Masken sind weltweit gefragt. Das zieht Kriminelle an. Und unlautere Händler. Foto: AFP
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Exklusiv Nepper, Schlepper, Maskenhändler Wie die sechs Millionen Masken für Deutschland aus Kenia „verschwanden“

Werner Bloch

Immer wieder sitzen Staaten beim Maskenkauf Betrügern auf. Der Fall, bei dem sechs Millionen Stück gestohlen worden sein sollten, wurde nun geklärt.

Ein Blick genügt. Wenn sich die S-Bahn-Türen öffnen, merkt jeder, dass dies ein anderes Land geworden ist. Deutschland, einig Maskenland. Seit Dienstag ist bundesweit die Maskenpflicht in ÖPNV und Einzelhandel beschlossen.

Man sieht gelbe, weiße, bläulich schimmernde Masken. Teure Designermasken, Leopardenmodelle, das Stück bis zu 100 Euro, stehen neben Modellen der Marke Eigenbau, und, ja, manchmal darf Opas alter Schal noch ran oder das schwarze Modell von der letzten 1. Mai-Demo.

Es brodelt auf dem Maskenmarkt

Ohne Maske geht gar nichts. Sie ist die soziale Krücke, macht Zusammensein überhaupt möglich, zumindest da, wo die Abstandsregeln nicht eingehalten werden können. Und das hat Folgen. Es brodelt auf dem Maskenmarkt.

Während Öl und Aktien in den Keller gehen, lässt sich mit nichts so viel Profit machen wie mit Atemmasken, die zu 90 Prozent aus China importiert werden. Ein Milliardengeschäft, das allerlei düstere Gestalten anlockt. Betrüger, Gauner, Wirtschaftskriminelle, Hochstapler, windige Anbieter geben sich die Ehre, auf Facebook im Inter- und im Darknet. Die Regeln sind einfach: Es herrscht Wildwest.

"Ich sage nichts ohne meinen Anwalt"

Nur rund 30 Prozent der Händler seien vertrauenswürdig, schätzt das BKA. Das heißt, dass 70 Prozent die Hand aufhalten. „Ich sage nichts ohne meinen Anwalt“, sagt Georg Schacht, ein Startup-Unternehmer, dessen Alltag am Handy beim versuchten Maskenkauf in China vor kurzem im Tagesspiegel abgebildet wurde.

Schacht, der in das Beschaffungsteam der Bundesrepublik eingebunden ist und mit dem auch schon mal Jens Spahn am Telefon plauscht, sieht das Business als Dschungel, den man nur noch mit dem Drogenhandel vergleichen kann. „Wenn ich alles erzählen würde, was ich weiß, bekäme ich große Probleme.“ Die Guten und die Bösen – sie lassen sich schwer auseinanderhalten. Vor allem, wenn sie sich maskieren.

Sechs Millionen Masken - bis heute nicht wieder aufgetaucht

Es gibt dann diese Geschichten, die keiner zu Ende erzählt. So geschehen im März, auf einem Flughafen in Kenia. Dort berichtete der „Spiegel“ von sechs Millionen Atemmasken, die für Deutschland bestimmt waren. Sie sollten am 19. März landen, verschwanden dann aber angeblich auf rätselhafte Weise auf einem Flughafen in Ostafrika – und sind bis heute nicht wiederaufgetaucht.

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Wie kann das sein? Zunächst berichtete der „Spiegel“, die Bundeswehr sei mit der Aktion betraut gewesen, spekulierte über Kriminelle, die die Masken gestohlen haben könnten. Später korrigierte das Nachrichtenmagazin: nicht die Bundeswehr, sondern die Generalzolldirektion sei mit den Handel betraut gewesen. Doch das Rätsel um die Masken wurde nie gelöst.

Die Generalzolldirektion prüft rechtliche Schritte

Wie ein Sprecher der Generalzolldirektion dem Tagesspiegel nun bestätigte, haben mitnichten Kriminelle sechs Millionen Masken geraubt. Die Antwort ist einfacher: Es hat diese Masken nie gegeben.

Eine Firma aus dem Frankfurter Raum, die keinerlei Erfahrung mit dem Transport medizinischer Güter vorweisen kann, hatte der Generalzolldirektion in Bonn sechs Millionen Masken angeboten. Von ihr stammt die Story, wonach die Masken in Kenia verschwunden sein sollen, auf einem nicht näher genannten Flughafen – und hoffte wohl, dass niemand die Geschichte nachprüfen könne.

"Ein klassisches Leergeschäft", sagt ein Insider

Offenbar wollte sich der untreue Anbieter seiner Vertragspflichten entledigen. Vielleicht hatte er die Masken, wenn er sie je besaß, zu einem höheren Preis woandershin vertickt.

„Ein klassisches Leergeschäft“, meint ein Insider, der von Berlin aus Medizingüter in die ganze Welt exportiert. Allerdings könnte das im Fall der fiktiven Kenia-Masken ein juristisches Nachspiel haben. Denn der untreue Händler hat nach deutschem Recht die vereinbarten sechs Millionen Masken zu liefern – egal, wo er sie hernimmt.

Oder er müsste Schadenersatz zahlen. Und das könnte richtig wehtun. Vor allem, wenn die Bonner Generalzolldirektion anderswo Masken zu einem höheren Preis ersteht und die Frankfurter Firma zur Rechenschaft zieht. Der wortbrüchige Lieferant müsste dann die Differenz auf den Tisch legen.

