Neues Liebesglück: Ein Viertel der Männer fühlt sich vier Wochen nach der Trennung wieder bereit für eine Beziehung. Illustration: Birgit Lang
© Illustration: Birgit Lang

Neue Liebe Warum stürzen sich Männer rasanter in neue Partnerschaften als Frauen?

Laut einer Umfrage fühlen sich Männer nach einer Trennung schneller wieder bereit für eine neue Beziehung. Eine Suche nach den Gründen.

Große Euphorie am Telefon. „Melanie, bei mir hat der Blitz eingeschlagen!“ Heinz Brennecke ist in Fahrt. Für seine Enkelin kommt das ziemlich überraschend. Der 72-Jährige hat erst vor wenigen Monaten seine Frau beerdigt – nach mehr als 50 Jahren Ehe.

Und jetzt? Ist Opa frisch verliebt. Und zwar in Anni. Gefunkt hat es auf dem Duisburger Friedhof. Anni kommt ebenfalls regelmäßig dorthin, um die Blumen auf dem Grab ihres Mannes zu gießen, der schon ein paar Jahre vorher verstorben ist.

Heinz’ Familie kann seine Euphorie über die Friedhofs-Romanze nicht so recht teilen. Natürlich freut man sich, dass der Opa guter Dinge ist, dass er nicht ausschließlich in der „amerikanischen Botschaft“ isst, wie er McDonald’s nennt. Aber ein bisschen sehr rasant kam die neue Liebe doch.

Der Blitz scheint bei Männern nach dem Ende einer Beziehung häufiger mal recht unvermittelt einzuschlagen. Bestseller-Autor Sebastian Fitzek, 48, machte damit im Dezember Schlagzeilen. Die Trennung von seiner Ehefrau, mit der er elf Jahre zusammen war und drei gemeinsame Kinder hat, lag gerade vier Monate zurück, als er sich im ICE von Berlin nach Leipzig, einer Strecke von 72 Minuten, Hals über Kopf neu verliebte. Seine neue Freundin ist Personalreferentin bei der Deutschen Bahn und 16 Jahre jünger als er. Wie die „Bunte“ weiß, sind die beiden unzertrennlich.

Auch über das „neue Liebesglück“ von Prominenten wie Helmut Schmidt oder Reinhold Messner wurde ausführlich berichtet. Wie schnell kann man eigentlich wieder bereit sein für eine neue Partnerin, wenn eine jahrzehntelange Beziehung endet, sei es durch einen Todesfall oder durch Trennung? Welche Verfallsgeschwindigkeit hat Liebe? Und was machen die Frauen? In der umgekehrten Rollenverteilung scheint man diese Art Geschichte seltener zu hören.

Eine Umfrage der Dating-Plattform Elitepartner bestätigt diesen Eindruck: Demnach fühlt sich jeder vierte Mann bereits nach vier Wochen offen für eine neue Beziehung. Frauen lassen sich deutlich mehr Zeit. Im Schnitt vergehen laut der Erhebung fast 15 Monate, bis sie wieder bereit für eine Bindung sind. Woher kommt diese Diskrepanz?

Frauen kommen besser mit Trennungen zurecht

Anruf bei der Schweizer Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello. Für ihr Buch „Wenn die Liebe nicht mehr jung ist“ hat sie erforscht, was eine Scheidung nach einer langen Ehe für Frauen und Männer bedeutet, und wie sie damit umgehen. Ihre zentrale Erkenntnis: Für beide ist sie ein einschneidendes kritisches Lebensereignis: „Es ist ein Urbedürfnis des Menschen, eine Heimat zu haben und emotional fest verankert zu sein. Jeder Mensch sehnt sich nach einer tiefen Verbundenheit mit einer Person.“ Paare prägten über die Zeit eine starke „Wir“-Identität aus. In den gemeinsamen Jahren etabliere man Routinen und Rollenaufteilungen, die es schwer machten, einen vom Partner unabhängigen Lebensstil zu entwickeln.

