Alle drei Monate am Donnerstagabend findet im Borchardt der Writers’ Thursday statt. Foto: imago/Christian Thiel
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Nachtlesungen Warum Literaturevents das neue Ausgehen sind

Thomas Melle und Ronja von Rönne lesen, Campino und Heike Makatsch hören zu. Lesungen boomen, nicht nur in Berlin.

Das Borchardt in der Französischen Straße ist nicht irgendein Schnitzelrestaurant. Es gilt als „Kantine der Republik“, „Wohnzimmer der Stars“, Mythos. Barack Obama, George Clooney und Natalie Portmann haben sich schon blicken lassen. Da fällt die majestätische weiße Marmortreppe, die aus dem Hausflur nach oben in eine 250 Quadratmeter große Jahrhundertwende-Wohnung führt, den meisten gar nicht auf.

Alle drei Monate schiebt sich am Donnerstagabend eine Schlange aus Medienleuten, Musikszene und Literaturbetrieb erwartungsvoll die Stufen hoch. Am Writers’ Thursday gibt’s in der ehemaligen Privatwohnung des Firmengründers August W. Borchardt den heißen Stoff der Gegenwartsliteratur: Dann lesen dort Thomas Melle, Ronja von Rönne, Angelika Klüssendorf oder Sven Regener aus ihren neuen Büchern.

Sobald man die Türschwelle übertritt, ist das Licht schummrig, Zigarettenrauch hängt in der Luft. Überall drängen sich die Gäste, im Billardzimmer, der Bibliothek mit den hohen, dunklen Regalen, an den Bars, vorm Klo. Die Atmosphäre schwebt zwischen britischem Herrenclub und WG-Party. Man trägt Berliner Schwarz, flache Doc Martens und entblößte Knöchel.

Sex, Drogen, Gewalt und Musik

Wenn die Lesung beginnt, kommen alle im großen Salon mit seinen pompejanisch-rot getünchten Wänden, den Kassettendecken und den großformatigen Tillmans-Fotografien zusammen. Sven Regener, Autor der Frank-Lehmann-Romane und Frontmann der Band Element of Crime, liest mit nordischem Slang und dicker schwarzer Brille aus seinem jüngsten Band „Wiener Straße“. Die Figuren sind verpeilt wie üblich, aber der Kreuzberger Kontaktbereichsbeamte hat alles im Griff: „Das war so einer, da hab’ ich ein Gespür für. Die bestellen einen Tee, am Ende noch mit Zitrone, und dann nehmen sie den Teelöffel und machen sich da die Drogen drin heiß. Auf eurem Klo!“

Lesungen boomen, nicht nur in Berlin, wo Lesebühnen und Poetry Slams schon lange populär sind. Inzwischen finden sie in ganz Deutschland statt, auch in Form von Literaturfestivals. Es gibt nicht nur die LitCologne, sondern auch die LitRuhr, die Hamlit, die Lit:potsdam. Allein auf der Leipziger Buchmesse gab es in diesem Jahr 3600 Veranstaltungen und Lesungen an 550 Orten – im Zoo, in Museen oder Anwaltskanzleien.

Beim Writers’ Thursday lesen sechs Autoren hintereinander, jeder 15 Minuten lang. Der 54-jährige Journalist und Autor Rainer Schmidt hat das Format 2015 erfunden. Er ist groß, hat silberne Haare, trägt ein schwarzes Hemd zu Jeans und Turnschuhen. Die meisten Bücher, die er auswählt, kreisen um Sex, Drogen, Gewalt und Musik, oft blitzen die alten und neuen Hotspots der Stadt darin auf, das Berghain, das Cookies, das Kreuzberg der 80er. „Hohe Wirklichkeitssättigung“, nennt er das. Schmidt, der früher viel in der Techno-Szene unterwegs war, schenkt sich jedes Palaver mit den Autoren, stellt sie nur in aller Kürze vor; aber selbst das scheint ihm zu lange zu dauern. Er spricht immer schneller, überschlägt sich fast, bis ein finales: „So!“ aus ihm herausbricht.

Mehr Nachtleben als Bildungsprogramm

Im Gespräch sagt er: „Ich will einen schnellen Wechsel von Stimmen und Stimmungen.“ Ein Panorama der Möglichkeiten der Literatur, so wie in einer Clubnacht ein DJ auf den nächsten folgt. Stokowski. Fricke. Klüssendorf.

Sobald der letzte Satz gelesen ist, strömt alles an die Bars. Die schlanken Flaschen, pardon Flakons, der Edelbiersorte Noam Bavaria Berlin und Aperol-Spritz-Gläser gehen über den Tresen. Heike Makatsch läuft vorbei, ein Stück weiter lehnt Campino an der Wand. Es ist jedes Mal gerappelt voll, 200 von Schmidt geladene Gäste finden Platz. Um teilzunehmen, kann man sein Glück mit einer Anfrage an ihn über Facebook versuchen.

Genauso hatte Schmidt sich das vorgestellt. Er wollte keine reine Buchpräsentation, sondern ein Event, mehr Nachtleben als Bildungsprogramm. Nicht zufällig hat er den Donnerstag dafür gewählt, den alten Berliner Ausgehtag. „Wenn alles klappt, ist das genauso euphorisierend wie eine durchtanzte Nacht“, sagt er.

Das hier ist seine Party, die soll auch zünden. Bevor es losgeht, ist er jedes Mal ziemlich nervös. Dann sitzt er unten im Borchardt – und isst Suppe. Von den berühmten Schnitzeln kriegt er keins runter.

Dabei sind die 200 Gäste noch eine überschaubare Zahl. Autoren wie Daniel Kehlmann oder Marc-Uwe Kling füllen mittlerweile das Tempodrom. Das hat mehr als 3000 Plätze und wird sonst von Acts wie Kylie Minogue oder DJ Ötzi bespielt.

Immer weniger Bücher werden verkauft

An der Faszination für das Medium Buch allein kann das nicht liegen. Die Zahl der Buchkäufer schrumpft von Jahr zu Jahr: In den vergangenen fünf Jahren hat der Buchhandel mehr als sechs Millionen – immerhin 18 Prozent – verloren. Am stärksten ist der Verlust in der Gruppe der 20 bis 49-Jährigen. Nach einer Erhebung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels fließt ein Großteil der Aufmerksamkeit dieser Generation in andere Medien ab.

In der Studie haben die Befragten angegeben, dass sie lieber mit anderen zusammen Netflix-Serien schauen oder Games spielen. Wenn das nicht klappt, wollen sie sich zumindest darauf verlassen, dass sie am nächsten Tag darüber reden können. Das haut auch meistens hin, weil zum Beispiel Serien allgemeiner Gesprächsstoff sind.

Aber Bücher? Die sind schon längst nicht mehr talk of the town. Dass die Menge geschlossen dem Erscheinungstag eines Bandes entgegenfieberte und ihn parallel verschlang, hat man wohl zum letzten Mal bei Harry Potter gehört. Doch das Bedürfnis, sich auszutauschen über das, was man gelesen hat, ist ja noch da. „Anschlusskommunikation“ nennen das die Wissenschaftler.

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