Ein ruinöses Unterfangen, die Preise am Maskenmarkt steigen jeden Tag. Die Generalzolldirektion behalte sich nun vor, gegen das Unternehmen juristisch vorzugehen, sagte ein Sprecher dem Tagesspiegel.

11,2 Millionen Masken - alle fake

Mit China-Geschäften auf die Nase gefallen ist auch Verkehrsminister Andreas Scheuer. Vollmundig hatte er angekündigt, Millionen Atemmasken aus fernen Ländern nach Deutschland holen – per Lufthansa und sogar umweltfreundlich mit der Bahn. Doch der Plan floppte. 11,2 Millionen Masken, die der Minister bestellt hatte, gammelten in einer Halle in Peking vor sich hin und erwiesen sich als Schrott. Fake-Artikel, in nichts deutschen Norm- und Qualitätsmaßstäben adäquat.

Gängige Praxis: Außen und Innen, Schein und Sein haben nichts miteinander zu tun, wo Schutzmaske draufsteht, ist vielleicht etwas ganz anderes drin.

"Bestimmte Herren tauchen mit Dollarbündeln auf"

Es wird in der Szene gelogen, was das Zeug hält. Da herrscht das Recht des Stärkeren – im Zweifel ein vollgepackter Bargeldkoffer. „Bestimmte Herren tauchen mit Dollarbündeln auf, noch Sekunden, bevor die Masken verzollt werden“, erzählt Georg Schacht. Und dann kann so eine Ladung ganz schnell mal die Richtung ändern und auf einem anderen Kontinent landen.

Berlin witterte Piraterie

Doch auch die politischen Standards sind heißgelaufen. Innensenator Andreas Geisel hatte zum Beispiel behauptet, 200 000 Schutzmasken für die Berliner Polizei seien in Bangkok auf dem Rollfeld „beschlagnahmt“, entführt und in die USA umgeleitet worden. „Inhuman“ nannte Bürgermeister Müller das Verhalten der USA, ein Verstoß gegen die Menschenrechte.

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Allerdings gibt es für diese Piraterie keinerlei Beweise. Nachdem viel transatlantisches Geschirr zerdeppert wurde, ist die Lage für Berlin eher peinlich. Während Michael Müller sich mehr oder weniger entschuldigt hat und zurückgerudert ist, beharrt Geisel auf seinen Behauptungen.

"Ich habe niemals gesagt, dass die Masken gekidnappt wurden"

Die Hysterisierung der Politik hat auch andere Länder gepackt. etwa Frankreich. Jean Rottner, der Präsident der Region Est (Elsass, Lothringen, etc.), wo es besonders viele Covid-19-Opfer gibt, hatte heftig die Wildwest-Praxis der USA gebrandmarkt – und musste dann zugeben, dass die von ihm bestellten Masken längst eingetroffen waren. 

„Vermeiden wir alle Unklarheiten“, schrieb Rottner auf Twitter, „ich habe niemals gesagt, dass die Masken gekidnappt wurden. Ich habe nur auf eine gängige Praxis verwiesen, wie sie auf den Rollfeldern der Welt praktiziert wird. Unsere Masken sind längst da.“

Den Reibach machen nicht die Chinesen

Das Coronavirus hat die Welt und ihre Machtverhältnisse durcheinandergewirbelt, das sichtbarste Zeichen dieser neuen Normalität sind die Masken. Beim chaotischen Handel sind aber die Schurkenrollen in der Regel nicht von Chinesen besetzt.

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Den Reibach machen westliche Ganoven – wie vor ein paar Wochen in Düsseldorf, als die NRW-Landesregierung eine Maskenorder für 15 Millionen Euro an eine Firma in Zürich ausgegeben und schon überwiesen hatte. Als man von dem Maskenhändler nichts mehr hörte, setzte Panik ein. Immerhin ließen sich noch die Konten einfrieren und ein Großteil des Geldes zurückholen.

Trigema produziert - im Luxussegment

China hat jetzt alle Optionen in der Hand. Ohne die Chinesen könnte kein Arzt in Deutschland mehr eine Operation ausführen. Acht bis zwölf Milliarden Masken, so hat Wirtschaftsminister Peter Altmaier verkündet, brauche man noch in diesem Jahr. Wo Deutschland sie hernehmen will, hat er nicht gesagt. Ohne Chinas gigantische Fabriken, die auf Masken umgestellt haben, geht es nicht.

Ein schöner PR-Effekt

Beim deutschen Textilsteller Trigema haben sie zwar inzwischen auf Masken-Produktion umgestellt. 200.000 Masken pro Woche. Allerdings im Hochpreissegment, „mit modischem Effekt, passend zum Shirt“. Unmoralisch findet Geschäftsführer Wolfgang Grupp seine Neuorientierung nicht; es sei ja auch nicht unmoralisch, mit einem teuren Hemd gutes Geld zu verdienen.

Die Zeichen der Zeit hat vielleicht am besten Hugo Boss erkannt. Das Unternehmen in Metzingen stellt 3000 Masken pro Tag her und verschenkt sie an Krankenhäuser und gemeinnützige Institutionen. Viel ist es nicht. Aber jede Maske hat einen schönen PR-Effekt.

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