Perrig-Chiellos Untersuchung hat aber auch ergeben, dass die Mehrheit der Betroffenen langfristig gut mit der Trennung zurechtkommt – Frauen generell besser als Männer. Einerseits helfe Frauen ihr engeres soziales Netz: Wenn die Partnerschaft zerbricht, können sie auf deutlich mehr nahe Beziehungen zurückgreifen, die ihnen Halt geben. Zudem seien sie oft diejenigen, die eine langjährige Partnerschaft beendeten, hätten sich also schon länger mit der Trennung auseinandergesetzt als ihre Partner. Ebenso hätten sie öfter schon im Vorfeld Hilfe suchen wollen, während ihre Männer das eher ablehnten. Wenn die Frauen die Beziehung schließlich beendeten, seien die Partner oft tief erschüttert.

So war es auch bei Norbert Menge, einem heute 52-jährigen Unternehmer aus der Nähe von Freiburg. Nach 13 gemeinsamen Jahren hat ihm seine Frau im Sommer 2008 eröffnet, dass sie nicht mehr glücklich sei. Menge, der wie Hans, Melanie und Anni in Wirklichkeit einen anderen Namen trägt, war perplex: Die Beziehung war harmonisch, das Familienleben intakt, sie hatten ein großes Haus und keinerlei finanzielle Sorgen. „Und unser Intimleben war auch in Ordnung.“ Nur ein paar Monate später zog seine Frau aus dem gemeinsamen Haus fort, die Kinder, damals neun und zwölf Jahre alt, nahm sie mit. „Das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen“, sagt Menge. Er habe sich den Kopf zermartert, woran es gelegen haben könnte. So richtig wisse er es bis heute nicht.

Männer leiden stärker unter Einsamkeit

Die Kränkung, verlassen worden zu sein, setze den Männern stärker zu, sagt Perrig-Chiello. Das hänge auch mit den traditionellen Rollenbildern zusammen: „Ein Mann wird nicht verlassen.“

Männer, erklärt die Psychologin, stürzten sich häufiger als Frauen in eine neue Beziehung, um ihr Selbstwertgefühl zu reparieren und das Vakuum zu füllen, das das Ende der alten Beziehung hinterlasse. Sie litten nach einer Trennung stärker unter Einsamkeit als Frauen, fühlten sich sowohl emotional allein, weil ihnen die intime Beziehung fehle, als auch sozial, weil es in der Regel ihre Frauen waren, die die Kontakte zu Verwandten, Freunden und Bekannten gepflegt hatten.

Männer beenden eine Beziehung darum auch häufiger erst dann, wenn sie bereits eine neue Partnerin gefunden haben. In der Studie gaben 50 Prozent der Männer an, ihre alte Beziehung für eine neue aufgegeben zu haben. Bei den Frauen sagten das lediglich 30 Prozent.

Die Berliner Therapeutin Tina Steckling, die in ihrer Praxis „Soulmates“ auf Beziehungsprobleme, Liebeskummer und Trennungsschmerz spezialisiert ist, erlebt, dass es Männern noch immer schwerfällt, Schwäche zu zeigen und über emotionale Verletzungen zu sprechen. „Da steckt bis heute das James-Bond-Ideal in den Köpfen“, sagt sie. Soll heißen: Ein echter Mann kennt keinen Schmerz. Seine eigene Verletzbarkeit zu spüren, fühlt sich bedrohlich an. Viele hätten nicht gelernt, Gefühle von Schwäche in ihr starkes männliches Selbstbild zu integrieren. Gerade weil ihr Selbstwertgefühl durch eine Trennung so stark angegriffen sei, würden einige Männer versuchen, möglichst schnell wieder viel zu daten. Das sei ihre Art von Bewältigungsverhalten.

Auch Heinz sei kein Mann der großen Worte gewesen, erzählt seine Enkelin. Sie erinnert sich an ihren verstorbenen Großvater als pragmatischen Mann, ein Handwerker, der sich keine überbordende Emotionalität gestattet hätte. Wenn etwas schmerzte, wurde nicht mehr darüber gesprochen.

