht sich auf die zentralafrikanische Virusvariante. Die westafrikanische Variante ist offenbar weniger ansteckend. Die kürzlich bekannt gewordenen Fälle in Großbritannien werden dem westafrikanischen Stamm zugeordnet.

„Es darf keine Hysterie entstehen“

Norbert Brockmeyer, der Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft, geht anhand der Vielzahl von Fällen in anderen westlichen Ländern davon aus, dass das Virus schon seit einer Weile unbemerkt im Umlauf war: „Wer denkt heute schon noch an Pocken?“ Durch die gestiegene Aufmerksamkeit nach kürzlich erschienenen Meldungen ausgehend von Großbritannien sei nun mit einem neuen Infektionsbewusstsein und damit mit vermehrten Nachweisen zu rechnen.

Am stärksten gefährdet sind Norbert Brockmeyer zufolge Menschen, die sexuelle Kontakte zu vielen verschiedenen Menschen haben. Das Virus könne aber grundsätzlich auch bereits bei engem Körperkontakt übertragen werden.

Brockmeyer hält auch in der Allgemeinbevölkerung Vorsicht für ratsam. „Es darf aber keine Hysterie entstehen. Die Affenpocken werden gut kontrollierbar sein.“

Es müssten nun mehrere Stellen über die Affenpocken Bescheid wissen und informiert werden: HIV-Schwerpunktpraxen, Zentren, die auf sexuell übertragbare Krankheiten spezialisiert sind, der Öffentliche Gesundheitsdienst und Allgemeinmediziner. Dazu komme natürlich auch die breite Bevölkerung, damit man bei ungewöhnlichen Hautveränderungen an diese Krankheit denke.

Grund zur Panik sehen auch andere Experten nicht. „Die Fälle über Kontaktverfolgung sind gut einzugrenzen, und es gibt auch Medikamente und wirksame Impfstoffe, die gegebenenfalls eingesetzt werden können“, sagt Fabian Leendertz. Der Virologe Gerd Sutter von der Ludwig-Maximilians-Universität in München schätzt die Gefahr einer größeren Epidemie in Deutschland beziehungsweise Europa als gering ein. „Auch die Möglichkeit eines Übertritts des Virus in Tierreservoirs in Europa erscheint unwahrscheinlich.“

Warum verbreitet sich das Virus ausgerechnet jetzt?

Ein möglicher Grund für den Anstieg der Fälle könnte die zunehmende Reisetätigkeit nach Aufhebung der meisten Corona-Beschränkungen sein, sagte Jimmy Whitworth, Professor für internationale öffentliche Gesundheit an der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Nach Einschätzung von Anne Rimoin, Epidemiologin an der UCLA in Kalifornien, hat das Ende von Pockenimpfungen, die auch gegen Affenpocken schützen, zu einem Anstieg der Affenpockenfälle in Gebieten geführt, in denen die Krankheit endemisch ist.

Noch viele offene Fragen: Nun ist die Wissenschaft dran

Von wissenschaftlicher Seite aus gelte es nun zu prüfen, wie ansteckend das Virus sei und ob es sich um eine mutierte, ansteckendere Variante handle. „Es ist ja leider so, dass wir in Deutschland eine Riesenpopulation haben, die nicht gegen Pocken geimpft worden ist – insbesondere im sexuell aktiven Alter“, sagte Norbert Brockmeyer von der Deutschen STI-Gesellschaft. Das Potenzial an Infektionen durch den Erreger sei damit deutlich größer als etwa noch vor 20 Jahren. Je nach weiterer Entwicklung müsse man Pockenimpfungen in Erwägung ziehen.

„Zu den Übertragungsarten gibt es zurzeit noch große Wissenslücken“, sagte Infektiologin Charlotte Hammer von der Downing College Cambridge in Großbritannien gegenüber dem Science Media Center (SMC). RKI-Projektgruppenleiter Fabian Leendertz ergänzte: „Wir brauchen dringend gute epidemiologische Daten, um zu verstehen, ob und wie die Fälle zusammenhängen“.

Nun sei es wichtig, die Affenpockenviren zu analysieren. Dadurch sollen Hinweise auf den Ursprung gewonnen werden. Auch könne so herausgefunden werden, ob der Erreger sich verändert hat. „Ich würde dies bereits als eine Epidemie bezeichnen, es ist jedoch sehr unwahrscheinlich, dass diese Epidemie lange dauern wird“, so Fabian Leendertz. Die Fälle seien gut eingrenzbar.

