Kuchen, Kokain, Kirche

Die Gäste aus dem Boutiquehotel „Regina“ schauen durch die Panoramafenster auf die Stadt. Foto: Das Regina
Österreich Bad Gastein ist das neue Berlin

Gleich gegenüber lottert das Hippie-Haus vor sich hin, ein viergeschossiger Jugendstilkasten am Hang, in dem die Besitzer Gleichgesinnte aufnehmen. Das heißt, man sollte lieber seine eigene Bettwäsche mitbringen und Gemeinschaftstoiletten mögen. Till Harter geht hinein. Lange Flure, Wäsche hängt auf Ständern, alle Türen sind verschlossen, niemand ist zu sehen.

Silvester fand hier eine legendäre Goa-Party statt, an diesem Tag gibt es höchstens eine legendäre Geruchsnote: die von muffigen Laken. Auf der anderen Straßenseite talwärts wacht eine katholische Kirche über die geistige Erbauung der Einwohner. Was für eine praktische Abfolge von Stationen den Hang hinab: Kuchen, Kokain, Kirche. Erst sündigen, dann beichten.

Harter geht wieder hinaus. Mindestens drei zugesperrte Hotels passiert er, die alle gut ein „Grand Budapest Hotel“ werden könnten. Man müsste nur zu träumen wagen und das nötige Kleingeld haben. Bis zu zehn Etagen hoch stapeln sich Zimmer, an der Fassade bröckelt verblasstes Habsburgergelb, Bauzäune sollen Neugierige abhalten. Bauzäune ziehen Till Harter magisch an. Er will sofort hinüberklettern. Zeigt auf eine Tür im Untergeschoss. Wo andere nur eine marode Treppe in den Keller sehen, stellt er sich schon den Eingang zu einem coolen Club vor.

Der berühmte Wasserfall von Bad Gastein teilt den Ort. Hoch vom Felsen stürzt er sich ins Tal, unten führt eine Fußgängerbrücke über das tosende Wasser. Harter biegt ins Gebüsch ab, stoppt vor einem versteckten Betonverschlag. Darin ist ein kleines Bad in den Stein eingelassen, heißes Wasser dampft aus der Naturwanne heraus, heruntergebrannte Kerzen kleben an den Sockeln. „Nachts ist das hier eigentlich ganz romantisch“, sinniert er, offensichtlich in einer Erinnerung versunken.

Passt gut zum Kamin: Soul und R&B

In den vergangenen Jahren hat Harter weniger Clubs als Hotels gestaltet. Mit der Crew der „Bar 25“ einen Strandclub im mexikanischen Tulum eröffnet sowie Hotelprojekte in Rio und Lissabon realisiert. Jetzt hilft er den Besitzern des „Grünen Baum“, die ersten Schritte als Alpendesignhotel zu machen. Es ein paar Nächte zu bespielen, die holterdipolter umgestalteten Räume (in kräftigen Farben gestrichen, das Mobiliar aus den Zimmern bis auf die bunt lackierten Bauernbetten rausgeschmissen) einzuweihen. Harter sagt: „Die Hotellerie ist die Weiterführung des Nachtclubs mit anderen Mitteln.“

Die Entourage ist jedenfalls dieselbe. Zum Beispiel Joel Isaac Black, den Harter das „Jewish kid from Texas“ nennt, legt in Berlin Platten auf und fungiert nun als DJ für die freundliche Übernahme. Da ist „Grumpy Frank“, Frank Rübcke, ein grummeliger Typ aus Hamburg, der die ganze Zeit auf seinen Laptop starrt. Er soll eine Songliste für den „Baum“ erstellen, eine musikalische Ortsbestimmung. Auf seiner Playlist „Edelweiss Casino“ findet sich viel Soul und R&B. Passt gut zum Kamin, neben dem das DJ-Pult von Joel steht. Feuer, Funken, Kabel.

Der Spaziergang von Till Harter endet im Hotel „Regina“. Die beiden Betreiber haben auch den „Baum“ übernommen. Brûlé schaut hier regelmäßig vorbei, um zu sehen, wie weit das neue Berlin ist. Vermutlich genießt er, wie Harter, den Blick durch die Panoramafenster im Wintergarten, aus denen man die beste Sicht auf die Stadt hat. Wie hingeblättert liegt sie vor einem. An manchem Felsen hat sich abtropfendes Schmelzwasser in eine bizarre Eiszapfenarmee verwandelt. Die beiden Hunde der Betreiber schleppen sich durch das Foyer. Ein alter Dalmatiner und ein etwas jüngerer Mischling, die „Tibetanische Bracke“, wie sie getauft wurde.

Schnitzel und Kaiserschmarrn überall

In dem Boutiquehotel hat die Renaissance von Bad Gastein begonnen. Olaf Krohne übernahm das Haus 2009 und legte erst mal die schönen Holzböden frei. Der 43-Jährige ist Hamburger und hat sich bereits früh in Bad Gastein verliebt. „Als Kind habe ich gedacht, so wie hier müsste New York aussehen.“ Und ja, wenn man unterhalb des alten „Grand Hotel de l’Europe“ steht, den Kopf in den Nacken legt, die aufragende Felswand erblickt, schließlich die stolze Fassade und erst dann den winterblauen Himmel, hält man Wolkenkratzer für eine Erfindung der Alpenländler.

Man kann sich auch gut vorstellen, wie Bad Gastein für das gut ist, was nach dem Absturz kommt: die Rekonvaleszenz. Nach der Goa-Party in die Felsentherme gehen, sich in das Badewannenwasser des Außenbeckens legen und von den Skigondeln zum Stubnerkogel hoch hypnotisieren lassen, ein ständiges Auf und Ab von orangefarbenen Kabinen. Das hat etwas leicht Psychedelisches, ohne unangenehme Nebenwirkungen.

Till Harter malt sich philosophische Konferenzen und ganzheitliche Retreats im Ort aus. Nur eine Sache, die störe. Das kulinarische Angebot in Bad Gastein sei doch sehr einseitig, Schnitzel und Kaiserschmarrn überall. Im „Regina“ träumt man von einem österreichischen Ramen-Laden oder veganen Fusion-Restaurant.

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