Die Trennung als emanzipatorischer Akt

In ihren Beratungsgesprächen merkt Steckling, dass sich das Bewusstsein langsam wandelt, jedenfalls bei ihrer Klientel im Reuterkiez: großstädtisch, kosmopolitisch, eher diesseits der 50. Bei ihr fragten sogar mehr Männer nach einem Termin als Frauen. „Viele meiner Klienten realisieren, dass sie noch in den alten Mustern stecken, würden diese aber gerne überwinden.“ Wollten sich intensiver mit ihren Gefühlen auseinandersetzen. Dafür suchten sie sich, ganz pragmatisch, eine Expertin.

Viele Frauen dagegen, weiß die Psychologin Perrig-Chiello, erleben eine Trennung durchaus als „emanzipatorischen Akt“, wissen die neue Unabhängigkeit zu schätzen. Gerade weil sie in der ersten Ehe oft Haushalt, Kinder und das Sozialleben der Familie geschmissen hätten, wollten sie sich nun auf sich konzentrieren und nicht noch mal in eine vergleichbar dienstbare Rolle fallen.

Norbert Menge jedenfalls ist heute wieder glücklich verheiratet. „Aber das erste Jahr war die Hölle.“ Seine neue Frau hat er etwa ein Jahr nach der Trennung über eine Dating-Seite kennengelernt, wo ein Freund ihn angemeldet hatte. Schon beim ersten Telefonat sei er fasziniert gewesen von ihrer Stimme – und beim dritten Treffen habe er sich verliebt. Einige Zeit später zog sie mit ihrem Sohn aus erster Ehe bei ihm ein.

Männer daten auch "nach unten", Frauen nicht

Die Zahl der Männer, die nach einer Scheidung wieder heiraten, ist höher als bei den Frauen: In der Erhebung waren fünf Jahre nach dem Ehe-Aus drei Viertel der Männer im Alter von 40 bis 60 wieder verheiratet, aber nur etwa jede zweite Frau. Im Alter über 60 ist die Diskrepanz noch größer: Bei Männern ist jeder Zweite in einer neuen Beziehung, bei Frauen nur jede Vierte.

Das dürfte jedoch nicht nur mit einem geringeren Interesse, sich neu zu binden, zu tun haben, sondern auch damit, dass Frauen ab Mitte 40 es schwer haben, auf Dating-Seiten einen Partner zu finden. Es ist bekannt, dass Männer auch im übertragenen Sinn „nach unten“ daten, dass sie durchaus Partnerinnen wählen, die über einen geringeren Lebensstandard oder weniger Bildung verfügen als sie.

Frauen dagegen suchen mindestens ebenso gut gebildete und situierte Partner. Wenn sie keinen solchen Partner finden, bleiben sie lieber allein.

Auch Anni war sechs Jahre jünger als Heinz. Die beiden kannten sich noch von früher: Als ihre Ehepartner noch lebten, haben sie hin und wieder zusammen Rommee gespielt. Wenn die Kartenkasse es hergab, sind sie auch mal alle gemeinsam übers Wochenende weggefahren. Diese Treffen lagen aber schon Jahre zurück, als Heinz und Anni sich auf dem Friedhof wiedertrafen. Heinz’ Ehefrau war in ihren letzten Lebensjahren nicht mehr fit genug dafür. „Mit Anni an seiner Seite ist Opa richtig aufgeblüht“, sagt seine Enkelin. Die beiden seien viel zusammen verreist, gerne in den „Kurlaub“ nach Tschechien oder an die Nordsee. Sie hätten noch über zehn schöne Jahre zusammen gehabt.

Im Jahr 2016 sind sie dann beide innerhalb von 24 Stunden verstorben. Heinz erlitt einen Herzinfarkt auf der Autobahn, da war er gerade auf dem Rückweg von einem Krankenbesuch bei Anni, die einige Tage zuvor ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Als er an diesem Tag durch die Tür kam, wurde sie gerade in die Not-Aufnahme abtransportiert. Dass es so schlecht stand um seine Anni, hat Heinz nicht mehr verkraftet. Diesmal traf ihn der Blitz mitten ins Herz. Wenige Stunden später war auch Anni tot.

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