Warnung vor Stigmatisierung

Angesichts der Fälle von Affenpocken in mehreren Ländern, die teils schwule Männer betreffen, warnt die Deutsche Aidshilfe vor falschen Schlussfolgerungen und Stigmatisierung. „Natürlich gibt es bei den Affenpocken oberflächliche Ähnlichkeiten zu HIV damals – es ist wieder eine Erkrankung aus Afrika, die auch schwule Männer betrifft. Aber in vielen anderen Punkten passt der Vergleich nicht“, sagte Aidshilfe-Sprecher Holger Wicht der Deutschen Presse-Agentur.

Das Virus, das die Affenpocken auslöst, sei im Unterschied zu HIV in den 80er Jahren länger bekannt, zudem heile die Erkrankung von selbst aus. „Uns ist sehr wichtig, dass hier nicht Panik und unangemessene Ängste entstehen.“ Es gebe bei der Einschätzung der Krankheitsschwere aber auch noch Ungewissheiten: Unklar sei etwa, wie gut Immungeschwächte – dazu können zum Beispiel auch langjährig unbehandelte HIV-Infizierte zählen – die Erkrankung verkraften.

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Nach der Erfahrung mit HIV fürchte man die Stigmatisierung schwuler Männer und von Menschen aus Afrika, sagte Wicht. Er erinnerte auch an die Ausgrenzungen und Schuldzuweisungen zu Beginn der Corona-Pandemie, die sich gegen Menschen aus Asien richteten – und gegen Menschen, die als asiatisch wahrgenommen wurden.

In diesem Zusammenhang wurde auch das Robert Koch Institut (RKI) kritisiert, das wie die britische Gesundheitsbehörde UK Health Security Agency (UKHSA) eine Warnung an Männer, die Sex mit Männern haben, ausgesprochen hatte.

Aidshilfe-Sprecher Wicht betonte, man wolle das Thema ähnlich wie bei anderen sexuell übertragbaren Infektionen mit Vernunft und Aufklärung statt Angst angehen. Eine Ansprache und Information der Zielgruppe erfolge in Abstimmung mit dem RKI.

Fälle in Australien, Nordamerika und Europa

Infektionen mit dem Virus werden mittlerweile aus immer mehr Ländern gemeldet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rief zu einer Nachverfolgung aller Kontakte der Betroffenen auf. Zu den Ländern mit gemeldeten Fällen oder Verdachtsfällen gehören Australien, Kanada, die USA, Frankreich, Spanien, Portugal, Großbritannien, Italien und Belgien. Seit Anfang Mai wurden dutzende Verdachtsfälle und bestätigte Infektionen mit Affenpocken gemeldet.

Großbritannien kauft Pocken-Impfstoff

Nach immer mehr Nachweisen von Affenpocken-Infektionen hat Großbritannien einem Bericht zufolge Pocken-Impfstoff eingekauft, der einen gewissen Schutz gegen die Erkrankung bieten soll. Das berichtete die BBC am Freitag unter Berufung auf die britische Regierung. Unklar war zunächst, wie viel Impfstoff eingekauft wurde und wer damit geimpft werden soll. Eine Sprecherin der britischen Gesundheitsbehörde sagte, das Vakzin solle Menschen mit höherem Risiko einer Infektion angeboten werden. Das Risiko für die allgemeine Bevölkerung sei weiterhin sehr niedrig, hieß es.

In England wurden in den vergangenen Wochen neun Fälle von Affenpocken erfasst. Auch wenn der Pocken-Impfstoff nicht speziell auf das Affenpocken-Virus zugeschnitten ist, soll er einen gewissen Schutz bieten – vor allem gegen schwerere Erkrankungen. Routinemäßige Impfungen gegen Pocken wurden in Großbritannien der BBC zufolge in den 1970er Jahren eingestellt, als man die Krankheit im Land für ausgerottet erklärte.

Der WHO zufolge gilt bislang eine Impfempfehlung nur für bestimmte Risikogruppen wie Laborpersonal und bestimmte Ersthelfer. Man werde dies jedoch zeitnah überprüfen, hieß es auf Anfrage. Außerdem sei ein neuer Impfstoff gegen Pocken und Affenpocken zugelassen worden, der aber über nationale Reserven hinaus noch nicht weitreichend verfügbar sei. (mit dpa, AFP)

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