1994. Der Bug der „Estonia“ wird aus der Ostsee gezogen – beim Schiffsunglück starben 852 Menschen. Foto: Jaakko Avikainen/AFP
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852 Menschen ertranken „MS Estonia“ soll 1994 nach Kollision mit U-Boot gesunken sein

Nach 26 Jahren könnte der Grund für die schwerste europäische Schiffskatastrophe nach dem Weltkrieg gefunden worden sein. Das geht aus Filmaufnahmen hervor.

Dem Vorsitzenden des Untersuchungsausschusses zur Katastrophe der „MS Estonia“ zufolge ist die Fähre nach neuen Erkenntnissen aufgrund einer Kollision mit einem U-Boot gesunken. Das sagte Margus Kurm in der estnischen TV-Sendung „Pealtnägija“.

Mehrere schwedische Medien hatten zuvor berichtet, dass Dokumentarfilmer ein vier Meter großes Loch im Wrack der gesunkenen Ostsee-Fähre gefunden hätten. Am Montag, 28. September, jährt sich das Unglück zum 26. Mal. Es gilt bis heute als die schwerste europäische Schiffskatastrophe nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die „MS Estonia“ war in der Nacht zum 28. September 1994 mit 989 Menschen an Bord auf ihrem Weg von Tallinn nach Stockholm gesunken. In der Nacht war auf halber Strecke plötzlich Wasser in das Schiff eingedrungen. 852 Menschen starben, darunter mehr als 500 Schweden und fünf Deutsche. Nur von 94 Toten wurden die Leichen geborgen, mehr als 750 Opfer liegen bis heute mit dem Schiffswrack vor der Südküste Finnlands.

Wie genau es dazu kam, darüber wird seit Jahren gestritten. Nun lösen Filmaufnahmen dieses Rätsel offenbar. „Das bedeutet, dass die Estonia nicht gesunken ist, weil ein Bugvisier gebrochen ist. Es war eine Kollision mit etwas, das so groß ist, dass es für ein vier Meter großes Loch sorgen kann“, sagte Margus Kurm im estnischen Fernsehen. „Das ist der Beweis für etwas, über das lange spekuliert wurde.“

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Weil der Riss unterhalb der Wasserlinie sei und nicht bekannt sei, dass ein anderes Schiff gesunken ist, „ist die wahrscheinlichste Begründung, dass die Estonia mit einem U-Boot kollidiert ist“, so Kurm. Das werfe ihm zufolge zwei Fragen auf: Wo ist das beschädigte U-Boot? Und warum hat es die Route der „MS Estonia“ geschnitten?

Vom schwedischen „Aftonbladet“ veröffentlichte Bilder zeigen, dass das Loch auf der Steuerbordseite gefunden wurde und vier Meter hoch sowie 1,20 Meter breit sei. Gefunden hatten es Filmer, die für die fünfteilige Dokumentationsserie „Estonia – Der Fund, der alles verändert“ einen Tauchroboter zu dem Wrack heruntergeschickt hatten. Gemäß einem geschlossenen Abkommen zwischen mehreren Ländern ist das eigentlich verboten, weil das Wrack den Status einer Grabstätte hat.

„Im ersten Moment war ich schockiert“, sagte Kurm in „Pealtnägija“ auf die Frage nach seiner ersten Reaktion. „Nicht, weil das Loch zu sehen war, sondern eher, weil es so einfach entdeckt wurde.“ Kurm zufolge gebe es zwei Optionen: Entweder wurde das Loch damals nicht gefilmt oder es wurde gefilmt, aber das Material nicht veröffentlicht. „Die zweite Option ist wahrscheinlicher, weil das Filmmaterial verloren gegangen ist“, so Kurm.

Estlands Regierung will technische Untersuchung durchführen

Estland Regierungschef Jüri Ratas sprach angesichts der neuen Unterwasseraufnahmen von bedeutenden neuen Informationen, die zuvor nicht erörtert worden seien und eine klare Antwort erforderten. „Eine neue technische Untersuchung der neuen Umstände der Estonia muss durchgeführt werden“, sagte er. Estland würde den Prozess als Flaggenstaat des Schiffes leiten.

Sowohl Ratas als auch Außenminister Urmas Reinsalu betonten, dass bei einer Untersuchung der über der Fähre verhängte Grabfrieden beachtet werde. „Unser Wunsch ist es, dass die Wahrheit definitiv ans Licht kommt“, sagte Ratas. Eine gemeinsame Erklärung der Außenminister Estlands, Finnlands und Schwedens klang etwas zurückhaltender: Die neuen Informationen seien zur Kenntnis genommen worden und würden nun ausgewertet.

Man verlasse sich aber auf den offiziellen Untersuchungsbericht aus dem Jahr 1997. Dem Bericht zufolge war das 55 Tonnen schwere, abgerissene Bugvisier, das den Belastungen der aufgepeitschten See nicht standgehalten habe, die Ursache für den Untergang. Dennoch wird bis heute über die Unglücksursache spekuliert, Überlebende und Hinterbliebene fordern seit Jahren eine Wiederaufnahme der Untersuchungen.

Die Ostsee-Fähre „Estonia“ sank am 28. September 1994. Foto: Reuters Vergrößern
Die Ostsee-Fähre „Estonia“ sank am 28. September 1994. © Reuters

Laut dem Gutachten des Untersuchungsberichts lag die Schuld am Unglück aufgrund eines Konstruktionsfehlers bei der Meyer Werft in Papenburg, die das Schiff 1980 baute. Das Unternehmen präsentierte daraufhin 2000 ein eigenes Gutachten. Ergebnis: Das Schiff sei ohne Mängel ausgeliefert, aber schlampig gewartet worden.

Zudem habe es Explosionen an Bord gegeben. In der Tat berichteten Überlebende von lauten Knallgeräuschen. Es gab Spekulationen über Löcher im Rumpf – die sich mit der U-Boot-Kollision nun erklären ließen. Wie unter anderem schwedische Behördenvertreter später zugaben, waren auf der Estonia bei früheren Fahrten auf Anweisung höherer Stellen Waffen transportiert worden.

Zweifel gab es von Anfang an auch an der Opferzahl. An Bord sollen nach offiziellen Angaben 186 Besatzungsmitglieder und 803 Passagiere gewesen sein. Allerdings könnten einige Fahrgäste gar nicht ermittelt worden sein. Denn gerade unter jungen Leuten war es damals auf Ostseefähren üblich, sich nur ein Ticket für die Überfahrt, und nicht für eine Kabine, zu kaufen. (mit dpa)

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